Salzkörner

Samstag, 31. Oktober 2015

Gelebte Teilhabe mit Hoffnungsträgern

Einige Momentaufnahmen vom Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin

Wir alle erleben derzeit, wie die Flüchtlingsproblematik sich im Laufe dieses Jahres zu einer unvorstellbar großen Herausforderung für ganz Europa und natürlich auch für unseren Staat und die ganze Gesellschaft entwickelt hat. Viele Christen und viele katholische Verbände und Organisationen haben dazu beigetragen, dass in unserem Land eine große Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft entstanden ist. Beispielhaft für dieses Engagement stellen wir Aktionen und Projekte des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Berlin vor.

Blitzlicht: Interkulturelle Woche "Refugees welcome"

Die diesjährige bundesweite Interkulturelle Woche (IKW) fand unter dem Motto "Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt." statt. Seit vielen Jahren ist der Diözesanrat Berlin Mitglied im Ökumenischen Vorbereitungsausschuss zur Durchführung der IKW in Berlin. Eine von vielen Veranstaltungen war die Podiumsdiskussion "Refugees welcome – Auf dem Weg zu einer Kultur der Begegnung. Welche Unterstützung brauchen Flüchtlinge und ihre Helfer?". Viele Ehrenamtliche bringen sich derzeit in die Flüchtlingsarbeit ein und nehmen damit eine persönliche Verantwortung für die Entstehung einer lebendigen Kultur der Begegnung ernst. Eigeninitiativ entstehen Netzwerke spontaner Hilfe, wie zum Beispiel Willkommensrucksäcke, Begleitservice zu Ämtern, Übersetzungshilfe und Deutschunterricht. Viele haben Urlaub genommen, um Zeit zu geben und sich um die Erstversorgung von Flüchtlingen zu kümmern. Auf dem Platz vor der Behörde, die Flüchtlinge registriert, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, warten oft bis zu zwei Wochen lang täglich zwischen 700 bis 1.000 Menschen, um ihre Personalien anzugeben. Sie lagern dort im Freien, gehen nicht weg aus Angst, den Platz zu verlieren. Erschütternd hörten wir den Bericht eines Helfers, der eine Mutter mit zwei kleinen Kindern im Alter von drei und fünf Jahren begleitet. Ihr drittes Kind, ein Säugling, ist bei der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen. Tagelang saß sie mit leerem Blick auf dem nackten Boden in der Schlange vor der Behörde. Durch nichts und niemanden ließ sie sich von den beiden lebenden Kindern trennen, an die sie sich klammerte. Es hat Tage gebraucht, um zu ihr einen Kontakt aufzubauen. Für den Helfer war die fachliche Begleitung einer Beratungsstelle lebenswichtig. Er plädierte dafür, Supervision für Helfer/innen für die Verarbeitung unentgeltlich bereitzustellen. Wie wichtig der achtsame Umgang mit eigenen Grenzen ist, brachte der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Salah Ahmad, der selbst ein Flüchtlingsschicksal teilt, ins Podium ein. Persönliche Überforderung sei unbedingt zu vermeiden. Am Ende der Podiumsdiskussion sorgte Sr. Margit von SOLWODI Berlin e. V. für einen entlastenden Perspektivwechsel. Sie sprach davon, dass mit den Flüchtlingen ja Hoffnungsträger und -trägerinnen zu uns kommen. Sie möchten ihre großen Hoffnungen unbedingt mit uns teilen. Das macht unser Leben reicher.

Blitzlicht: Runde Tische als Möbel im Reich Gottes

"Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen ..." (vgl Joh 14,2) und, so möchte ich schmunzelnd vermuten, vielleicht werden sie durch Engel an Runden Tischen vorbereitet. In vielen Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen werden Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge geprüft, Wohnungen gesucht und geschaffen. In diesem drängenden Anliegen treffen sich auf Anregung des Diözesanrates bewusst einmal alle katholischen Akteure. Ziel ist es, Kräfte zu bündeln und Lösungen gemeinsam zu finden und schrittweise umzusetzen. In Regie der Caritas kommen am Runden Tisch Migrations-Fachverbände, Beratungsstellen, kirchliche Einrichtungen mit thematischer Ausrichtung zusammen, darunter viel Kompetenz mit dem Jesuitenflüchtlingsdienst, SOLWODI (solidarity with women in distress), SkF (Sozialdienst katholischer Frauen), Afrika Center, IPZ (Internationales Pastorales Zentrum) u. a. m.. Umeinander zu wissen stärkt das Miteinander. Konkret wird überlegt, wie geflüchtete Menschen mit gastgebenden Familien und Privatpersonen zusammengebracht und wie sie begleitet werden können. "Private Unterbringung ist die bessere Integration!" An einem weiteren Runden Tisch wird gemeinsam mit der Bistumsleitung über Willkommenskultur und Flüchtlingsseelsorge beraten. Dazu wird es einen Flüchtlingsgottesdienst am 10. Dezember 2015 mit Erzbischof Dr. Heiner Koch geben. Weiter wird ein ökumenischer Flyer erstellt, der seelsorgerische Anlaufstellen und Beratungsstellen der Kirchen aufzeigt. Ziel ist es, geflüchteten Christen und Christinnen notwendige Kontakte in Berlin und im Umland zu vermitteln. Sie erfahren so, wo arabisch-, englisch- oder französischsprachige Gottesdienste und Beratungen möglich sind.

