Salzkörner

Montag, 3. Mai 2010

Für eine Kultur des Dialogs

Christsein in der Gesellschaft – Christsein für die Gesellschaft
Vom 12. bis 16. Mai findet in München der 2.Ökumenische Kirchentag statt. Josef Philip Winkler, Sprecher des ZdK für politische Grundfragen, formuliert seine Erwartungen.

Christsein in der Gesellschaft heißt für mich, nach den christlichen Grundsätzen zu handeln und eben auch mein politisches Handeln danach zu richten. Nächstenliebe, Fürsorge für die Schwachen und Bewahrung der Schöpfung sind für mich keine Schlagworte sondern Leitlinien – im Leben und in der Politik. Christsein für die Gesellschaft bedeutet, sich mit diesen Grundwerten in der Gesellschaft einzubringen und für eine Gesellschaft des gegenseitigen Respekts, der Toleranz und der gegenseitigen Mithilfe einzutreten.

Es freut mich und erfüllt mich mit Ehre, gemeinsam mit vielen engagierten Mitstreitern, eben diesen Fragen nach der politischen Umsetzung der Ziele einer engagierten, gerechten und fairen Gesellschaft und wie politische Rahmenbedingungen eine solche Gesellschaft unterstützen können, nun neben meinem Abgeordnetenmandat auch als Sprecher des Sachbereiches für politische Grundfragen des ZdK nachgehen zu können. Die Frage nach dem gesellschaftlichen Miteinander geht uns alle an – je mehr Personen sich dafür interessieren und dafür eintreten, desto näher kommen wir dem Ideal einer gerechten und freundlichen Gesellschaft. Hier meinen Teil beizutragen ist mir wichtig – und das ist mein Engagement eben als Katholik in der und für die Gesellschaft.

Der Ökumenischen Kirchentag

Der 2. Ökumenische Kirchentag ist mehr als ein kirchliches, politisches und gesellschaftliches Großereignis. Er ist auch Chance und Gelegenheit, sich mit den Bedingungen und Themen christlichen Handelns und Wirkens in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Die für mich zentralen Dialoglinien innerhalb und zwischen Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Gesellschaft möchte ich anlässlich des bevorstehenden Ökumenischen Kirchentages hier beschreiben.

Das Gemeinsame betonen

Die Ökumene ist in Deutschland vorangekommen, ein äußerst wichtiger Anstoß dafür war der erste Ökumenische Kirchentag in Berlin 2003. Die Begeisterung für die Zusammenarbeit ist groß und wurde und wird auch in ganz Deutschland an zahllosen Orten fortgesetzt, bei ökumenischen Gesprächskreisen, Veranstaltungen und Festen.

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sind zwar konfessionell getrennt, dennoch haben sie natürlich viele Gemeinsamkeiten. Insbesondere das Jahr des 2. Ökumenischen Kirchentages bietet die Chance, die Gemeinsamkeiten zu entdecken, gemeinsam zu pflegen und zu erleben. Insbesondere bei den kirchlichen Laien – der Basis wenn man so möchte – wird stärker das Gemeinsame empfunden als das Trennende. Bei den heute selbstverständlichen gemischtkonfessionellen Ehen freuen sich die Ehepartner eher darüber, als gemeinsames Erleben den Glauben an Gott und den Halt in der Institution und den Ritualen der Kirche zu haben, als dass es zu Konflikten über die konkrete Religionsausübung kommt. Und die beiden Kirchen und ihre Gläubigen eint vieles – vom Glauben an den einen Gott, die Bibel als sein Wort, die Gottesdienste, Ostern, Pfingsten und Weihnachten als hohe Feiertage und – in besonderem Maße – die Taufe als heiliges Ritual der Aufnahme.

Gerade in Deutschland, wo die Grundgesetz–Präambel einen expliziten Gottesbezug hat, kommt den beiden christlichen Kirchen ein hoher Stellenwert zu. Auch hier – in der Verfassung – werden die Glaubensgemeinschaften gemeinsam angesprochen.

Religiöse Vielfalt

Aber auch wenn der Dialog der katholischen mit der evangelischen Kirche sicher das Hauptaugenmerk hat, so ist doch die Ökumene nicht nur ein Thema für Protestanten und Katholiken. Wichtig war und ist auch der Dialog mit den anderen christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften sowie dem Judentum und dem Islam. Bei allen Schwierigkeiten und Konflikten, die hier auftreten und die sicher nicht von heute auf morgen gelöst werden können, ist mir der Dialog ein großes Anliegen.

