Salzkörner

Mittwoch, 13. Mai 2015

Gender und Gender-Mainstreaming

Chancen für die Kirche?

Weltweit sind bis zum Jahr 2013 insgesamt 160 Millionen Kinder erst gar nicht zur Welt gekommen – weil sie Mädchen sind und eine immer präzisere und günstigere Pränataldiagnostik diese vorgeburtliche Geschlechtsselektion ermöglicht. Was lange als asiatisches Problem galt, ist längst auch in Europa Realität geworden: in Südosteuropa verschieben sich die Geburtenraten zu ungunsten von Mädchen; in Großbritannien hat das Parlament im Februar 2015 eine Gesetzesvorlage gegen "sex-selective abortions" diskutiert (und abgelehnt).

Die Gründe für geschlechtsspezifische Abtreibungen sind offenkundig nicht im biologischen Geschlecht (englisch: sex) zu suchen, sondern im sozialen Geschlecht, d.h. in den jeweiligen Geschlechterrollen (englisch: gender). Wenn kulturell bedingt Jungen mehr zählen und Mädchen als Last gelten, deren Mitgift und Ausfall in der Altersversorgung die Familie existenziell bedrohen, dann sinken insbesondere in den armen Regionen dieser Erde ihre Chancen, auf die Welt zu kommen und nach der Geburt zu überleben.

Das gewählte Beispiel schildert zwar einen Extremfall, zeigt aber deutlich, weshalb es notwendig ist, sex und gender zu unterscheiden. Gender ist dabei eine analytische und keine normative Kategorie, die hilft, nicht nur Rollenzuschreibungen, sondern auch geschlechtsspezifische Diskriminierungen und Interessen aufzudecken: Welche Unterrichtsmethoden benachteiligen Jungen? Gibt es geschlechtsspezifische Traumata von Flücht-lingen? Wie sind die typischen Erwerbsbiographien der heutigen Rentnerinnen und Rentner verlaufen? – Zielgenauer wird diese Analyse allerdings, wenn sie um Kategorien wie Klasse und Ethnizität (englisch: class, race), Alter und Religion sowie gegebenenfalls um weitere Parameter ergänzt wird.

Analysen bestehender sozialer Verhältnisse sind immer mit Optionen verbunden: Die (politische) Strategie des Gender-Mainstreaming soll helfen, eine "tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter" zu verwirklichen. Konkret bedeutet Gender-Mainstreaming deshalb nach einer Definition des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, "bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen". Wie also schaffen wir gleiche Bildungschancen für Mädchen und Jungen? Wie gewinnen wir mehr Männer für die Gesundheitsprophylaxe? Und wie kann Entwicklungszusammenarbeit Geschlechtergerechtigkeit anstreben, ohne unreflektiert westliche Vorstellungen von Geschlechterhierarchien und ihrer Repräsentation auf andere Kulturen zu übertragen? Als Strategie ersetzt Gender-Mainstreaming nicht die Verständigung über Werte, z. B. in der Diskussion um die Bedeutung von Ehe und Familie!

"Gender-Ideologie"?

Trotz des aufgezeigten Potentials haben Gender und Gender-Mainstreaming in Teilen der katholischen Welt, aber auch innerhalb von aktuellen politischen Strömungen, wie z. B. bei Pegida oder der AfD, derzeit keine gute Presse, sondern werden als "Gender-Ideologie" diskreditiert. Eine aktuelle Entwicklung bei der World Union of Catholic Women’s Organisations (WUCWO) zeigt, wie sehr Gender inzwischen zum Prüfstein der Orthodoxie avanciert ist: auf der letzten Generalversammlung im Oktober 2014 wurde die Gruppe "Femina Europa" als neues Mitglied aufgenommen, die in der Agitation gegen Gender-Mainstreaming zwar gerne katholische Verbündete sucht, sich selbst auf ihrer Homepage jedoch nicht als katholischer oder auch nur christlicher Verband definiert. Innerhalb der WUCWO ist das ein bemerkenswertes Alleinstellungsmerkmal.

