Salzkörner

Montag, 29. August 2011

Gestärkt für den Dialog in Kirche und Gesellschaft

Erwartungen an den Besuch von Papst Benedikt XVI.

Vom 22. bis 25. September besucht Papst Benedikt XVI. sein Heimatland, die Bundesrepublik Deutschland. Es ist ein Staatsbesuch, also ein politisches Ereignis, das aber auch für die katholische Kirche in unserem Land von großer Bedeutung ist. Besonders wichtig ist das Ereignis für politisch engagierte Katholiken – und gerade im laufenden Dialogprozess.

Mitten in einer Rede des ZdK-Präsidenten vor der Vollversammlung im Herbst letzten Jahres erreichte uns die Nachricht, dass Papst Benedikt erneut nach Deutschland kommt. So konnte Alois Glück spontan und herzlich als erster reagieren: "Soeben höre ich, dass in diesen Minuten in Bonn und Berlin bekannt gegeben wird, dass Papst Benedikt der XVI. im kommenden September erneut unser Land besuchen wird. Ich freue mich darüber und möchte auch in Ihrem Namen Papst Benedikt herzlich willkommen heißen."

Gefahrenanzeige

Dieser Besuch ist eine Chance für unsere Kirche und die Gesellschaft in Deutschland. Wenn man zwei Gefahren vermeidet, eröffnen sich wichtige Perspektiven. Die erste Gefahr: Der Besuch wird auf ein innerkirchliches Ereignis verengt. Er ist natürlich auch für die Kirche wichtig, aber er ist mehr: eine Bekräftigung des gesellschaftlichen Zeugnisses der Katholiken, ja der Christen insgesamt in unserem Land. Die zweite Gefahr: Der, der uns besucht, wird als eine Art "Heilsbringer" verstanden, der durch ein "erlösendes Wort" alle politischen und kirchlichen Probleme lösen könnte. Natürlich ist das Wort des Papstes immer aufmerksam zu hören und zu beachten. Aber der Papst als Oberhaupt einer Weltkirche mit 1,2 Milliarden Mitgliedern hat in all seinem Reden und Tun eine weltweite, eine globale Perspektive. Er wird raten, er wird Anstöße geben, – aber Probleme lösen, gemäß unserem Charisma Zeugnis geben, das müssen wir selbst.

Selbstbewusste Laien

Der Papst kommt in ein Land, dessen politische, gesellschaftliche und kirchliche Lage er gut kennt. In Gesellschaft und Politik zählt das kluge und begründete Wort der Kirchen. Wann immer sie nur hohl postulieren, verhallt ihre Stimme. Wann immer ihr Handeln nicht ihrer Predigt entspricht, vor allem ihrem Handeln im eigenen Bereich, winkt man ab. Viele in Verbänden und Räten organisierte Katholiken und Katholikinnen engagieren sich in öffentlichen Ämtern, gestalten als Bürgermeister oder Landräte, als Abgeordnete in Stadträten, in den Länderparlamenten, im Bundestag oder im Europaparlament Gesellschaft und Politik aktiv mit. Anders als z. B. in Italien oder Polen, wo sich die Laien als "Katholische Aktion" unter Vorsitz des Bischofs zusammengeschlossen haben, legen gerade die katholischen Verbände in Deutschland Wert auf ihre Eigenständigkeit. Sie bestimmen ihre Themen selbst, sie wählen Laien zu Vorsitzenden und geben auf diese Weise, ganz im Sinne von Konzil und Synode, gesellschaftliches und kirchliches Zeugnis. Als Getaufte und Gefirmte sind sie Träger der kirchlichen Sendung und bringen sich mit Sach- und Fachkompetenz in den gesellschaftlichen Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung ein. Dieses Zeugnis bündelt sich im
Zentralkomitee der deutschen Katholiken; zusammen mit wegweisenden Erklärungen der Bischofskonferenz und dem aktiven Handeln der Katholischen Büros fügt es sich zu einem starken Beitrag der Weltgestaltung im Sinn der katholischen Soziallehre.

Zusage

Die Erschütterungen durch den Missbrauchsskandal sind noch zu spüren. Wir haben an Glaubwürdigkeit verloren. Darum ist es wichtig, dass eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bischofskonferenz und ZdK im Dialogprozess ausdrücklich nach dem Zeugnis der Kirche in unserer Gesellschaft fragt. Viele Menschen, auch solche, die nicht glauben, legen Wert auf die Stimmen der Kirchen in der gesellschaftlichen Debatte.
Hier ist der Besuch des Papstes eine wichtige Unterstützung. Er steht ja nicht zuletzt für den weltweiten Einsatz der Kirche für das Gemeinwohl, für die Familie, für den Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende und gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. Durch großen Zulauf zu den Gottesdiensten und Begegnungen mit dem Papst in Berlin, Erfurt und Freiburg zeigen wir Katholiken der Gesellschaft auch: "Wir sind da! Ihr könnt auf uns zählen, ihr könnt euch auf uns verlassen."

