Salzkörner

Montag, 20. Dezember 2010

Gott wagt uns

"Einen neuen Aufbruch wagen" – unter diesem Leitwort steht der Katholikentag 2012 in Mannheim. Dieses Leitwort lässt zwei Fragen offen: Von welchem Aufbruch ist hier die Rede? Welches Wagnis ist gemeint?
Die Frage

Es ist in der Tat waghalsig, in der momentanen Situation unserer Kirche von einem neuen Aufbruch zu sprechen. Denn allzu schnell kann sich ein nur verbal geforderter Aufbruch tatsächlich als ein neuer und zusätzlicher Gewaltakt auswirken. Ich möchte sichergehen, dass wir nicht erneut einbrechen in unwissende und unschuldige Herzen. Dies wäre der Fall, wenn das Leitwort eine Schutz- bzw. Beschwichtigungsdecke über die schlimmen – aufgedeckten und auch unentdeckten – Verletzungen einzelner legen würde. Ich erinnere mich an eine Zeitungsnotiz, dass sich viele Opfer gerade deshalb nicht melden, weil sie zweifeln an der Echtheit des Willens zu Aufklärung und Wiedergutmachung. Dieser Zweifel aber richtet sich an uns alle, nicht nur an die Täterpersonen oder an die Kirchenverantwortlichen. Aus dieser Sorge suche ich nach einem verlässlichen Weg für die Antwort auf die Fragen: Welcher Aufbruch, welches Wagnis sind gemeint?

Die Antwort

Gott selbst hat einen Aufbruch gewagt. Diesen Aufbruch feiern wir an Weihnachten. Wir feiern das Geheimnis, dass Gott einbricht in seine Schöpfung und Mensch wird. Dieser Aufbruch Gottes ist wahrhaft ein Wagnis. Gott wagt uns! Gott wagt sich hinein in unsere menschliche Welt, nicht nur zum Schein. Und dieses Wagnis in seinem Sohn Jesus, dem Christus, nimmt unter uns seinen Lauf. Jesus wird nicht angenommen von uns Menschen, sondern ausgegliedert und am Kreuz geschändet.

Der Schritt

Der erste Schritt in unserem Wagnis ist es, ein Bewusstsein zuzulassen für unser verschüttetes Herz. Verschüttet unter so viel Ärger über kirchliche Schändung, Verfilzung und Verirrung. Verschüttet unter so viel Ohnmacht vor unglaublicher Vertuschung und Realitätsfremdheit. Verschüttet unter so viel Verzweiflung über die eigene und fremde Sünde und über die Vorsicht, sie umfassend zuzugeben vor der säkularen Öffentlichkeit.

Wir können der Verschüttung unserer Herzen aus eigenen Kräften nicht entfliehen. Wir können aber auch nicht einfach warten, bis wir durch den Tunnel unseres Nicht-mehr-Durchblickens hindurch gegangen sind und wieder wie von selbst Licht in Sicht ist. Denn nicht erst das Ende des Tunnels ist der Ort des Aufbruchs.

Der Ort

Das eigentliche Wagnis beginnt gerade dann, wenn wir den Ort der Verschüttung selbst als den Ort der Erlösung begreifen. Das eigentliche Wagnis beginnt gerade dann, wenn wir den Ort unserer Glaubenslosigkeit nicht ignorieren, sondern ihn zugeben. Darin allein würden wir uns unterscheiden von einer säkularen Moral, wenn wir den Ort der Verschüttung selbst als den Ort der Erlösung verstehen. Gerade wenn unser Glaube an Gott in unseren Herzen verschüttet ist, dann sollten wir uns gegenseitig ermutigen mit dem Hinweis, dass Gott selbst uns gewagt hat. Und er kommt gerade mitten in der Nacht, auf dem Höhepunkt der Nacht. Er kommt wie ein Dieb – in der Nacht. Und er hat den Einbruch in unsere Herzen längst gewagt. Wir dürfen seinen Einbruch auch unter uns wagen.

Es gibt nur die eine Möglichkeit für uns: Gott unter uns und an uns geschehen lassen! Diese Einstellung könnte unser Innerstes aufbrechen, unsere Herzen und Seelen. Was soll ein Aufbruch von selbst gemachten Strukturen, von neuen Worten, von neuen Ämtern und Diensten denn leisten, wenn darin nicht unser aller Herz aufzubrechen bereit ist?

"Die Kirche erwacht in den Seelen", hat Romano Guardini einst gesagt. Die Kirche erwacht, wenn Gott aufbricht in unseren Seelen, in den Herzen derer, die Gott trauen. Es kommt auf Gott an. Und es kommt darauf an, wie wir Gläubige, Laien wie Kleriker auf den Einbruch Gottes durch seinen Sohn antworten! Denn als Kleriker, wie als Laien sind wir zuerst Christgläubige. Das ist die bleibende Basis: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.

Autor: Dr. Bettina-Sophia Karwath, Geistliche Leiterin der kfd, Mitglied des ZdK

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