Wo im Katholizismus "Gender-Ideologien" angeprangert werden, fehlt in der Regel jede inhaltliche Auseinandersetzung mit den keineswegs einheitlichen Gendertheorien; stattdessen hat sich die Kurzformel "Gender bedeutet die freie Wählbarkeit des Geschlechts" etabliert. Gender-Mainstreaming wird als trojanisches Pferd identifiziert, in dessen Inneren sich "wildentschlossene Kriegerinnen und Krieger" verbergen, die – dem Kommunismus oder dem Feminismus verpflichtet – eine totalitäre Umgestaltung der Gesellschaft und vor allem die Zerstörung der traditionellen Familie anstreben. Wer allerdings die Probe aufs Exempel macht und im Internet die Stichworte "Gender" und/oder "freie Wählbarkeit des Geschlechts" recherchiert, wird ausschließlich auf Seiten landen, die entweder gegen die vermeintliche "Gender-Ideologie" mobilisieren oder sich mit diesem Phänomen der Ideologisierung befassen. Kann es also sein, dass das trojanische Pferd in Wahrheit eine Chimäre ist? Selbst die oft zitierte amerikanische Philosophin Judith Butler, deren Subjekt- und Leibvergessenheit zu Recht kritisiert wurde, kennt keine "freie Wählbarkeit" des Geschlechts.

Anders als es diese – immer geschichtsvergessene und meist eurozentrische – Kritik suggeriert, beziehen sich Gender und Gender-Mainstreaming keineswegs vorrangig auf die individuelle sexuelle Identität (die deshalb z. B. das Magazin "Forschung & Lehre" 11/2014 mit dem Schwerpunkt "Gender" nur am Rande streift). Als Pro-blemanzeige ist diese Schlagseite jedoch ernst zu nehmen, denn sie spiegelt eine tiefgreifende Verunsicherung. Unsere Welt ist komplexer geworden – auch in der Frage sexueller Identitäten. Wäre es nicht viel einfacher, wenn mit dem biologischen Geschlecht feststünde, dass wir alle entweder heterosexuelle Männer oder heterosexuelle Frauen sind und dass das "tiefgreifende unterschiedliche Verhalten und Empfinden der Geschlechter" angeboren, natürlich und normativ ist? Diese Weltsicht normativer Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität negiert die Legitimität von Lebensentwürfen jenseits vorgegebener Geschlechterrollen, sie marginalisiert Menschen mit anderer sexueller Identität und macht einmal mehr intersexuelle Menschen unsichtbar.

Erfreulicherweise gibt es nun im Kontext der Bischofssynode 2014/15 über die Familie erste Ansätze zu einer weniger pauschalen Sicht von Gender. Hatte das Vorbereitungsdokument ("Instrumentum laboris") noch viermal die "Gender-Ideologie" inkriminiert, so hält der Zwischenbericht lediglich fest, Entwicklungshilfe dürfe nicht von "Normen, die von der Gender-Ideologie inspiriert sind", abhängig gemacht werden. Damit ist, wie das Schlussdokument ("Relatio synodi") präzisiert, die "‚Ehe‘ unter Personen desselben Geschlechts" gemeint. Dies ist hoffentlich ein erster Schritt zu einer nüchterneren Diskussion, die Engführungen und Ideologisierungen – mit Blick auf Gender wie auf Homosexualität – vermeidet. Es ist zu wünschen, dass die Bischofssynode 2015 das heuristische und befreiende Potential der Kategorie Gender nutzt, wenn, wie angekündigt, die Diskriminierung von Frauen, abwesende Väter, Polygamie und arrangierte Ehen auf der Agenda stehen.

Chancen für die Kirche

Benötigen wir in der Kirche die analytische Kategorie Gender, benötigen wir die Strategie des gender mainstreaming? Davon bin ich überzeugt, weil Gerechtigkeit – für Mädchen und Jungen, für Frauen und Männer, für Benachteiligte – ein Leitprinzip christlichen Handelns ist. Die Option für die Armen hat immer auch genderbezogene Aspekte!

Gleichzeitig benötigen wir mehr Sensibilität dafür, dass Geschlechterrollen, die wir immer schon vorfinden und vorfinden werden, wandelbar sind und manchmal um der Gerechtigkeit willen verändert werden müssen: In Südkorea ist dies gelungen, sodass sich die Geburtenraten von Mädchen und Jungen wieder weitgehend normalisiert haben.

Nicht zuletzt benötigen wir Respekt und Achtung für individuelle Lebensentwürfe, unabhängig davon, ob sie klassischen Geschlechterrollen entsprechen oder nicht. Gerade die Kirche kennt mit zölibatären Lebensformen schon immer Wege, sie zu transzendieren und negiert einen "direkten oder indirekten Zwang zum Eingehen einer Ehe" (Gaudium et spes 52).

Letztlich aber muss es unter Getauften darum gehen, hierarchisch konnotierte ethnische, soziale oder geschlechtsspezifische Unterschiede aufzuheben: "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus" (Gal 3,28).

 

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Regina Heyder Dr. theol., Vorsitzende der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes e. V.

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