Salzkörner

Donnerstag, 27. April 2017

Gleichberechtigung im Lebensverlauf stärkt Familien

Gute Rahmenbedingungen für soziale Bindungen, gelingendes Aufwachsen und gute Pflege schaffen

Sie kennen die Werbung aus den 50er Jahren: eine lächelnde, hübsch frisierte Dame über dem dampfenden Suppentopf. Eine männliche Stimme sagt: "Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?" Dieses Werbebild gab einen Teil der realen Lebensverhältnisse wieder und spiegelte das mehrheitliche politische Leitbild. In der "bürgerlichen

Familie" sollte nach den Erfahrungen von staatlicher Indoktrination die ideale Keimzelle für den demokratischen Staat liegen. Natürlich hatten die Frauen seit jeher viel mehr und ganz andere Fragestellungen als in der Werbung genannt. Besonders nach dem Krieg fehlten in vielen Familien die Männer, und Frauen übernahmen Aufgaben in der Familie, auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft.

Die Weimarer Verfassung stellte in Art. 119 WRV (1) die Ehe als Grundlage des Familienlebens unter den besonderen Schutz und ergänzte: "Sie beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter […]". Nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen standen mit Artikel 3 (Allgemeine Gleichheit) und 6 (besonderer Schutz von Ehe und Familie) im Grundgesetz die beiden Normen nicht mehr in so einmütiger Nähe. Lange Zeit standen sie sogar eher im Widerstreit, z. B. was die Aufteilung der Rollenbilder anbelangt.

Die große familienpolitische Herausforderung ab 1945, zumindest in Westdeutschland, war, die wirtschaftlichen Lasten der Familie auszugleichen, um die Möglichkeit zu schaffen, Kinder von der Mutter betreuen und erziehen zu lassen. Durch steuerliche Entlastungen, die beitragsfreie Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse, die Hinterbliebenenrente und das Kindergeld wurde die Herausforderung gemeistert.

Heute besteht die große Herausforderung darin, Familien so zu fördern, dass Kindern gutes Aufwachsen ermöglicht wird und dass Frauen und Männer ausreichend Zeit für Sorge und Pflege, für tragfähige Beziehungen haben und dies mit beruflichen Zielen vereinbaren können. Das Gutachten zum 2. Gleichstellungsbericht von 2017 sagt: "Viele rechtliche Rahmenbedingungen begünstigen allerdings, dass Männer sich auf die Einkommenserzielung konzentrieren, während Frauen unbezahlte oder unterbewertete Sorgearbeit verrichten, die keine dauerhafte eigenständige Existenzsicherung ermöglicht." Die Notwendigkeit der eigenständigen Existenzsicherung ist aber spätestens seit der Reform des Unterhaltsrechtes 2008 mehr als offensichtlich. Seither ist die Sicherung des Lebensstandards der EhepartnerInnen nach der Beendigung der Ehe nicht mehr garantiert.

Zur Unterstützung partnerschaftlicher Arrangements in Familien sind in den vergangenen Jahren einige gute Maßnahmen eingeführt worden: z. B. das Elterngeld/Elterngeld Plus. Wirkungsvoll ist auch der Ausbau der Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige.

Es ist ein Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen zu verzeichnen. Dennoch manifestiert sich ihr Armutsrisiko, besonders bei alleinerziehenden Frauen. Teilzeitstellen und vor allem geringfügige, steuer- und sozialversicherungsprivilegierte Beschäftigungen wirken sich negativ auf die eigenständige wirtschaftliche Stabilität von Frauen aus.

Das Zusammenspiel von Ehegattensplitting, beitragsfreier Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen (Minijobs) müssen überdacht werden. Alleinerziehende müssen einen dynamischeren Entlastungsbetrag im Steuerrecht erhalten, und besonders für junge Mütter und Väter sind Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen in Teilzeit auszubauen. Es ist noch viel zu tun, um Frauen im Lebensverlauf die gleichen Chancen zu ermöglichen. Mindestens genauso viel ist zu tun, um Frauen und Männern genug Zeit für Familien zu verschaffen. Der Aufbau verlässlicher Bindungen und Beziehungen erfordert Zeit und Freiräume. Bildung, Betreuung und Pflege müssen infrastrukturell gut unterstützt und qualitativ hochwertig ausgebaut werden. Unternehmen und der öffentliche Sektor müssen unterstützt werden, familienbewusste Erwerbsarbeit auch für Führungspersonen zu etablieren.

 

 

Autor: Nadine Mersch Leiterin der Stabsstelle "Sozialpolitik und Öffentlichkeitsarbeit" beim Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein

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