Kirche im Dialog

Der Papstbesuch fällt in die Startphase des Dialogprozesses, zu dem die Bischofskonferenz durch ihren Vorsitzenden, Erzbischof Robert Zollitsch, eingeladen hat. Ein beherzter Beginn war das erste Treffen am 8. und 9. Juli 2011 in Mannheim mit 300 Delegierten, 71 davon ZdK-Mitglieder, viele andere stehen uns nah. Es war gut, dass wir geredet haben, dass das Projekt nicht auf die Zeit nach dem Papstbesuch verschoben wurde, sondern schon vorher die ersten wichtigen Akzente gesetzt wurden. Die Bischöfe haben in Mannheim gezeigt: Es ist ihnen ernst mit diesem Prozess. Es war wichtig, was wir geredet haben: Kein Thema wurde abgebogen oder unterdrückt. Es war ein Treffen des freien Wortes und des freimütigen Austausches. Ich sehe drei Themenfelder, die freilich aufeinander bezogen sind.

Erstens: Es geht immer wieder neu um den Glauben, um unsere persönliche Überzeugung, unsere Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus, unser Leben aus dem Heiligen Geist. Das klingt "fromm", und es ist auch so gemeint. Nie habe ich das besser gehört als bei Annette Schavan: "Die Leute fragen, was habt ihr Christen uns denn anzubieten? Da ist zuerst unser Glaube, unser Zeugnis, das Evangelium, das, was 'in uns brennt'". Sonst ist alles nichts, aber dies ist natürlich nicht alles. Ohne gesellschaftliches Zeugnis bliebe unser Glaube hohl, ohne Kompass, Kompetenz und Kompromissfähigkeit, sagt an anderer Stelle Alois Glück.

Zweitens: Das bedrängendste Problem allüberall ist die Frage der Zusammenschlüsse von Gemeinden, der drohenden Gefahr, nicht mehr Kirche vor Ort, im Ort sein zu können. Die katholische Kirche in Deutschland muss neue, andere Wege finden, um als Kirche institutionell und sakramental unter den Menschen zu bleiben. Die "XXL-Gemeinden", die allüberall entstehen, und zwar ausschließlich auf Grund der zurückgehenden Priesterzahlen, sind keine Lösung. Wir müssen an vielen Stellen nachdenken, zuallererst beim Verständnis von Kirche, der Bedeutung von Taufe und Firmung für den Auftrag, den wir alle als Katholiken haben, Kirche zu sein, jeden Tag, an jedem Ort. Darum ist es gut, dass ein zweiter gemeinsamer Arbeitskreis von Bischofskonferenz und ZdK im Dialogprozess die Fragen thematisiert, die das Verhältnis und die Zusammenarbeit von Priestern und Laien in der Kirche betreffen.

Drittens müssten alle sogenannten "sperrigen Themen" vom Diakonat der Frau über die Viri probati, von der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener oder des evangelischen Partners einer konfessionsverschiedenen Ehe zur Eucharistie thematisiert werden. Auch die Spannungen zwischen Lehre und gelebter Wirklichkeit im Bereich der Sexualmoral der Kirche verlangen nach Lösungen.

Zurück zur Dialogauftaktveranstaltung in Mannheim: Es war auch wichtig, wie wir miteinander gesprochen haben: ehrlich, ruhig, sachlich, geschwisterlich, mit Wertschätzung und Respekt. Das war stilbildend – und wenige Ausreißer richteten sich selbst.

Ermutigung

Kann der Papstbesuch dem Dialogprozess in guter Weise Impulse geben? Ganz sicher. Vor allem durch die klare Bekräftigung, dass wir für die Kirche in unserem Land miteinander auf einem guten Weg sind. Die Weltkirche besteht aus vielen starken Ortskirchen mit ihren spezifischen Eigenheiten und der Vielfalt von Charismen, die sich in den jeweiligen Lebenssituationen entwickelt haben.

Eine Delegation des ZdK wird sich mit Papst Benedikt treffen. Wir sind dankbar, dass das möglich ist. Diese Be-gegnung knüpft an vergleichbare Treffen bei den Besuchen von Papst Johannes Paul II. in Deutschland in den Jahren 1980, 1987 und 1996 an. Wir werden zur Sprache bringen, wie wir die Situation in Kirche und Gesellschaft sehen. Um es mit dem Titel eines im ZdK erschienenen Buches zu formulieren: "Kirche lebt – mit uns!" Willkommen, Papst Benedikt!

Autor: Dr. Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK

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