Salzkörner

Montag, 28. Juni 1999

Hilfe braucht erfahrene Helfer

Guter Wille allein ist nicht ausreichend
Das Unheil, das im Kosovo angerichtet worden ist, läßt sich weder schnell noch ohne den fachkundigen Einsatz erfahrener Helfer überwinden. Dabei geht es vor allem darum, der Komplexität der Situation in der gesamten Region gerecht zu werden. Nur punktuelle und in ihren Folgen unbedachte Hilfe richtet oft nur neuen Schaden an. Caritas International verfügt weltweit über Wissen und Erfahrungen, die in Jahrzehnten gesammelt wurden und jetzt den Menschen im Kosovo, Mazedonien und Albanien zugute kommen.

Die Bilder aus dem Kosovo, aus Mazedonien und Albanien vermitteln vordergründig zwei Eindrücke von Katastrophenhilfe: Es geht um das Verteilen von Nahrungsmittel, Decken, Zelten und Matratzen und guter Wille reicht, um Hilfe zu leisten. Letzteres bestätigt die große Zahl von Initiativgruppen und Privatpersonen, die derzeit im Krisengebiet bei dem Bemühen anzutreffen sind, sich nützlich zu machen.
Katastrophenhilfe ist jedoch weit mehr als das. Sie muß den Menschen beim Schritt in die Freiheit und Selbständigkeit verläßliche Stütze sein. Das dauert oft Jahre. Mit gutem Wille allein ist das nicht zu erreichen. Im Gegenteil: Katastrophenhilfe muß professionell geleistet werden, wenn sie Erfolg haben soll, sowohl in den ersten Monaten einer Krise als auch beim späteren Wiederaufbau. Nur erfahrene und ausgebildete Mitarbeiter können dies gewährleisten.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – Oder Hilfe, die keine ist.

Die Leidtragenden gut gemeinter aber unprofessioneller Hilfe sind nicht so sehr die Flüchtlinge als vielmehr die oft ebenfalls armen Einheimischen. Die Auswirkungen auf die lokalen Strukturen, die so massive Hilfe von außen zwangsläufig mit sich bringt, muß berücksichtigt werden. Sonst entstehen schwere und nachhaltige "Hilfsschäden". Dazu zwei Beispiele: In Mazedonien sind über 40 Prozent der Wirtschaft zusammengebrochen. Allenthalben Kurzarbeit und Entlassungen. Eine große Textilfabrik in Tetovo – Tetex – bleibt aufgrund des weggebrochenen Marktes mit den anderen Teilrepubliken der Bundesrepublik Jugoslawiens auf 100.000 fertigen Kleidungsstücken sitzen. Aber gleichzeitig bringen hunderte Hilfsinitiativen – kleine wie große – Altkleider für die Flüchtlinge nach Mazedonien. Der Kauf vor Ort hätte hunderten mazedonischer Arbeitnehmer wieder zu Arbeit und Brot verholfen – und wäre so einfach gewesen! Ganz zu schweigen von dem krassen Mißverhältnis zwischen dem Preis für eine Transall-Flugstunde und dem Wert der geflogenen Güter.
Oder Albanien: Schon nach einigen Wochen stapelten sich am Flughafen in Tirana unbrauchbare Medikamente, angeliefert in der guten Absicht zu helfen: Medikamente mit Hinweiszetteln nur in Deutsch; kleinste Packungen, die nur in wochenlanger Arbeit zu sortieren und zu verteilen wären; Medikamente, die nur Markennamen aufweisen oder nicht auf der Liste der Weltgesundheitsorganisation für Albanien stehen und somit den meisten Krankenschwestern und Ärzten unbekannt sind. Die Beseitigung dieser unbrauchbaren Medikamente wird, soll sie denn umweltfreundlich erfolgen, mehrere zehntausend Mark kosten.

Lokalkauf und Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung

Die Caritas versucht, solche Dilettantenfehler zu vermeiden; sie berücksichtigt die Gegebenheiten im gesamten Katastrophengebiet, im Zusammenhang und im Wirkungsgefüge. Sie handelt nach zwei Grundprinzipien: Erstens hat der Lokalkauf immer Vorrang vor dem Einkauf oder Einsammeln von Hilfsgütern zuhause. Damit kann nicht nur den Flüchtlingen, sondern gleichzeitig auch der einheimischen Wirtschaft geholfen werden. Beispiel: Fast 70 Prozent der Nahrungsmittel für das Flüchtlingslager Stenkovac I, das Lager für das die internationale Caritas die Verantwortung übernommen hat, werden lokal gekauft. Vor zwei Wochen ist eine Vereinbarung mit der örtlichen Bauernvereinigung abgeschlossen worden: Sie liefert künftig Obst und Gemüse für die Lagerbevölkerung. Und zweitens: Auch die einheimische Bevölkerung braucht Hilfe. Die Caritas verteilt deshalb nicht nur an die Flüchtlinge, sondern auch an mazedonische und albanische Sozialfälle Nahrungsmittel. Damit entspannt sich das Verhältnis zwischen den Einheimischen, die unter der Krisensituation leiden, und den Flüchtlingen.

