Salzkörner

Donnerstag, 30. Juni 2016

Gottes Werk und Leipzigs Beitrag

Eine Bilanz des 100. Deutschen Katholikentags

"Gottes Werk und Leipzigs Beitrag", unter diese Überschrift stellt der Leipziger Kabarettist Meigl Hoffmann in der Leipziger Volkszeitung seine Bilanz zum Katholikentag. "Nun ist der 100. Deutsche Katholikentag Geschichte – ein Teil der Geschichte unserer Stadt." " Bloß gut", so zitiert Hoffmann später einen älteren Leipziger, "bloß gut, dass die die Schals tragen. Sonst wirste hier bekehrt und merkst es nicht." "War es ein gelungener Katholikentag? Ja! Waren wir gute Gastgeber? Ja! Hatte Leipzig was davon? Ja! Müssen wir einer Meinung sein? Nein! Aber wir haben gesehen, dass offener Dialog, verständnisvoller Umgang und eine Begegnung auf Augenhöhe immer noch die beste Methode ist, Antworten auf die Fragen der Zeit, der Welt und der Gesellschaft zu bekommen. Und, bitteschön, Gott nicht vergessen, auch wenn draußen das Fliegende Spagettimonster vorbeisegelt", so das Fazit des Kabarettisten.

Auch ich möchte sagen: "Ja! Leipzig war ein gelungener Katholikentag. Ja! Er ist jetzt ein wichtiger Teil auch unserer Geschichte." Die Entscheidung, mit dem Jubiläumskatholikentag nach Leipzig zu gehen, hat sich als richtig erwiesen. Wir sind hier offenen, toleranten und interessierten Mitbürgern begegnet. Gemeinsam mit unseren Teilnehmern haben sie die Stadt mit einer gelassenen, friedlichen Fröhlichkeit erfüllt. Die Botschaft unseres Leitwortes "Seht, da ist der Mensch" ist beim Katholikentag durch die gelebte Botschaft "Seht, wie sie miteinander leben" ergänzt und ganz offensichtlich auch von Vielen verstanden worden. Der 100. Deutsche Katholikentag hat in Leipzig – bei allen Notwendigkeiten der Weiterentwicklung – die Zukunftsfähigkeit des Modells Katholikentage unter Beweis gestellt. Katholikentage gehen auch dann, wenn die Katholiken, ja nicht einmal die Christen, in einer komfortablen Mehrheitsposition sind. Sie brauchen keine Bischofsstädte und kein volkskirchlich geprägtes Umfeld. Auch aus der Position einer kleinen Minderheit heraus können sie Wirkung entfalten. Wir haben in Leipzig viel von dieser kleinen, aber wachsenden Kirche gelernt. Der Perspektivwechsel vom "noch" zum "schon", von der Haltung "wir sind doch noch so Viele und können noch so viel" hin zu der Erfahrung "wir können schon wieder, wir sind wieder mehr" hat etwas Befreiendes. Vor allem konnten wir erfahren, was es bedeutet, wenn wir uns unter Menschen bewegen, denen Glaube und Kirche schlicht unbekannt sind, die damit aber auch unbelasteter sind von vielen, oft getrübten Erfahrungen mit unserer Kirche. Der Katholikentag hat gezeigt, dass es sich lohnt, Menschen neugierig zu machen auf verschüttete christliche Grundlagen.

Klare politische Botschaften

Dieser Katholikentag hatte eine klare politische Botschaft. Mit aller Deutlichkeit hat er gezeigt, dass die Menschen, die sich in unserer Kirche engagieren, für eine solidarische, tolerante und nach innen und außen offene Gesellschaft einstehen. Sie wollen sich in Staat und Politik für Dialog, Pluralität und Integration einsetzen. Sie wollen kein Zurück in die scheinbar einfachen Verhältnisse einer verklärten Vergangenheit. Sie sind nicht bereit, sich auf die Botschaften der Vereinfacher und Unheilspropheten einzulassen und lehnen ausgrenzenden Nationalismus klar ab. Damit steht der Leipziger Katholikentag ganz in der Tradition seiner 99 Vorgänger: in der Art, wie er ein Glaubensfest mit Frömmigkeit, Lebensfreude, Begegnung und Dialog mit einer politischen Grundhaltung und der gemeinsamen Erarbeitung von Positionen verbunden hat.

Mit dem Leitwort "Seht, da ist der Mensch" ist es gelungen zu zeigen, was christliche Weltverantwortung meint. Dieses Leitwort ist so voraussetzungslos verständlich wie spirituell tief. Es stellt mit Bezug auf das "Ecce Homo" des leidenden Christus den Menschen in den Mittelpunkt mit einer klaren Option für die Armen, die Kranken, Verfolgten und Flüchtlinge. Es war eine Hilfe bei dem Bekenntnis für eine Willkommenskultur und gegen Abschottung und Ausgrenzung. Unter diesem Leitwort konnte der Leipziger Katholikentag deutlich machen, dass die soziale Frage weder in unserem Land und erst recht nicht im weltweiten Zusammenhang zu den Akten gelegt werden darf. Im Gegenteil: Globalisierung, Wanderungsbewegungen, Armutsbekämpfung und Klimawandel fordern uns heraus, die soziale Frage im internationalen Kontext zu aktualisieren und nach neuen Antworten zu suchen. Der Katholikentag hat gezeigt, dass wir Christen dazu bereit sind. Er hat aber auch gezeigt, dass die Politik hier auf die Unterstützung der Christen und der Kirchen hofft.

