Salzkörner

Mittwoch, 7. März 2012

Gerechte Beteiligung ermöglichen!

Zugangsbarrieren zum Internet abbauen

In kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich lassen sich in den vergangenen 20 Jahren so grundlegende Veränderungen beobachten wie im Mediensektor. Die letzte medienpolitische Erklärung des ZdK "Kirche und Öffentlichkeit" aus dem Jahr 1991 diskutierte intensiv die Lage der Printmedien sowie die Etablierung des privaten Rundfunks. Das Internet – heute für viele Menschen das zentrale Medium der Information und Kommunikation – wurde vor 20 Jahre nicht einmal erwähnt.

Mittlerweile ist für viele Menschen das Internet ein ständiger Begleiter; mit Notebook, Tablet-Computer und Smartphone können wir stets online sein. Die technischen Entwicklungen des Web 2.0 ermöglichen es dem Einzelnen, sich, nicht zuletzt mit YouTube, Twitter, Blogs und den sozialen Netzwerken, in Informations- und Interaktionsprozesse einzubringen, eigene Inhalte zu erstellen und zu verbreiten. Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungsgestaltung von Individuen gehen damit einher. Beruf und Privatleben sind für viele ohne das digitale Netz kaum mehr vorstellbar: Das Internet ist zu einem Lebensraum geworden. Zugleich haben diese Prozesse erhebliche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, auf politische Prozesse, Demokratie und die Wahrnehmung von Ereignissen in der Öffentlichkeit.

Ein Weg zur Freiheit

Die Bedeutung des Mediums Internet ist heute kaum zu überschätzen. Dies macht bereits die auch im UN-Menschenrechtsrat geführte Debatte über den Zugang zum Internet als Menschenrecht deutlich. Der ungehinderte Zugang zum Internet spielt gegenwärtig eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung der in Artikel 19 der UN-Menschenrechtskonvention verbrieften Rechte zur Informations- und Meinungsfreiheit. Ob diese Technologie, die sich in den kommenden Jahrzehnten auch grundlegend wandeln kann, in den Rang eines Menschenrechts zu erheben ist, ist zu diskutieren. Derzeit geht dieser Gedanke wohl einen Schritt zu weit. Vielmehr ist die Internettechnologie als ein sehr bedeutendes Mittel der Ausübung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit anzusehen, wie sich nicht zuletzt in den Protestbewegungen des arabischen Frühlings im vergangenen Jahr gezeigt hat.

Eine entscheidende gesellschaftpolitische Frage in diesem Kontext ist die der gerechten Teilhabe am Medium Internet. Da sich Teile des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens immer stärker auch dort abspielen, gilt es, sehr genau zu beobachten, wer bei dieser Interaktionsform ausgeschlossen ist. Aus christlicher Perspektive darf der Zugang zu einem solch wichtigen, Teilhabe schaffenden Medium nicht verstellt werden. Ein Ausschluss ist nicht hinnehmbar, auch wenn die Risiken und Gefahren für den Einzelnen und die Gesellschaft nicht übersehen werden dürfen. Ein technischer Zugang zum Internet ist in Deutschland grundsätzlich für alle Menschen möglich, die Qualität allerdings noch sehr unterschiedlich. So fehlen insbesondere im ländlichen Raum weiterhin Breitbandanschlüsse mit hohen Datenübertragungsraten. Ein gleichberechtigter Zugang zum Internet erscheint daher als eine naheliegende und leicht zu verwirklichende Forderung – die Realität sieht aber anders aus. Es gibt eine ganze Reihe von Zugangsbarrieren, die dringend abzubauen sind.

Medienverzicht – selten freiwillig

Der Anteil der Internetnutzer steigt in Deutschland seit Jahren kontinuierlich an: 75 Prozent der Erwachsenen sind mittlerweile online. Die digitale Spaltung der Gesellschaft in sogenannte "Onliner" und ein Viertel "Offliner" beruht nur selten auf bewusstem Medienverzicht, vielmehr sind dabei sozio-demographische Faktoren von hoher Bedeutung. Jugendliche und Erwachsene bis 39 Jahre nutzen fast alle das Internet. Doch nur 41 Prozent der Menschen über 59 Jahren gehören zu den Internet-Nutzern. Diese Alternsgrenze wird sich mit der Zeit voraussichtlich nach oben verschieben, doch dadurch verändert sich die Situation der jetzigen Generation der über Sechzigjährigen nicht. In unserer durch den demographischen Wandel geprägten Gesellschaft kann das Internet neue Möglichkeiten der Kommunikation und Beziehungspflege bei einer altersbedingten Abnahme von Mobilität eröffnen. Die Chancen und Möglichkeiten aufzuzeigen, Angst vor der Technik zu nehmen und zugleich auf Gefahren und Risiken hinzuweisen, ist eine wichtige medienpädagogische Aufgabe. Die Vermittlung von Fähigkeiten zur sicheren, kompetenten individuellen Nutzung des Netzes muss im Zentrum medienpädagogischer Bemühungen stehen. Alters- und milieuspezifische Angebote vor Ort, in Senioreneinrichtungen und -treffpunkten, zum Erwerb neuer Medienkompetenzen sind daher unverzichtbar.

