Salzkörner

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Herzlich Willkommen? Herzlich Willkommen!

Die Katholische Erwachsenenbildung und ihr Engagement für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsfrage

Es gibt eine enorme – vor allem ehrenamtlich getragene – Solidaritätsbewegung für Flüchtlinge: Ehrenamtliche unterrichten Deutsch, sammeln Kleidung und organisieren Fahrdienste, Schülerinnen und Schüler verhindern Abschiebungen und Vereine organisieren Sport- und Freizeitaktivitäten[1]. In den katholischen Erwachsenenbildungseinrichtungen wurden in den letzten Monaten mit großer Kraftanstrengung diverse Bildungsangebote entwickelt. Dabei entstanden vielfältige Formate, die der Integration sowie der Förderung einer besseren politischen Diskussionskultur in der Flüchtlingsfrage helfen können. Beispielhaft sollen hier drei Initiativen vorgestellt werden:

Ehrenamtliches Engagement als Sprachförderkräfte

Viele Ehrenamtliche möchte sich in der Sprachförderung für Flüchtlinge engagieren und grundlegendes Sprachwissen vermitteln. Diese Angebote sind eine dringend benötigte Ergänzung der von Bund und Ländern geförderten Maßnahmen, gerade im ländlichen Raum, aber auch für Einzelpersonen oder kleine Gruppen. Verschiedene katholische Erwachsenenbildungseinrichtungen haben dazu mit der KEB Deutschland ein Konzept für die Qualifizierung von ehrenamtlichen Sprachförderkräften entwickelt. Die Ziele dieser Weiterbildung berücksichtigen den fachlichen Qualifizierungsbedarf für einen Einstieg als ehrenamtlich Tätige in einem Sprach- oder Orientierungsangebot, berücksichtigen aber auch die Rahmenbedingungen ehrenamtlichen Engagements[2]

Im Mittelpunkt stehen die Vermittlung von Grundwissen sowie das Erarbeiten von Kompetenzen für die praktische Unterrichtstätigkeit. Zum anderen stehen die Persönlichkeiten der Lernenden, aber auch der Lehrenden, im Vordergrund der Einstiegsfortbildung. Es gilt, für die Lebens- und Lernsituation der Lernenden zu sensibilisieren und die eigene Rolle als Lernbegleiter/innen zu reflektieren. Ziele sind demnach erwachsenengerechtes Lehren und Lernen mit den Schwerpunkten Empowerment (Ermächtigung), Teilnehmendenorientierung, Lebensweltorientierung, Stärkung der Sozialkompetenzen, Selbsterfahrung, Begegnung und Begleitung sowie interkulturelle Kompetenz.

Ehrenamtliche Flüchtlingsbegleiter/innen

An vielen Orten in der Republik werden Ehrenamtliche für die Begleitung von Flüchtlingen qualifiziert, so zum Beispiel im Bistum Mainz: Hier bietet das diözesane Bildungswerk bereits seit Sommer in Kooperation mit dem Caritasverband und dem Bistum ein Förderprogramm zur Qualifizierung von Ehrenamtlichen zu Flüchtlingsbegleiter/innen an[3]. Die Ausbildung thematisiert Fluchtursachen, Fluchtwege und Fluchtgeschichten, informiert über die damit verbundenen psychischen und rechtlichen Implikationen ebenso wie Fragen der Motivation, Aufgaben und Grenzen bzw. die rechtlichen Grundlagen ehrenamtlicher Engagements, nimmt Asyl- und Aufenthaltsrecht in den Blick, legt den Fokus aber auch auf europäische Rechtsvorgaben. Weiterer Schwerpunkt ist der Erwerb interkultureller Kompetenzen. Die Nachfrage nach diesen Qualifizierungen ist enorm – ein gutes Zeichen dafür, dass nicht nur viele Menschen ehrenamtlich Flüchtlinge begleiten wollen, sondern, dass sie sie gut begleiten wollen.

Ausbildung zur interkulturellen Mediator/in

Wo Menschen zusammenkommen, gibt es Konflikte, wo Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen einander begegnen, erhalten diese Konflikte eine interkulturelle Dimension. Ein sinnvolles und nachhaltiges Verfahren, diese Konflikte zu handhaben und zu lösen, ist die interkulturelle Mediation, die eine Einbeziehung der kulturellen Werte und Identitäten der Konfliktparteien vorsieht und als Ressource nutzt. Mediation ist ein Verfahren zur Lösung von Konflikten durch "allparteiliche Dritte", das in vielen Kulturen eine lange Tradition hat, aber zunehmend als standardisiertes Verfahren auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt. Theorie, Praxis und Methoden der Mediation, der Kommunikation und der interkulturellen Konfliktbearbeitung stehen im Mittelpunkt dieser Weiterbildung. Vermittelt werden theoretische Grundlagen und Fähigkeiten der Konfliktdiagnose sowie das Einüben und Beherrschen unterschiedlicher Methoden und Techniken in der Konfliktvermittlung aus einer interkulturell kompetenten Haltung heraus. Bereits seit 2007 bieten die Katholische Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, die Landesarbeitsgemeinschaft der Caritasverbände Rheinland-Pfalz und die Katholische Erwachsenenbildung Deutschland (seit 2015) eine Ausbildung zu interkulturellen Mediatoren/innen auf der Basis der Standards des Bundesverbandes Mediation an[4]. Viele der Absolvent/innen sind ehren- oder hauptamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Ein nächster Ausbildungsstart ist für Februar 2016 vorgesehen.

