Salzkörner

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Flucht vor dem Unaushaltbaren

Weihnachtlicher Impuls

Vergessen Sie einmal bitte gängiges, im Nachgang der Geburt Jesu Christi entstandenes Kulturgut, das sich auch außereuropäisch behauptet, wie z. B. in den Weihnachtsliedern "Alle Jahre wieder", "Fröhliche Weihnacht überall" oder "Stille Nacht". Nein, das ist keine Neuauflage einer Konsumkritik (diese allerdings wäre angebracht). Aber, ja, es geht um etwas, das erschüttert bzw. unfassbar ist.

Gehen wir gemeinsam im Nachdenken auf das Undenkbare zurück, zu dem Anfang, an dem Gott begann, Geschichte zu sein. Ja, die Komponente Gott muss hier von Ihnen schon gewollt sein, sonst können Sie jetzt aufhören mitzudenken und wahlweise weiter "Stille Nacht" singen. Dem Undenkbaren, dem nur in Bildern Annäherbaren nachzugehen beginnt mit dem von Menschenhand geschaffenen Gemälde der Schöpfung. Dieses Bild steht für Gott, der aus sich heraus ausgestiegen ist, und schaffte, was in ihm selbst nur untergehen könnte, ein Gegenüber seiner selbst, von uns Kreaturen Welt und All genannt. Diese, in der theologischen Reflexion auf den Begriff Entäußerung reduzierte ausgreifende Handlung Gottes, personalisiert sich dann zeitgemäß in seiner Menschwerdung, der anderen Daseinsweise Gottes in Jesus Christus, Kraft seiner Universalität, die blumig im Wort "Heiliger Geist" bekannt wird. Und nun stehen wir, nach diesem methodisch hinkenden Zeitraffer, an der Krippe Jesu. Hier wird unfassbar, was bisherige Bilder von der Präsenz Gottes nur andeuten konnten. Unfassbar diese Realität, die alle Bilderwelt übersteigt und doch nur im Bild zu haben ist, da eben unfassbar; Gott ist Kind geworden, wurde erwachsen, prägte die Herzen einiger Menschen und störte Systeme, die ihn wiederrum zerbrachen. Dann der vorerst letzte Handschlag des Menschen: Nägel durch Jesu Handwurzel getrieben. Die Fortsetzung lassen wir, die lenkt hier nur ab. Zurück zu dem Kind also: Der Gott des ersten Bundes, in Christus Mensch geworden, wirkt zurück auf den Menschen und seine Bilderwelt, und damit enden seine archaischen Bildvorstellungen in die Realität dessen hinein, den manche Menschen als gottaffine Geschöpfe zu recht besingen: "Vom Himmel hoch, da komm ich her." Das erschütterte alles bisher vom Menschen Wahrgenommene. Wer aber kann dieses unfassbare Geschehen ohne Betäubung aushalten? Auch nähert sich dem Unfassbaren nicht annähernd dieses Lied: "Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft…". Jedoch ist diese gesungene Wallung von Emotionen nur die (unbewusste) Flucht vor dem Unaushaltbaren. Der Fluchtinstinkt des Menschen lässt ihn selbst eintauchen in stimmungsvolle Verstehbarkeit. Solche Verstehbarkeit, alle Jahre wieder, so auch bezogen auf die Aktualität des Kindes im Jahr 2017, ist nur eine sezierende Bildabfolge dessen, was eben nicht mehr in Bilder aufzuheben und zu lagern gelingt. Gott wird unaushaltbar Mensch. Doch der Mensch staunt nicht (mehr) über das Unaushaltbare, sondern packt es immer und immer wieder in Weihnachtspapier ein und so weg. Das Staunen ist die einzig angemessene Weise, die Menschwerdung Gottes relativ schmerzfrei auszuhalten. Aber kann das Staunen überhaupt noch gelingen, angesichts der mittlerweile fehlenden Überraschung, die sich in einer über 1600 Jahre alten Feierkultur selber ergeben hat? Nur wer sich nicht ablenkt und ablenken lässt, wird Staunen wieder lernen können, über Gott, der Mensch wird. Staunen ist hier die Antwort aller Antworten! Aber Menschen werden auch noch in hundert Jahren, wenn es uns dann überhaupt noch gibt, "Stille Nacht" singen. Es sei denn, die Menschheit hätte langsam den Grund der Weihnacht vergessen. Dieses Vergessen hat durch unserer Weihnachtsfeierkultur längst schon begonnen, in der bald der Osterhase vielleicht das Weihnachtskind bringt, oder umgekehrt?

Autor: Christoph Stender | Rektor und Geschäftsführer des Sachbereiches 1 "Theologie, Pastoral und Ökumene" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken

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