Salzkörner

Montag, 31. Oktober 2011

Gerechtigkeit im Klimawandel

Von der Utopie zur Wirklichkeit?

Auf der bevorstehenden Klimakonferenz in Durban / Südafrika müssen wegweisende Entscheidungen zur Zukunft des Kyoto-Protokolls, den internationalen Klimaschutzzielen und der finanziellen Unterstützung für Entwicklungsländer getroffen werden, wenn der drohende Klimawandel noch aufgehalten werden kann. Auch Misereor engagiert sich in diesen Verhandlungen. Warum und wie?

Seit Beginn der Industrialisierung ist die globale Temperatur durchschnittlich bereits um 0,8 °C angestiegen und wird sich durch die schon in der Atmosphäre befindlichen Treibhausgase um weitere 0,8 % erhöhen. Ein Ende der Treibhausgasemissionen aus Industrie, Verkehr oder Entwaldung ist noch lange nicht in Sicht. Während der sich abzeichnende Klimawandel und dessen Folgen für uns in Deutschland bisher nur eine vage Zukunftsprojektion darstellt, ist er für Millionen armer Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika bereits bittere Realität! Dabei war und ist es gerade unser Lebensstil, der den Klimawandel vorangetrieben hat.

Klimawandel trifft zuerst die Ärmsten

Zum besseren Verständnis dieser Zusammenhänge und zur Formulierung der daraus abzuleitenden Konsequenzen für Nord und Süd hat Misereor das Projekt "Klimawandel und Gerechtigkeit" durchgeführt. Der daraus entstandene Report "Global aber Gerecht" zeigt uns, dass die Klima- und Entwicklungskrise nur global und gemeinsam gelöst werden kann. Die Münchner Rückversicherung, deren Stiftung neben Misereor Aufraggeber des Studienprojektes war, zeigt in ihren Statistiken deutlich, dass klimabedingte Naturkatastrophen weltweit zunehmen und insbesondere Todesopfer in den ärmsten Ländern dieser Erde fordern. Zukünftig werden insbesondere die Menschen in den Entwicklungsländern vom fortschreitenden Klimawandel betroffen sein: So werden die Ernteerträge von Getreide in den Tropen und Subtropen stark sinken, während sie in den gemäßigten Breiten aufgrund der längeren Wachstumszeiten sogar zunehmen könnten. Insbesondere dort, wo schon heute Mangelernährung herrscht, sind massive Ernteeinbußen zu erwarten, wie das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, ein weiterer Partner des Projektes, prognostiziert.

Reduktion auf Null notwendig

Selbst wenn die Menschheit sofort aufhörte, fossile Energie zu verbrauchen und Wälder zu roden – der Klimawandel findet bereits jetzt statt und wird sich im nächsten Jahrhundert fortsetzen. Das Ziel der internationalen Klimaschutzpolitik ist schon heute nicht mehr, den Klimawandel zu stoppen, sondern ihn auf ein vertretbares Maß zu begrenzen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass unser Klimasystem global zwei Grad durchschnittliche Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau ertragen kann, ohne dass unumkehrbare Prozesse im Klimasystem in Gang gesetzt werden. Gleichzeitig ist klar, dass auch ein "geringer" Klimawandel um zwei Grad Celsius das Antlitz der Welt verändern wird: So werden sich Klimazonen verschieben; Wüsten breiten sich aus und Berge verlieren ihre Gletscherkuppen. Konkret bedeutet das Zwei-Grad-Ziel, dass die Trendwende im Ausstoß von Treibhausgasen in 12 Jahren erfolgt sein muss und dann eine massive Reduktion auf nahezu Null bis zum Ende des Jahrhunderts notwendig wäre.

Klimaschutz muss für Nord und Süd zum
Handlungsprinzip werden

Doch wer müsste mit der Wende beginnen? Dies ist eine zentrale Frage der Gerechtigkeit und gleichzeitig die Ursache, warum internationale Verhandlungen immer wieder ins Stocken geraten. Diese Fragen wurden im Projekt insbesondere durch das Institut für Gesellschaftspolitik, dem vierten Projektpartner im Bunde, intensiv analysiert. Klimaschutz kann nur gelingen, wenn Nord und Süd ihn gemeinsam zum zentralen Handlungsprinzip machen. Wir in den Industrienationen stehen dabei aber in einer besonderen Verantwortung: Durch unsere auf fossile Verbrennung aufbauende Entwicklung haben wir die Atmosphäre bereits so stark mit Treibhausgasen belastet, dass den Entwicklungsländern eine "nachholende" Kopie dieses Entwicklungsweges verbaut ist. Gleichzeitig verfügen wir aber über ausreichend technische und finanzielle Möglichkeiten, um eine Energiewende weltweit einzuleiten und Entwicklungsländer durch Technologie, Wissen und Finanzen zu unterstützen. Dies gilt sowohl für den Klimaschutz wie auch für die Anpassungsleistungen an den nicht mehr abwendbaren Klimawandel.

