Salzkörner

Dienstag, 31. Oktober 2017

Gelingende Integration

Das Modellprojekt "Schwangerschaft und Flucht"

Viele junge Frauen, zum Teil mit Kleinkindern unterwegs, sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, um hier Schutz zu suchen. Unter diesen Frauen sind viele, die auf der Flucht oder nach ihrer Ankunft in Deutschland schwanger geworden sind bzw. noch schwanger werden. Angesichts dieser Situation hat der Bundesverband donum vitae e. V. in intensiven Gesprächen mit der Politik und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) das Modellprojekt "Schwangerschaft und Flucht" entwickelt. Es hat eine Laufzeit von drei Jahren und wird vom BMFSFJ gefördert. Wichtigstes Ziel des Projektes ist die aufsuchende Beratung der Frauen. So sollen die bewährten Angebote der deutschen Schwangerschaftsberatung im Sinne der §§ 2, 5 und 6 SchKG (Schwangerschaftskonfliktgesetz) für die besondere Zielgruppe der schwangeren Flüchtlingsfrauen und zum Schutz ihrer ungeborenen Kinder zugänglich gemacht werden. Auf Wunsch der Frauen und zu ihrem Schutz kann auch das Umfeld einbezogen werden, zum Beispiel durch sexualpädagogische Angebote an Männer.

 

Seit Mai 2016 entwickelt donum vitae an 28 Standorten deutschlandweit passgenaue Angebote im Rahmen der aufsuchenden Beratung für schwangere geflüchtete Frauen. Qualifiziert werden die aufsuchenden Beraterinnen durch Fortbildungen und Supervision. Bei regelmäßig stattfindenden Workshops tauschen sie sich über die Schwerpunkte der jeweiligen Standorte aus und erarbeiten Konzepte zu aufsuchender und dolmetschgestützter Beratung. Neben lebenspraktischen Fragen zu Geburtsmöglichkeiten und finanzieller Unterstützung geht es in den Beratungsgesprächen, angesichts der häufig traumatisierenden Erfahrungen der Frauen, verstärkt um psychosoziale Beratung: Die Frauen befinden sich oft in einer Ausnahmesituation, die durch die bestehende Schwangerschaft noch verschärft wird. Weitere drängende Fragen sind der Schutz vor sexualisierter Gewalt, Informationen zur Verhütung und weiterführende Gesundheitsangebote. Aufsuchende Beratungsarbeit übernimmt auch eine wichtige Lotsenfunktion, um Frauen zu beraten, zu begleiten und sie in das weiterführende Hilfe- und Unterstützungssystem zu vermitteln.

Thema: Sprache

Wegen fehlender Sprachkenntnisse der geflüchteten Frauen sind nicht selten Familienangehörige oder Mitbewohner in der Beratung anwesend. Doch auch diese Personen sprechen häufig nur wenig deutsch. So kann oft nur sinngemäß gedolmetscht werden, was schnell zu Missverständnissen führt. Kinder, die für ihre Eltern dolmetschen, sind oft überfordert mit Themen, die eigentlich in die Verantwortung der Erwachsenen gehören. Außerdem ist die Verschwiegenheit nicht gewährleistet. Weil die Frauen das wissen, öffnen sie sich in der Beratung oft nicht so, wie es nötig wäre, um sie gut unterstützen zu können. Um fachlich gute psychosoziale Beratung zu gewährleisten, ist daher die Einbeziehung von DolmetscherInnen ein Kernstück des Projekts. Die Beraterinnen bauen Netzwerke auf bzw. greifen auf bestehende Netzwerke zurück. Da davon auszugehen ist, dass nicht in jedem Fall eine Dolmetscherin verfügbar ist, bietet donum vitae in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e. V. Basisschulungen für DolmetscherInnen an. Ferner wurden Materialien zur Information der Betroffenen erarbeitet und in zehn Sprachen übersetzt. Dabei wird berücksichtigt, dass diese Frauen (und ihre Familien) aus anderen Kulturkreisen und Rechtssystemen stammen. Genutzt werden außerdem Informationen z. B. vom BMFSFJ, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und von anderen Trägern.

Schwierige Organisation des Alltags

Viele Frauen aus Somalia, Syrien, Iran, Eritrea, Irak und anderen Ländern kennen aus ihrer Heimat kein professionelles Beratungsangebot, sondern Unterstützung durch Familienangehörige. Durch die Flucht sind Familien ausein-andergerissen, so dass der Schutz der Großfamilie fehlt. Um unser Sozialsystem zu verstehen, müssen sie dort abgeholt werden, wo sie sich gerade aufhalten. In der Anfangszeit, im Herbst 2015, waren dies überwiegend die Sammelunterkünfte. Inzwischen leben viele Familien in kleineren Wohneinheiten, oft aber in ländlichen Gegenden ohne Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Das macht die Organisation des Alltags schwierig und die aufsuchende Beratung noch wichtiger. Die Beraterinnen informieren über ihr Angebot, weisen Wege in unser Gesundheitssystem, sind behilflich bei der Suche nach Entbindungsstationen und Hebammen. Leider ist der Begriff der Hebamme zum Teil angstbesetzt, weil Hebammen in manchen Herkunftsländern die Beschneiderinnen sind.