Selbstverständlich gibt es im interreligiösen Dialog und in der Ausformung der Glaubensrichtungen sehr große Unterschiede. Diese sollen nicht verdrängt oder weggewischt werden, das ist sicher nicht der richtige Weg und kann auch nicht Ziel sein.

Der gegenseitige Respekt, die Neugier aufeinander und der Austausch über Verbindendes, aber auch der ehrliche Austausch über Trennendes – das ist ein spannender und alle Seiten bereichernder Weg. Eben deshalb bin ich auch bereits gespannt auf die Dialogzentren auf dem Kirchentag zu jüdisch-christlichem und islamisch-christlichem Dialog.

Verantwortung vor Mensch und Umwelt

Der ökumenische Kirchentag wird sich intensiv mit dem Begriff christlicher Verantwortung auseinandersetzen. Verantwortung meint Verantwortung vor dem Menschen – dies manifestiert sich im christlichen Menschenbild und der Menschenwürde, die jeder einzelne Mensch unteilbar, unverrückbar hat, beide sind eins und gehören zusammen.

Ein wichtiger Aspekt hierbei ist der Lebensschutz. Ein weiteres aktives Eintreten für diesen Aspekt der Menschenrechte ist vonnöten, insbesondere im Hinblick auf die Regelungen zu Stammzellen und Patientenverfügungen, die in der letzten Legislaturperiode beschlossen wurden.

Absolut höchste Priorität haben die Wahrung und der Schutz der Menschenrechte. Ein Aspekt der universellen Menschenrechte, der insbesondere anlässlich von Katholiken- und Kirchentagen hervorgehoben werden sollte, ist die Religionsfreiheit, die leider weltweit oftmals nicht gewährt wird.

Verantwortung meint gleichsam auch Verantwortung vor der Natur und das engagierte Eintreten für die Bewahrung der Schöpfung. Die konkreten Probleme der Umweltverschmutzung, der Bewahrung der Artenvielfalt und des Klimawandels sind aus christlicher Sicht ein sehr wichtiges Anliegen. Für mich trifft das in besonderem Maße sowohl als Katholik als auch als Politiker zu. Umweltschutz ist für mich sowohl "Glaubensbekenntnis" als auch konkreter Wählerauftrag.

Prozesse der Säkularisierung

Die immer weiter voranschreitende Säkularisierung des Alltags, wie sie sich zum Beispiel an der Aufweichung des Sonntagschutzes zeigt, wird von den Menschen nicht einfach so hingenommen oder mitgetragen. Nein, im Gegenteil – sie ruft eine starke Gegenbewegung hervor. Dies zeigt sich beim einzelnen Menschen, der nach der Sinnhaftigkeit in der Kirche, in Gottesdiensten, im kirchlichen Engagement sucht. Das zeigt sich bei Ereignissen wie den Katholiken- und Jugendtagen, die von Menschen aller Generationen besucht werden und die jedes Jahr ganze Städte füllen, und das zeigt sich auch in Judikative und Legislative, die dem wirtschaftlichen Primat Grenzen aufzeigen – wie kürzlich in der Entscheidung für den Sonntagsschutz.

Dialog mit Nichtgläubigen

Der Ökumenische Kirchentag dreht sich natürlich insbesondere um den Dialog zwischen Christen, und um den interreligiösen Dialog. Ich möchte an dieser Stelle dennoch eine Lanze für einen anderen Dialog brechen: Den Dialog zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen.

Hier geht es mir nicht um Missionierungsarbeit, sondern zunächst um etwas sehr viel Einfacheres: Verständnis und Toleranz. Es ist fast schon wider Willen beeindruckend, mit wie vielen Vorurteilen sich Nichtgläubige wappnen, um sich nicht mit Kirche und Glauben beschäftigen zu müssen. Das Bild erschöpft sich oftmals in reiner Kritik und Ablehnung.

Dass Kirche unendlich viel mehr ist als das, dass sich zahllose Menschen in ihr und in ihren Strukturen engagieren, die sehr lebendige und vielfältige Kultur allein der kirchlichen Laien, wird ignoriert. Und ebenso, dass die von außen wahrgenommenen Konflikte auch innerkirchliche Konflikte sind, Gegenstand ernsthafter und lebhafter Debatten.

Hier würde ich mir ein wenig Offenheit wünschen, einfache Neugier und nicht reflexhafte Abwehr. Wie ein solcher Dialog aussehen kann, das wird man auf dem Ökumenischen Kirchentag beobachten können, beim lebendigen interkirchlichen und interreligiösen Austausch. In diesem Sinne freue ich mich auf spannende Debatten, Beiträge und Denkanstöße auf dem Ökumenischen Kirchentag in München!

Autor: Josef Philip Winkler MdB, Sprecher des ZdK für politische Grundfragen

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