Salzkörner

Dienstag, 30. Juni 2015

Flucht und Vertreibung

Editorial

Wenn uns mein Vater in den 1970er-Jahren von der Vertreibung seiner, unserer Familie aus ihrer schlesischen Heimat erzählte, löste das, ich gestehe es heute mit Scham und Trauer, bei mir eher ein desinteressiertes Augenrollen aus. Bundespräsident Gauck hat mich in seiner beeindruckenden Rede am Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung daran erinnert. Warum, frage ich mich, war es so schwer, für Unrecht, Leid, Gewalt und Entwurzelung Mitgefühl zu entwickeln?

Zum ersten Mal hat Deutschland am 20. Juni mit einem offiziellen Gedenktag jener Millionen von Deutschen gedacht, die am Ende des Krieges zwangsweise ihre Heimat verloren. Verbunden damit wurde zum ersten Mal regierungsamtlich der Internationale Weltflüchtlingstag begangen, wie er vor fünfzehn Jahren von den Vereinten Nationen beschlossen wurde. Der Bundespräsident unterstrich, dass sie auf eine ganz existenzielle Weise zusammengehören – die Schicksale von damals und die Schicksale von heute, die Trauer und die Erwartungen von damals und die Ängste und die Zukunftshoffnungen von heute.  Gauck wörtlich: "Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen. Und umgekehrt: Die Auseinandersetzung mit den Entwurzelten von heute könnte unsere Empathie mit den Entwurzelten von damals fördern."

Es ist gut, dass dieser Gedenktag eingerichtet wurde. Wir sollten unsere Möglichkeiten nutzen, um ihn mit Leben zu erfüllen. Die 23.000 Kölner Glockenschläge waren ein tief bewegender Anfang. Gauck schloss seine Rede so: "Vor 70 Jahren hat ein armes und zerstörtes Deutschland Millionen Flüchtlinge zu integrieren vermocht. Denken wir heute nicht zu klein von uns. Haben wir Vertrauen in die Kräfte, über die dieses Land verfügt."

 

 

Autor: Stefan Vesper

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