Report "Global aber Gerecht"

Den drohenden Klimawandel zu stoppen und trotzdem Entwicklung zu ermöglichen, ist nicht nur eine technische und finanzielle Frage, sondern vor allem eine politische und gesellschaftliche Herausforderung. Der Report "Global aber Gerecht" hat den Stand der Klimafolgenforschung, der Klimaökonomie und Politik zusammengeführt und mit einer ethischen Perspektive verbunden. Die dort deutlich gewordenen Herausforderungen wurden sehr intensiv auf den vielen Veranstaltungen in Nord und Süd, auf denen die Ergebnisse der Studie vorgestellt wurden, diskutiert.

Bei Gesprächen mit engagierten haupt- und ehrenamtlichen Kräften in Diözesen und Gemeinden, bei Diskussionen mit Politikern und auf vielen Veranstaltungen wurde immer wieder thematisiert, was jeder Einzelne tun muss und was Politik und Wirtschaft leisten müssen. Deutlich wurde, dass die vor uns liegenden Herausforderungen vor allem durch politische Gestaltung, wie z. B. auf dem Klimagipfel in Durban, vorangetrieben werden müssen. Politische Entscheidungen werden aber schneller vorangetrieben, wenn jeder Einzelne seiner individuellen Verantwortung gerecht wird und somit zur Entstehung neuer Leitbilder beiträgt, die auch gesellschaftspolitischer Hefeteig sein können.

Den Betroffenen eine Stimme geben

Ebenso wichtig ist für Misereor die Unterstützung unserer Partner in den Südkontinenten. Im Rahmen des Projektes wurden insgesamt neun Dialogforen und verschiedene Fallstudien in acht Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas durchgeführt. Ziel war es, den Betroffenen des Klimawandels eine Stimme zu geben: nicht nur als Opfer, sondern vielmehr als Menschen, die als Wissensträger agieren und viele eigene Potenziale für politische und praktische Lösungen entfalten können. Auf den Foren wurden Strategien erarbeitet, wie die Anpassung an den Klimawandel und klimafreundliche Armutsbekämpfung in den jeweiligen Regionen erfolgen kann. Weiterhin organisierte Misereor verschiedene Treffen mit Bischöfen aus allen Kontinenten, um die Frage der Klimapolitik und die Verantwortung der Kirche zu diskutieren und der Stimme der Kirche in Nord und Süd mehr Gewicht zu verleihen.

Auf Basis der Dialogforen entstanden z. B. in Bolivien, Brasilien und im Sahel erste Vernetzungen zwischen verschiedenen Organisationen, um gute Beispiele der Anpassung an den Klimawandel auszutauschen und gemeinsam an die Regierungen heranzutreten, damit genau solche Maßnahmen gefördert werden, die durch die Betroffenen selbst erfolgreich umgesetzt werden.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass jene, die täglich mit den Folgen des Klimawandels kämpfen bzw. Organisationen, die sie dabei unterstützen, bisher keinen Einfluss auf die nationalen und internationalen Verhandlungen und Maßnahmen der Klimapolitik haben. Auf diesen Verhandlungen wird oft über die Armen, aber selten mit ihnen diskutiert. Dieses Partizipationsdefizit wird auch im Report scharf kritisiert. Misereor hat daher bereits anlässlich der Klimaverhandlungen in Mexiko einen ersten Workshop mit Partnern organisiert und u. a. ein Treffen mit Bundesumweltminister Röttgen für unsere Partner ermöglicht. Auch in den bevorstehenden Verhandlungen in Durban wird Misereor gemeinsam mit seinen Partnern auftreten, um sicherzustellen, dass deren Lebensrealität und Forderungen Gehör finden.

Wie diese kurzen Beispiele zeigen, ist mit der Veröffentlichung von "Global aber Gerecht" für Misereor die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel nicht beendet, sondern hat in Nord und Süd an Dynamik gewonnen.

Autor: Dr. Bernd Bornhorst Leiter der Abteilung Entwicklungspolitik, Misereor

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