Interkulturelle Öffnung ist zukunftsentscheidend

Die Weiterbildungsmaßnahmen sind ein zwar unverzichtbarer, aber dennoch nur erster Schritt hin zu einer Willkommenskultur. Letztendlich bedarf es struktureller und strategischer Veränderungen in Hinblick auf den wertschätzenden Umgang mit kultureller Vielfalt. Dabei geht es in letzter Konsequenz um interkulturelle bzw. transkulturelle Öffnungsprozesse, die Barrierefreiheit und Zugangsgerechtigkeit unabhängig vom kulturellen Ursprung ermöglichen (Konzept der Interkulturellen Öffnung). Als Querschnittsthema berührt dies gleichermaßen die individuelle, organisationale und strukturelle Ebene. Die Gestaltung interkultureller Öffnungsprozesse kennzeichnet vor allem eine strategische Dimension: Interkulturelle Orientierung und Öffnung stellen die Beteiligung und Selbstbefähigung in den Mittelpunkt.[5]

Katholische Erwachsenbildungseinrichtungen können hier einen wertvollen Beitrag z. B. durch die Qualifizierung und Begleitung von Ehrenamtlichen leisten. Sie können auch Begegnungsräume eröffnen und Beziehungen stiften helfen und auch für den Prozess der Interkulturellen Öffnung vorbereiten. Allerdings kommen sie, wie auch andere Bildungsträger, zunehmend an Kapazitätsgrenzen. Sie können die kontinuierlich steigende Nachfrage nach Bildungs- und Integrationsangeboten kaum noch bewältigen und benötigen dringend zusätzliche Förderung von Bund und Ländern zum Ausbau von Angeboten und Strukturen. So müssen insbesondere die Sprachkurse in den Aufnahmeeinrichtungen, die Öffnung der Integrationskurse sowie die berufsbezogenen Weiterbildungen dringend ausgebaut, besser gefördert und von Seiten der bewilligenden Behörden weniger bürokratisch gehandhabt werden. Die von der Bundesregierung geplante Öffnung der Integrationskurse für Flüchtlinge begrüßt die KEB ausdrücklich.

Um allerdings ausreichende Kursplätze einrichten zu können, bedarf es der schnellen und grundlegenden Reform des Integrationskurssystems. Dazu gehört insbesondere die Beseitigung des hohen Lehrkräftemangels. Die Bundesregierung muss die Zulassungsbedingungen für die Qualifizierenden senken und die Attraktivität dieses Berufsfeldes erhöhen, indem sie die Qualifizierung sowie eine angemessene Unterrichtspauschale finanziell sicherstellt. Zudem ist es notwendig, wieder Kinderbetreuungsmittel zur Verfügung zu stellen. Die Betreuungsmöglichkeiten in den Kommunen reichen vielerorts bei weitem nicht aus, um allen Frauen die Teilnahme an den Kursen zu ermöglichen. Die in Deutschland angekommenen und noch ankommenden Flüchtlinge brauchen für eine erfolgreiche Integration und Partizipation zeit- und ortsnahe Sprach-, Orientierungs- und Bildungsangebote. Integrationsangebote dürfen nicht erst beginnen, wenn der Aufenthalt gesichert ist und auch nicht nur für die Menschen zur Verfügung stehen, die eine sichere Bleibeperspektive haben. Eine solche Selektion ist perfide und ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Bildung.

 

 

 

 



[1]     http://www.proasyl.de/index.php?id=1967 Datum des Zugriffs 26.10.2015

 

[2]     http://ehrenamtlich.jimdo.com Datum des Zugriffs 26.10.2015

 

[3]     http://www.bistummainz.de/bm/dcms/sites/themen/flucht/index.html?f_action=show&f_newsitem_id=48702 Datum des Zugriffs 26.10.2015

 

[4]     mediation-interkulturell.jimdo.com Datum des Zugriffs 26.10.2015

 

[5]     Elisabeth Vanderheiden, Claude-Helène Mayer (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Öffnung. Grundlagen, Best Practice, Tools. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014.

 

 

Autor: Elisabeth Vanderheiden Vorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland (KEB)

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