Salzkörner

Montag, 30. Juni 2014

Grenz-Verkehr Brücken bauen mit der Kollekte des Katholikentags

Lover-Boys, die schüchterne Schulmädchen auf dem Nachhauseweg umwerben und nach mehreren Wochen zur Prostitution überreden; Fußballtrainer, die ihre Jugendmannschaft zur Feier des Liga-Aufstiegs auf eine Tagesfahrt ins Casino und Flatrate-Bordell an die deutsch-tschechische Grenze einladen; "Madams", die in Reihenhäusern als Zuhälterinnen über mehrere Afrikanerinnen herrschen; Menschen-Händler, die als Spediteure getarnt junge Frauen und Männer aus Osteuropa mit großen Versprechungen locken und als "Frischfleisch" zur Zwangsprostitution in Wohnblock-Apartments abliefern …

Was sich auf den ersten Blick anhört wie ein spannender Sonntagabendkrimi, ist in Deutschland seit Jahren auf der Tagesordnung von Ermittlungsbehörden und Beratungsstellen, wie Gerichtsverfahren und Statistiken  auf Länder-, Bundes- und EU-Ebene beweisen. Anders als man vermuten möchte, sind die oben genannten Beispiele weder frei erfunden noch stammen sie aus den Polizeiberichten großer Ballungsräume oder Großstädte. Im Gegenteil, alle eingangs geschilderten genannten Vorfälle sind angesiedelt in einem "gut katholischen" Gebiet, wie mancher so schön sagen würde, rund um Regensburg, also in den bayerischen Regierungsbezirken Niederbayern und Oberpfalz und in der benachbarten Tschechischen Republik.

Nach wie vor ist die Dunkelziffer im Opfer- wie im Täterbereich von Menschenhandel und Zwangsprostitution sehr hoch; die Fälle, die aktenkundig werden, sind nur die Spitze des Eisbergs, da Täter und Täterinnen mit ihren Anwälten alles daran setzen, den rechtlichen Graubereich zwischen Legalität und Gesetzwidrigkeit auszuschöpfen und ihre Opfer, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die zur Zeit bevorzugt aus Osteuropa und aus afrikanischen Ländern stammen, um jeden Preis einzuschüchtern.

Dass Christinnen und Christen und speziell auch katholische Kirche angesichts dieser Realität nicht wegschauen und nicht schweigen können und wollen, zeigt die Kollekte des 99. Deutschen Katholikentags in Regensburg. Mit den Spenden der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wird in der Region um Regensburg, in Nähe zur deutsch-tschechischen Grenze und in Kooperation mit Behörden und Initiativen vor Ort in den kommenden Monaten nach dem Katholikentag eine Beratungs- und Anlaufstelle für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution eingerichtet.

Der  Arbeitskreis "Menschenhandel und Zwangsprostitution" des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) Regensburg, der sich seit Jahren an einem Runden Tisch und mit Informationsabenden zur Sensibilisierung für dieses Thema in der Bevölkerung einsetzt, hat dafür den von Sr. Dr. Lea Ackermann gegründeten Verein SOLWODI e.V. (Solidarity with Women in Distress – Solidarität mit Frauen in Not) vorgeschlagen und die Verantwortlichen des Katholikentags für seine Initiative gewonnen. Auf der guten und erfolgreichen Basis und Expertise von SOLWODI soll in Regensburg zeitnah zum Katholikentag eine hauptamtlich besetzte Beratungsstelle eingerichtet werden, die sich in der Region für die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt. Als weitere Eckpfeiler der Arbeit dieser Anlaufstelle sind Schutzwohnungen für die Opfer geplant.

Auch wenn manchen diese Initiative angesichts der kriminellen Energien wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheinen mag, so kann genau dieser eine Tropfen für ein Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution die letzte Rettung sein und Kirche erweist sich damit einmal mehr, wie auch Papst Franziskus jüngst gefordert hat, als Kämpferin gegen "Verbrechen gegen die Menschheit".

 

 

Autor: Dr. Gabriele Zinkl Offizialatsrätin Regensburg, Leiterin Zentrum Frauen & Männer beim Katholikentag, Mitglied im Bundesvorstand des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB)

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