Dialog der Religionen

Einer der Schwerpunkte, auch im Interesse der Teilnehmenden, war der Dialog der Religionen. Mit großem In-teresse haben sich Viele über den Islam und seine Glaubenskultur informieren lassen. Ich bin überzeugt, dass der Katholikentag einen wichtigen Beitrag dazu leisten konnte, zu erfahren und zu erleben, dass die Muslime unter uns in ihrer ganz großen Mehrheit an einem friedlichen und toleranten Zusammenleben interessiert sind. Ein wichtiges Signal zum Auftakt dieses Katholikentags war das gemeinsame Zeugnis von Christen und Muslimen gegen Gewalt und für Frieden bei der ZdK-Vollversammlung. Die vom Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim ZdK gemeinsam erarbeitete und unterzeichnete Erklärung "Keine Gewalt im Namen Gottes" ist ein Beleg dafür, dass der theologische Diskurs hierfür eine wichtige Voraussetzung ist. Wer, wenn nicht die Gläubigen beider Religionen, können derzeit einen solchen Dialog besser führen?

Zu einem Katholikentag, auch das hat Leipzig wieder gezeigt, gehören selbstverständlich auch die innerkirchlichen Hausaufgaben. Unaufgeregt wurden sie in Leipzig diskutiert. In aller Klarheit wurde die Unterstützung für die aktuelle Initiative von Papst Franziskus deutlich, das Thema Diakonat der Frau auf die Tagesordnung zu setzen. Die Katholiken in Deutschland verbinden damit große Erwartungen. Wir sind davon überzeugt, dass die Zeit überreif ist, Frauen wieder zu Diakoninnen zu weihen. Gerade hier in Leipzig war deutlich, dass wir uns mit den Themen innerkirchlicher Reformen nicht um der Kirche selbst willen beschäftigen, sondern um die Kirche zu befähigen, ihren Dienst für die Welt, für die Menschen zu erfüllen. Deshalb setzen wir uns dafür ein, den Diakonat als Weiheamt für Frauen zu öffnen. Schließlich wirken Frauen längst ganz maßgeblich nicht allein am diakonischen Auftrag der Kirche mit. Deshalb haben wir auch über die Zukunft von Gemeinden und Verbänden gesprochen, über die Weiterentwicklung des katholischen Familienbildes, gerade vor dem Hintergrund des Schreibens von Papst Franziskus "Amoris Laetitia", über den Auftrag der Christen, sich einzusetzen für eine nachhaltige Entwicklung, gegen Armut und für den Schutz unserer Umwelt.

Eucharistie als Zeichen der Solidarität

Unverzichtbar und selbstverständlich mit jedem Katholikentag verbunden sind, neben den gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Diskussionen, die geistlich-spirituellen Angebote, die Verkündigung und die Liturgie. Hier möchte ich besonders an die gelungene Gestaltung des Fronleichnamsfestes erinnern. Mitten im Alltag des Getriebes einer Großstadt haben wir vormittags auf dem Augustusplatz Eucharistie gefeiert und am Abend eine eindrucksvolle Alternative zur traditionellen Prozession erlebt: nicht als Demonstration sondern als Einladung, nicht abgeschottet am Rande unter uns, sondern in sichtbarer Selbstverständlichkeit mit sozialen, politischen Botschaften verbunden. Wir haben uns einladen lassen von Menschen, die sich in Leipzig sozial engagieren. Wir wollten von ihnen lernen. Bei einer großen Lichterfeier, auf dem Platz der Revolution der Kerzen 27 Jahre zuvor, haben wir die Erfahrungen des Tages noch einmal vor Gott getragen – Eucharistie als Zeichen der Solidarität mit den Menschen.

Nicht zuletzt hat uns der 100. Katholikentag einen Auftrag gegeben: Wir wollen und müssen uns noch mehr um Europa kümmern. Zusammen mit unseren Brüdern und Schwestern in Polen, Frankreich, Österreich, Italien und vielen anderen Nachbarländern müssen wir uns dafür engagieren, die europäische Gemeinschaft zu stärken, gegen den neu aufflammenden nationalen Egoismus und gegen die Vereinfacher und Populisten. Wir müssen wieder anknüpfen an Initiativen der Versöhnung, wie sie vor fünfzig Jahren durch die polnischen und deutschen Bischöfe und die ZdK-Laien angestoßen wurden.

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Thomas Sternberg Präsident des ZdK

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