Blitzlicht: Bildung von Alpha bis Omega

"Alpha bis Omega" ist ein gemeinsames Projekt der Bildungsstätte für Migrantinnen und Flüchtlinge JACK und SOLWODI Berlin e. V., es finanziert sich rein über Spenden und ist die Kombination aus Alphabetisierungsprozess mit psychosozialer Betreuung. Zielgruppe sind schutzbedürftige Frauen, Frauen mit ungesichertem Aufenthalt. JACK ist eine Initiative von fünf Frauen in Nord-Neukölln. Die Flüchtlingsbildungsstätte wurde 2013 ins Leben gerufen. Beratung bzw. kompetentes Weitervermitteln geschieht durch SOLWODI. Beide Einrichtungen arbeiten am gleichen Standort. Im April 2015 nehmen z. B. 80 Frauen an den Alphabetisierungs- und Deutschkursen teil. Sie kommen aus mehr als 20 Nationen, wie zum Beispiel Somalia, Nigeria, Eritrea, Benin, Kenia, Afghanistan, Syrien, Tschetschenien und Turkmenistan. Zum ganzheitlichen Bildungsansatz gehören außerschulische Kurse wie Theater, Kochkurse, PC-Unterricht, Selbstverteidigung u. a. Bemerkenswert ist die ehrenamtliche Kinderbetreuung, die parallel zu den Kursen läuft. Mittlerweile haben sich dazu 50 meist junge Personen bereit erklärt. Durch das Alleinstellungsmerkmal "nur für Frauen" und mit Schwerpunkt Afrika hat sich ein Klima des Vertrauens aufgebaut, das den Teilnehmerinnen den Zugang zur Kultur über die Sprache und so zu einem neuen Leben erleichtert, ja, ermöglicht. Im Unterrichtsraum legen die Frauen schon mal das Kopftuch ab. Hier, so sagen sie, sind sie zuhause.

Blitzlicht: Kirchenasyl

Das Kirchenasyl will helfen, Zeit für eine erneute Überprüfung einer Abschiebung zu gewinnen. Seit 31 Jahren gibt es diese Praxis. Kirchenasyl als "ultima ratio", als ein entschiedenes "Stopp!" gegenüber dem Staat im Anliegen, dem einzelnen Fall zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen. Die Gemeinde kämpft dafür, dass die Geschichten von Geflüchteten angehört werden. Eine Geschichte, die gehört wird, ist die des muslimischen Ehepaars Aliyah und Rooble. Sie lebten fast zehn Monate unter dem Schutz der Gemeinde St. Christophorus, Berlin-Neukölln. Während ihrer Zeit in der Gemeinde wollte sich das muslimische Ehepaar nützlich machen. Nach dem glücklichen Ausgang des Kirchenasyls kommt Rooble immer noch einmal in der Woche, um ehrenamtlich zu helfen. "Ihr seid doch meine Familie!", sagt er. Ihre Geschichte wird zurzeit im Heimathafen Neukölln aufgeführt. "Ultima Ratio. Ein Kirchenasyl-Fall in Neukölln als Live Graphic Novel" (http://www.heimathafen-neukoelln.de/). Am 11. November findet im Anschluss ein Publikumsgespräch statt. Gäste sind Prof. Dr. Hans Michael Heinig, Kirchenrecht; Pfarrer Kalle Lenz, St. Christophorus, Kirchenasyl seit 20 Jahren; Prof. Dr. Andreas Lob-Hüde-pohl, Sozialethiker an der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen und Mitglied im ZdK. Moderation: Burkhard Weitz, Chrismon-Magazin.

Blitzlicht: Integrationspreis

Einmal im Jahr vergibt der Diözesanrat den Drei-Königs-Preis (http://dioezesanrat-berlin.de/drei-koenigs-preis/). So wie der Stern die drei Könige motivierte, sich aus verschiedenen Nationen gemeinsam auf den Weg zu Christus zu machen, so will der Drei-Königs-Preis dazu anregen, den Weg für ein Miteinander von Menschen verschiedener Nationen, Religionen, Sprachen und Kulturen gemeinsam zu ebnen. Der Diözesanrat möchte besondere Aktionen auszeichnen, die das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen fördern. Wir sind gespannt, welche Hoffnungsträger den nächsten Preis erhalten werden.

 

 

 

 

 

Autor: Lissy Eichert Vorstandsmitglied im Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin

zurück zur Übersicht