 

Die Problematik weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) rückt zunehmend in den Fokus. Die respektvolle Haltung der Beraterin gegenüber Frauen mit weiblicher Beschneidung ist hier besonders wichtig. Die Frauen kommen aus einer anderen Kultur und haben eine andere Wahrnehmung von ihrem Körper. Der Begriff der Verstümmelung vermittelt eine respektlose und degradierende Wertung, die die Frauen stark verletzt und Offenheit und Vertrauen den Beraterinnen gegenüber zunichtemachen würde. Deshalb wird im direkten Umgang mit den Frauen wertfrei von "Beschneidung" gesprochen. Mit Fachkräften und auf politischer Ebene dagegen wird der Begriff "weibliche Genitalverstümmelung" genutzt, um die damit verbundene Menschenrechtsverletzung deutlich zu machen.

Schutz vor häuslicher Gewalt

Verhütung und Familienplanung sind drängende Probleme. Viele Frauen haben bereits mehrere Kinder und wollen (erst einmal) keine weiteren Kinder bekommen. Allerdings fehlt das Geld für Verhütungsmittel. So steigt die Zahl der Konfliktberatungen. Die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln würde helfen, einen Teil der Schwangerschaftsabbrüche zu vermeiden. Über einen besonders tragischen
Fall in der Konfliktberatung berichtete eine der Beraterinnen. Trotz intensiver Suche fand die Familie keine Wohnung. Da in dem Zimmer der Unterkunft kein weiteres Kind untergebracht werden konnte, sah sich die Frau gezwungen, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen, obwohl sie dies eigentlich nicht wollte. In der Konfliktberatung wurden Alternativen zum Schwangerschaftsabbruch aufgezeigt und Unterstützung bei der Wohnungssuche zugesagt. An diesem Beispiel zeigt sich auch das große Problem der Wohnraumbeschaffung. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum bzw. viele Vermieter sind nicht bereit, an Flüchtlinge zu vermieten.

 

Bedingt durch auf der Flucht erfahrene Traumata, fehlende Arbeitsmöglichkeit und das oft lange Warten auf den Asylbescheid entlädt sich immer wieder Frust in Gewalt. In Beratungen wird Frauen aufgezeigt, welche Möglichkeiten sie haben, sich und die Kinder zu schützen. Trennung kommt für viele Frauen nicht in Frage, auch aus Sorge, dann aus ihrer Community herauszufallen und völlig ungeschützt zu sein. Als alleinerziehende Frauen könnten sie nicht nach Syrien, Eritrea oder Afghanistan zurück, sie würden dort verachtet und ausgestoßen.

Nachhaltigkeit des Projekts sichern

Beratungen finden häufig in der Begleitung von Ehemännern und Familien statt. Für sensible Themen braucht es aber ein anderes Setting. So wurden Gruppenangebote für Frauen konzipiert. In einem niedrigschwelligen, geschützten Rahmen können Frauen sich öffnen, über ihre Gefühle, Fragen und Probleme sprechen. Dolmetscherinnen begleiten diese Gruppen. Hebammen und Kinderkrankenschwestern werden oft mit einbezogen.

 

An den aufsuchenden Standorten entstehen vielfältige Kooperationen und Netzwerke entweder neu oder die vorhandenen Netzwerke werden um die Problematik von Schwangerschaft und Flucht erweitert. Diese fachlichen Netzwerke sind wichtig, um die Frauen weitervermitteln zu können, und dienen auch der Nachhaltigkeit des Projekts.

 

Im Verlauf des Projekts wird immer deutlicher, wie sehr das Format aufsuchender Beratung auch zur gelungenen Integration der zu uns geflüchteten Menschen beiträgt. Die drängende Frage ist daher, wie die Nachhaltigkeit des Projekts gesichert werden kann und welche Beratungsangebote gebraucht werden, um Integration langfristig zu unterstützen und zu begleiten. Auch damit beschäftigt sich donum vitae in der weiteren Entwicklung dieses Modellprojekts "Schwangerschaft und Flucht".

Autor: Petra Schyma | Referentin beim donum vitae Bundesverband e. V., Projektleitung "Schwangerschaft und Flucht"

zurück zur Übersicht