Salzkörner

Montag, 20. Dezember 2010

Gelebte Beziehung braucht Zeit

Familienpolitik als Zeitpolitik
Geld, Infrastruktur und Zeit – das ist der Dreiklang, den die Bundesregierung im "Siebten Familienbericht" für eine erfolgreiche Familienpolitik propagiert. In der Praxis hat sich die Politik der Aufgabe "Zeit für Familie" viel zu lange verschlossen.

Treffend wird im Siebten Familienbericht festgestellt, dass Eltern in zunehmendem Maße Zeitprobleme empfinden und in Familien eine "gefühlte Zeitnot" existiert. "Zeitprobleme ergeben sich für Familien nicht alleine aus einem unzureichenden quantitativen Zeitbudget, sondern ebenso aus einer unzureichenden Qualität von Zeit."

Familie ist nur lebbar, wenn die Mitglieder einer Familie gemeinsame Zeit miteinander erleben können. Denn es geht in Familien nicht um ein reibungsloses zeitliches Nebeneinander, sondern um persönliche Zuwendung und gemeinsame Erfahrungen. Um dies zu ermöglichen, bedarf es einer aktiven Koordination und Synchronisation.

Zeit und Erwerbsarbeit

Beeinflusst wird die innerfamiliäre Zeitgestaltung maßgeblich von Zeitanforderungen, die von außen einwirken: Schulzeiten, Öffnungszeiten – aber in ganz besonderem Maße die Zeiten für die Erwerbsarbeit. Sie ist wie kein anderer Bereich prägend für das Familienleben. Dies gilt nicht nur in quantitativer Hinsicht. Auch durch die zunehmend flexibel gestaltete Verteilung der Arbeitszeit bestimmt die Erwerbsarbeit die Zeitgestaltung von Familien. Zeitkonflikte sind immer dann besonders spürbar, wenn Arbeitszeiten unfreiwillig und als Vorgaben durch den Arbeitgeber die üblichen Standards verlassen und nicht mit den familialen Belangen abgestimmt werden können.

Absicherung der zeitlichen
Gestaltungsfreiheit

Zunächst geht es um geeignete gesetzliche, tarifvertragliche und betriebliche Rahmenbedingungen zur Absicherung der zeitlichen Gestaltungsfreiheit. Rechtliche Rahmenbedingungen geben entscheidende Richtmaße vor: Von der EU-Arbeitszeit-Richtlinie und dem Arbeitszeitgesetz über das Teilzeit- und Befristungsgesetz, das Elternzeitgesetz, das Pflegezeitgesetz bis hin zu den Regelungen von Ladenöffnungszeiten.

Rechtliche Bestimmungen können allerdings nur dann Wirkkraft entfalten, wenn sie in der Praxis tatsächlich "gelebt" werden. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Rechtsansprüche, beispielsweise die Freistellung zur Pflege eines kranken Kindes, oftmals nicht in Anspruch genommen werden. Drohen Nachteile, unterbleibt in der Regel das Einfordern bestehender Rechte. Es liegt daher in der Verantwortung der Unternehmen für ein Klima zu sorgen, dass gesetzliche Angebote bei Bedarf auch wahrgenommen werden. Unternehmen sind aber auch gefordert, eigene, betriebsspezifische Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie anzubieten.

Bei der Suche nach tragfähigen Konzepten ist zu beachten, dass Familien – wie die Unternehmen auch – verlässliche und flexible Zeitstrukturen benötigen. Familien benötigen anerkannte zeitliche "Spielräume", innerhalb derer sie flexibel auf die familienbedingten Anforderungen reagieren können. Betriebliche Angebote wie zum Beispiel Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Arbeitszeitkonten und alternierende Telearbeit eröffnen hier die entsprechende Flexibilität.

Familien benötigen aber auch anerkannte zeitliche "Schutzräume", innerhalb derer sie mit Planungssicherheit disponieren können. Hier unterstützen Mutterschutzzeiten, Freistellungen für die Pflege, die Möglichkeit eines "Sabbaticals" oder Angebote wie die so genannte "Kinderbonuszeit", bei der Beschäftigten mit Kindern Arbeitsstunden gutgeschrieben werden, so dass sie bei gleich bleibendem Lohn monatlich weniger Arbeitszeit leisten müssen.

Bei allem betrieblichen Engagement ist darauf zu achten, dass tatsächlich mehr Zeit für die Familie ermöglicht wird. Betriebliche Angebote wie zum Beispiel Babysitter-, Einkaufs- und Bügelservice, Eltern-Kind-Büro und Betriebskita entlasten zwar Beschäftigte, dienen aber zunächst vor allem den Unternehmen. Eine wirkliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dies nicht, da Familie hier quasi "outgesourct" wird. Nicht die wirtschaftsfreundliche Familie, sondern die familienfreundliche Wirtschaft muss letztes Ziel einer familiengerechten Zeitpolitik sein.

Autor: Stefan Becker, Präsidiumsmitglied im Familienbund der Katholiken

zurück zur Übersicht