Salzkörner

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Fremdheit überwinden

Kulturprägende Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgreifen

Die im Zweiten Vatikanischen Konzil begonnene Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Kunst fordert die Kirche heraus, zur aufmerksamen Begleiterin aktueller kulturpolitischer Debatten zu werden. Es gilt in der Kirche auch die Dimension der kulturellen Diakonie stärker zu entfalten, weit über den Kirchenraum hinaus.
Das Konzil und die Kunst
Die Äußerungen des Konzils zur Kunst beziehen sich im Wesentlichen auf Kunst im kirchlichen Kontext. So heißt es in der Liturgiekonstitution: "Zu den vornehmsten Betätigungen der der schöpferischen Veranlagung des Menschen zählen mit gutem Recht die schönen Künste", um dann einschränkend fortzufahren: "insbesondere die religiöse Kunst und ihre höchste Form, die sakrale Kunst" (SC 122). Die Kirche, so heißt es etwas beschönigend, habe "niemals einen Stil als ihren eigenen betrachtet, sondern hat je nach Eigenart und Lebensbedingungen der Völker und nach den Erfordernissen der verschiedenen Riten die Sonderart eines jeden Zeitalters zugelassen und so im Laufe der Jahrhunderte einen Schatz zusammengetragen, der mit aller Sorge zu hüten ist. Auch die Kunst unserer Zeit und aller Völker und Länder soll in der Kirche Freiheit der Ausübung haben." (SC 123). Um den neuen Ansatz zu verstehen, führe man sich vor Augen, dass vier Jahrzehnte zuvor noch die "Suprema Sacra Congregatio Sancti Officii" in Rom Bilder der Malerschule des belgischen Expressionisten Albert Servaes (1883 – 1966) verboten hat.

Von besonderer Bedeutung sind die Aussagen der Pastoralkonstitution. Das zweite Kapitel des zweiten Teils, überschrieben mit " Die Situation der Kultur in der Welt von heute", verdient eine gründliche Relecture. Die ist in den wenigen Anmerkungen hier nicht möglich. Ein Auszug aus den sehr lesenswerten Abschnitten: "Durch angestrengtes Bemühen soll erreicht werden, dass die Künstler das Bewusstsein haben können, in ihrem Schaffen von der Kirche anerkannt zu sein, und dass sie im Besitz der ihnen zustehenden Freiheit leichter zum Kontakt mit der christlichen Gemeinde kommen. Auch die neuen Formen der Kunst, die gemäß der Eigenart der verschiedenen Völker und Länder den Menschen unserer Zeit entsprechen, sollen von der Kirche anerkannt werden." (GS 62)
Paul VI. – der verkannte Reformer
Es sind einzelne Persönlichkeiten, die solche Aussagen des Konzils möglich machten und aus Texten Praxis werden ließen. Ein wesentlicher Motor dieser Themen war der Papst des Konzils Paul VI. Besonders wichtig für die kirchenoffizielle Akzeptanz neuer Kunst war die Einrichtung einer Abteilung für Zeitgenössische Kunst in den Vatikanischen Museen, in den Appartamento Borgia, im Jahre 1973. Hier wurde erstmals auch abstrakte Kunst gesammelt und damit kirchlich nobilitiert. Die erstaunlichste und radikalste Äußerung zur Kultur von Paul VI. stammt aus dem Jahre 1965. In seinem Schreiben "Evangelii nuntiandi" über die Evangelisierung heißt es: "Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche, wie es auch das anderer Epochen gewesen ist". Diese Aussage ist in ihrer Tragweite in der kirchlichen Praxis leider immer noch nicht hinreichend rezipiert worden.