Bildung: auch hier der Schlüssel zu Gerechtigkeit

Überdies spielt formale Bildung noch immer eine zentrale Rolle im Hinblick auf die Internet-Affinität von Erwachsenen. Während fast alle Deutschen mit Hochschulreife das Internet nutzen, sind es nur 38 Prozent jener mit Hauptschulabschluss ohne Berufsausbildung. Bei Jugendlichen ist die formale Bildung für den Zugang zum Internet hingegen kaum von Bedeutung. Das ändert sich aber grundlegend hinsichtlich des Nutzungsverhaltens. Der Einsatz des Internets zu Informationszwecken, Recherchen für die Schule und die Beteiligung an sozialen Netzwerken steigt mit zunehmender formaler Bildung. Spiele werden hingegen bei Jugendlichen mit einer höheren formalen Bildung etwas weniger genutzt, ebenso ist die Nutzungsdauer insgesamt geringer als bei ihren Altersgenossen mit geringer Schulbildung.

Das Internet ist ein Medium, das wesentlich auf geschriebener Sprache basiert, Ton, Bild und Bewegtbild kommen hinzu. Texte stellen immer noch einen bedeutenden Teil der Information und Kommunikation im Netz dar, der Zugang dazu setzt grundlegende Fähigkeiten des Lesens und Schreibens voraus. Aber ca. 7,5 Millionen Menschen beziehungsweise 14 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen sind funktionale Analphabeten. Sie können einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende kürzere Texte verstehen. Eine angemessene Form der Teilhabe an auf Schrift basierenden Medien sowie insgesamt am gesellschaftlichen Leben ist unter diesen Voraussetzungen kaum möglich. Die derzeitige Intensivierung der Bemühungen um Alphabetisierung im Rahmen einer nationalen Strategie der Bundesregierung und der Kultusministerkonferenz ist nicht zuletzt im Hinblick auf die Teilhabegerechtigkeit an den neuen Medien zu begrüßen.

Weitere Zugangsbarrieren zum Internet sind die Kosten für den Internetzugang und die Endgeräte. Zwar sind die notwendigen finanziellen Aufwendungen für einen privaten Internetanschluss in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, sie stellen jedoch weiterhin insbesondere für Geringverdienende einen nicht unerheblichen Kostenfaktor dar. Der im Arbeitslosengeld 2 enthaltene Regelsatzanteil von 2,28 Euro pro Monat deckt keinesfalls die tatsächlich anfallenden Kosten. Wenn keine bedarfsgerechte Anpassung des Regelsatzes erfolgt, sind zumindest vermehrt kostenfreie Internetzugänge im städtischen und ländlichen Raum zu schaffen. So können beispielsweise Bürgerämter und andere Behörden, Bibliotheken, Schulen, Alteneinrichtungen und weitere öffentliche Einrichtungen dazu beitragen, auch denjenigen einen Zugang zu ermöglichen, die sich Anschluss und Endgerät nicht leisten können. Besonders für den ländlichen Raum wird dies ein nicht allzu leicht zu bewältigendes Unterfangen, da in kleinen Dörfern selten öffentliche Einrichtungen zu finden sind. Hier sollten Pfarrämter und Gemeindehäuser für kostenlose Internetzugänge zur Verfügung stehen können.

Eine gerechte Teilhabe an der Nutzung des Internets hat demnach viele Facetten, nicht zu vergessen, dass eine gerechte Teilhabe aller am Internet auch den barrierefreien Zugang mit einschließt. Sie ist nur möglich, wenn die für alle Bürger entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Das beginnt bei den technischen Gegebenheiten und setzt sich bei einer großzügig angelegten Förderung der individuellen Sprach- und Medienkompetenzen fort. Beteiligungsgerechtigkeit im Hinblick auf neue Medien herzustellen ist nicht zuletzt eine bedeutende bildungspolitische Herausforderung.

 

 

 

Autor: Beate Schneiderwind, Sprecherin des Sachbereichs "Publizistik und Medienpolitik" des ZdK

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