Salzkörner

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Heilsames Befremden

"In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl …" Die Bilder, die der Beginn des so genannten "Weihnachtsevangeliums" vor das innere Auge rückt, gehören größtenteils zum europäischen, ja globalen Kulturgut. Anders verhält es sich beim Text, der dem ursprünglichen Weihnachtsfest, dem Fest der Erscheinung des Herrn zugrunde liegt.
 
Wer sich nicht damit begnügt, die Personen des "Dreikönigstages" als verspätete Nebendarsteller in den Stall von Bethlehem zu schicken, der wird schnell feststellen, dass die Sterndeuter zu den geheimnisvollsten Personen der Evangelien gehören. Man weiß nicht genau, wie viel und vor allem wer sie eigentlich sind: Gelehrte, Könige, Magier? Im Matthäusevangelium ist von "Magoi" die Rede. Sie brechen aus unbekannter Fremde auf zu einem unbekannten Ziel, weil sie einem geheimnisvollen Himmelszeichen folgen. Schließlich kommen sie an ein überraschend schlichtes Ziel, erkennen darin eine höhere Weisheit, aber auch die Gefahr, die ihm droht, und entschwinden wieder im Dunkel ihrer Herkunft.

Eine der ersten Darstellungen der "drei Könige" bringt das Befremden, das diese Gestalten bis heute auslösen, faszinierend ins Bild. Ein zu Beginn des 6. Jahrhunderts entstandenes Mosaikfeld der Kirche San Apollinare nuovo in Ravenna zeigt drei genauso exotisch wie teuer gekleidete Männer, deren orientalische Herkunft durch ihre Kopfbedeckung, die phrygische Mütze, unterstrichen wird. Der zeitgenössische Betrachter assoziiert zugleich die typische Jakobinermütze und damit eines der Kennzeichen des Aufbegehrens gegen Monarchie und Absolutismus.

Spätestens jetzt werden die Sterndeuter des Matthäus-evangeliums zu im besten Sinn des Wortes fragwürdigen, vertieften Nachfragens werten Gestalten, deren Verhalten und Agieren sich schließlich als Frage an uns richtet. Sie symbolisieren, so lässt sich zugespitzt formulieren, einen bestimmten, ausgesprochen zeitgenössischen Menschentypus: Menschen, deren Blick mehr in die Zukunft als in die Gegenwart geht; Menschen, die kritisch nach Lebenssinn suchen; Menschen, die schließlich auch bereit sind, dafür ihre gewohnten Bahnen zu verlassen: Als sie mit einem Mal etwas Ungewöhnliches – wie einen neuen Stern – in ihrem Leben aufleuchten spüren, da sind sie bereit, alles Bisherige hinter sich zu lassen, um diesem Neuen nachzugehen und dafür sogar ihr Zuhause, ihr sicheres Dasein zu verlassen und aufs Spiel zu setzen.

Doch bei aller Zeitgenossenschaft: im Wahrnehmungsmuster kirchlichen Lebens sind derlei Gestalten nicht besonders präsent. Wenn, dann als sprichwörtliche Fremdkörper. Es handelt sich um Menschen, die spirituell und mitunter sogar geographisch aus allen Himmelsrichtungen kommen, Menschen, deren geistig-geistliche Herkunft (auch ein wenig vermischt mit manchmal unheimlichen Praktiken!) sich den kirchlich Sozialisierten kaum erschließt. Sie sind Magier im weitesten Sinn des Wortes, sie machen sich auf den Weg, sie suchen wirklich. Die Begegnung mit ihnen wird zur bohrenden Frage: Glaubt ihr, weil ihr die Erkenntnis geschenkt bekommen habt, wo dieses Kind ist, was dieses Kind bedeutet? Denkt bloß nicht, dass ihr es bleibend und unverlierbar hättet! Hier ereignet sich in intensiver Form Fremdprophetie, Anfrage von außen – ein unabdingbarer Grundvorgang in und für eine Kirche, die sich ihre stetige Erneuerungsnotwendigkeit auf die Fahne geschrieben hat.