1964 hat Paul VI. in einer Ansprache Künstler um Vergebung gebeten: "Um zugleich ehrlich und kühn zu sein, erkennen wir an, dass wir euch schwer zugesetzt haben. Wir haben euch Leiden zugefügt, weil wir euch als primäre Regel für euer Arbeiten die Nachahmung aufgedrängt haben, euch, die ihr Schöpfer seid mit tausend Ideen und tausend Neuerungen. Wir – so sagte man euch – haben diesen und keinen anderen Stil, ihr müsst euch anpassen [...] Wir haben euch einen Maulkorb umgebunden – und deshalb haben wir Grund zu sagen: Vergebt uns!" Er sagte dies allerdings in einer Situation, in der sich die Künstler längst so weit abgewandt hatten, dass sie sich weder von Verdikt noch von Vergebungsbitte betroffen fühlten. Das seit 150 Jahren gespannte Verhältnis der Kunst zur Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich entspannt. Das hängt weniger mit der unmittelbaren Rezeption des Konzils zusammen, sondern mit einem neuen Interesse an religiösen Phänomenen in der Kunst, verbunden mit einer geschwundenen Angst vor Vereinnahmung durch die Kirche. Vielleicht liegt die neue Annäherung auch darin, dass beide, Kirche wie Kunst, inzwischen zu Exoten einer ökonomisierten Welt werden.
Annäherung von Kirche und Kunst in Deutschland
Eine wichtige Stufe in der Verbesserung des Verhältnisses zwischen Kunst und Kirche waren in Deutschland die großen Ausstellungen über religiöse Elemente in der jüngeren Kunst, worunter die von Wieland Schmied betreute Exposition 1980 in Berlin unter dem Titel "Zeichen des Glaubens – Geist der Avantgarde" besonders hervorzuheben ist. Seither hat sich viel verändert. Kirchen sind zu beliebten Ausstellungsräumen geworden; evangelische und katholische Einrichtungen befassen sich mit zeitgenössischer Kunst. Wenn auch die dauerhaften Anschaffungen für Kirchengemeinden leider auf wenige Ausnahmen beschränkt sind, ist im Bereich der temporären Aktionen vieles geschehen. Zu den Institutionen, die sich von ihrem Selbstverständnis her mit Kunst befassen wie die Diözesanmuseen und kirchlichen Akademien, treten die Kulturprogramme der evangelischen Kirchentage und der Katholikentage. Zu erwähnen sind auch die Tagungen der deutschen Bischöfe und des Zentralkomitees der Katholiken mit Künstlern, so 2010 mit Theaterleuten in Weingarten, sowie die jährlich stattfindenden Künstlertreffen des Zentralkomitees. Auch die Kunstpreise der Kirche wären zu nennen, die sich nicht auf Kunst im Kontext kirchlicher Praxis beziehen, allen voran der 2011 zum siebten Mal verliehene "Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken".

Nimmt man die Freundschaftserklärungen des Konzils und der Päpste gegenüber den Künstlern ernst, dann stellen sich weitergehende Fragen. Warum ist es nicht genauso selbstverständlich, wie es kirchliche Äußerungen zu Fragen der Bildungs-, der Sozial-, der Umwelt- und Familienpolitik gibt, dass die Kirche auch in aktuellen kulturpolitischen Debatten Stellung bezieht? Erstaunlicherweise geht es nach wie vor in den kunstbezogenen Äußerungen der Kirchen vor allem um die Kunst in der Kirche, nicht um die Künste in allen ihren Ausdrucksformen.

1999 hat das Zentralkomitee der Katholiken eine kulturpolitische Erklärung verfasst, die zum ersten Mal die Fragen der Arbeitsbedingungen, der Förderungen und der Finanzierungen von Kunst und Kultur zum Thema gemacht hat. In einer Schrift der EKD wurde diese Erklärung später summarisch zustimmend zitiert. Defizite hier zu benennen, bedeutet zugleich eine Erinnerung und erneuerte Selbstverpflichtung.
Fremdheit überwinden
Es ist ja nicht so, als wären die Positionen etwa nicht mehrheitsfähig unter den Christen in diesem Land; es gilt eher, die traditionelle Fremdheit zu überwinden, die zwischen einem "säkularen" Kulturbetrieb und der kircheninternen Kunstpraxis immer noch vorherrschen.

Ich komme noch einmal auf den Konzilspapst Papst Paul VI. zurück, der 1976 in einer Ansprache seinen Vorgänger Pius XII. aus dem Jahr 1952 zitierte: "Aufgabe jeder Kunst ist es, die engen und beängstigenden Grenzen des Endlichen, in denen der Mensch, solange er auf Erden lebt, gefangen ist, zu durchbrechen und seinem Geist, der sich nach dem Unendlichen sehnt, ein Fenster aufzustoßen". Die Nachbarschaft des künstlerischen Erlebens zum religiösen Erleben, in dem beiden gemeinsamen Überstieg des Denkens und Empfindens über materielle und ökonomische Fragen hinaus, schafft eine natürliche Nähe.

Sie fordert auf, sich auch als Kirche für so scheinbar Nebensächliches, für die Betroffenen aber elementar Wichtiges wie die Künstlersozialkasse einzusetzen oder sich dem aktuellen Sterben von Kultureinrichtungen zu widersetzen. Auch bei diesen Themen ist die Kirche in der Tradition einer kulturellen Diakonie ganz bei sich. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Weg dafür gewiesen, aus der Selbstbezogenheit der innerkirchlichen Diskurse herauszutreten und auch in der Kulturszene "Salz der Erde" (Mt 5,13) zu sein.



Ein ausführliche Fassung des Beitrags finden Sie unter:
http://www.kulturrat.de/dokumente/puk/puk2012/puk06-12.pdf

 

Autor: Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg MdL, Kulturpolitischer Sprecher des ZdK

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