Hilfe gilt dem ganzen Menschen – Beispiel: Nothilfe mit Telefonen

Um medizinisch angemessen helfen zu können, hat die Caritas gleich zu Beginn ihrer Hilfe für die Kosovoflüchtlinge zwei Ärzte, die aufgrund ihrer Arbeit in der Dritten Welt große Erfahrung mit ähnlichen Situationen haben, zur Caritas Albanien entsandt. Die beiden haben die 50 Caritas-Gesund- heitsstationen beraten und den Bedarf abgefragt. Von Freiburg aus konnten so schnell und sinnvoll die notwendigen Medikamente disponiert werden. Mittlerweile haben wir über 40 Tonnen Medikamente geliefert, die alle sofort einsetzbar waren. Lebensinhalt und Hoffnung verbindet sich für viele Flüchtlinge mit einem Stück Papier, auf dem Namen und Telefonnummern von Verwandten im Ausland geschrieben stehen. Die Caritas hat deshalb für das Lager Stenkovac Telefone angeschafft. Für viele Flüchtlinge, die so drei Minuten pro Woche mit Verwandten sprechen können, bedeutet diese Telefonleitung eine Verbindung ins Leben.Die Schlange vor den Telefonen ist die längste, sieht man von der Schlange bei der Essensausgabe ab. Nothilfe muß also auch das seelische Wohlbefinden der Menschen im Blick haben.

Ein nachhaltiger Wiederaufbau verlangt ein gut abgestimmtes Maßnahmenpaket

Aus Erfahrungen ähnlicher Katastrophen wissen wir, daß Rückführungen oft Jahre dauern. Zuerst geht nur ein Teil der Flüchtlinge in die Heimat zurück. Alte Menschen, Frauen und Kinder bleiben in den Nachbarländern und warten erst einmal ab. Auch in Mazedonien und Albanien wird sich an diesem stets zu beobachtenden Verlauf der Geschehnisse nichts ändern. Deshalb muß beides gewährleistet sein: Der Wiederaufbau und die Versorgung der verbliebenen Flüchtlinge. Fast zwanzig Jahre nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Guatemala kehrten im letzten Jahr die letzten guatemaltekischen Flüchtlinge aus Mexiko zurück in ihre Heimat. Begleitet von der Caritas mit dem Versprechen, ihnen beim Neustart in die Selbständigkeit zur Seite zu stehen.

Ende des Krieges – Ende der Hilfe? Notwendig: Hilfe mit langem Atem

Es wird Jahre dauern, das Kosovo wieder aufzubauen. Die eigentliche Herausforderung liegt noch vor uns. Katastrophenhilfe muß die Lücke zwischen Notverteilung und Entwicklungshilfe schließen, indem sie die Lebensgrundlagen wiederherstellt. Erst wenn die Menschen in der Lage sind, sich selbst zu versorgen, kann Entwicklungshilfe beginnen. Nur dann sind Maßnahmen wie Häuserbau, die Beschaffung von Werkzeugen beispielsweise für die Wiedereröffnung eines Handwerksbetriebs, ein Kleinkreditprogramm für Bauern oder die Reparatur von Krankenhäusern und Schulen sinnvoll. Flüchtlinge kehren nur zurück, wenn ein Minimum an Infrastruktur ein humanes Leben ermöglicht. Das wird im Kosovo Hilfe über eine lange Zeit nötig machen. Es bedarf einer Katastrophenhilfe mit langem Atem und einer langfristigen Finanzierung durch Spenden und öffentliche Mittel.

Infos über Caritas International und Spendenkonto

Caritas International ist das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes (DCV). Caritas International arbeitet schwerpunktmäßig in der Katastrophenhilfe. Darüber hinaus kümmert es sich um benachteiligte Randgruppen in der Dritten Welt wie Behinderte, alte Menschen oder Straßenkinder. Bei den Projekten arbeitet Caritas International mit lokalen Caritaspartnern in der ganzen Welt zusammen.

Spendenkonto:
Postbank Karlsruhe
Konto Nr: 202753
BLZ: 660 100 75

Autor: Matthias Schüth, Pressesprecher Caritas International

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