Freilich: Suchen allein nützt noch nichts, wenn es nicht von der Überzeugung geleitet wird, dass man auch finden kann. Wer unablässig sucht, und wer dranbleibt, der wird auch finden. Diese Gewissheit ist der tiefste Kern des Glaubens überhaupt. Die feste Überzeugung zu haben: Wenn ich suche, dann werde ich auch finden. Verstörend ist freilich die Reihenfolge derer, die finden. Der Reigen wird im Matthäusevangelium angeführt von Heiden, also vermeintlich Nicht-, bestenfalls "Andersgläubigen". Das heißt auch, Nichtwissende werden zu den eigentlich Wissenden. Was nutzt das bloße Bescheidwissen derer, die sich von Anfang an als Insider ausgeben, was helfen ihnen die Detailkenntnisse darüber, wann und wo der Messias geboren werden wird? Dieses bloße Wissen bleibt nach Auskunft des Matthäus unfruchtbar und zeigt keinerlei Auswirkungen auf das Leben dieser Experten. Sie verschanzen sich in den Elfenbeintürmen selbstgenügsamer Viel- und Besserwisserei, ohne jemals auch nur einen Finger für die Konsequenz aus dem Gewussten zu rühren. Matthäus will von seinen damaligen und heutigen Adressaten nichts anderes, als dass sie aufmerksam sein sollen für alle, die suchen, auch wenn diese vielleicht zuerst Abwege, Umwege und Irrwege gehen. Solange sie unterwegs sind, haben sie die Möglichkeit zu finden. Als Findende aber werden sie zu Wegweisern für die, die nicht und nichts (mehr) suchen.

Wegweiser: Die Sterndeuter der Bibel waren bereit, ungewöhnliche, weite, vermutlich auch gefährliche Wege zu gehen, Wege der Ungewissheit. Ihr einziger Orientierungspunkt war der Stern, der sie auf den Weg rief, ihre Nahrung die Sehnsucht nach dem Messias, nach einem, der ihr Leben von Grund auf erneuern würde. Wer heute ausziehen und sich auf die Suche machen will nach einem neuen Sinn oder Stil seines Glaubens, der darf sich ganz in Entsprechung zur biblischen Geschichte von den Sterndeutern nicht erwarten, sofort wieder ein sicheres, warmes Zuhause zu finden; der braucht unter Umständen einen langen Atem und Geduld und Mut zum Schwimmen gegen den Strom. Er braucht vielleicht sogar noch mehr und zuallererst den Mut sich einzugestehen, bisher auf dem Holzweg gewesen zu sein und nicht mehr recht weiterzuwissen – so wie ja auch die Sterndeuter der Bibel erkennen mussten, dass nicht Jerusalem ihr Ziel war, und dass ihr Stern sie dahin führte, wo sie ihr Ziel am allerwenigsten vermutet hätten.

Bis an diesen Punkt formuliert der Text des ursprünglichen Weihnachtsfestes eine recht harte Botschaft: Es klagt jene an, die hinter den Mauern eines ängstlich verteidigten Status quo, in der unangreifbaren Wohlbehaglichkeit glaubensverbrämter Lebensphilosophie und in den Elfenbeintürmen bloßer Besserwisserei hocken bleiben. Und es bereitet den, der sich tatsächlich herauswagt und auf die Suche nach neuen Wegen macht, auf eine harte Zeit der Unsicherheit, der Entbehrung und des Irrens vor. – Aber das Evangelium von den Weisen aus dem Morgenland mündet schließlich doch in eine gute Verheißung: Es verspricht dem, der auszieht, um neue Wege und einen lebendigeren Glauben zu suchen, auch ein Finden. – Der Messias, den unsere Weisen finden, ist: ein neugeborenes, verfolgtes Kind; ein Kind, das in keiner Weise mit irgendwelchen Reichtümern, Garantien oder Leistungen aufwarten könnte – im Gegenteil: Das Ziel der langen Suche ist ein Kind, das sich selbst beschenken lassen muss, um überhaupt leben zu können. Das ist letztlich der Mensch – und das ist also das Ziel: der meiner Suche und Zuwendung bedürftige Mensch.

Die ersten Gläubigen?
Suchende!
Fremde mit vielsagenden Namen

"Schütze sein Leben"
"Mein König ist Licht"
"Schatzmeister"

Träger phrygischer Mützen:
Einst medische Priester
Jüngst staatenlose Jakobiner

Zuerst die Fernstehenden, dann die vermeintlich Nahen
Zuerst die Fremden, dann die augenfällig Vertrauten
Zuerst die Suchenden, dann die Wissenden

Heilsames Durcheinander

 

Autor: Stefan-B. Eirich, Rektor im ZdK

zurück zur Übersicht