Salzkörner

Sonntag, 30. April 2000

Im Dialog mit Konfessionen und Religionen

Erstmals in Hamburg zu Gast
Die Programmplanungen für den dem Katholikentag 2000 in Hamburg sind abgeschlossen. Mit Hinweisen auf wichtige Veranstaltungen, markante Programmpunkte und zukunftsweisende Neuansätze soll der folgende Beitrag Lust auf das zentrale kirchliche Großereignis deutscher Katholiken im Heiligen Jahr machen.

Erstmals in der mehr als 150-jährigen Geschichte der Katholikentage wird ein Katholikentag in Hamburg zu Gast sein. Er wird am 31. Mai eröffnet. Gemeinsam eingeladen haben das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und das junge Erzbistum Hamburg, das 1995 nach einer kirchenterritorialen Neuordnung in Folge der Wende von 1989/90 wieder errichtet wurde. Was erwartet die Teilnehmenden?

Da ist zunächst die Stadt selbst, ihre Menschen und ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre geografische Lage. Als Tor zur Welt mit hanseatischer Tradition, als einer der großen deutschen Medienstandorte, geprägt von protestantisch-liberalem Geist, ist Hamburg heute multikulturell wie kaum eine andere deutsche Großstadt. Auf der einen Seite gilt Hamburg als weitgehend säkularisiert und kirchenfern, auf der anderen Seite begegnet man vielgestaltigen Formen von Religiosität. Beides soll seine Reflexe im Programm des Katholikentags finden.

Es geht um das Verbindende

Viele Veranstaltungen sind dem Dialog zwischen den Konfessionen und Religionen gewidmet. Es geht um das Verbindende der Gottsuche und Gotteserkenntnis, wenn Vertreter verschiedener Religionen sich gegenseitig einladen: "Erzähle mir, woraus du lebst". Es geht um den gemeinsamen Beitrag zur Gestaltung des Zusammenlebens. Im Gespräch über den gemeinsamen Beitrag für Entwicklung und Frieden begegnen sich Christen, Juden und Muslime.

Katholikentage sind Begegnungsorte für Christen aus aller Welt. In Hamburg werden auch die dort ansässigen ausländischen Gemeinden aktiv an der Programmgestaltung mitwirken. Nach Hamburg kommen heißt also auch Begegnung der Völker und Kulturen. "Wege zueinander – Zeit miteinander" lautet ein eigenes Motto für den Samstagabend, der durch Bundespräsident Rau gemeinsam mit Gästen aus Israel und Palästina eröffnet wird. Anschließend laden ausländische Missionen, Vereine und Stadtteilinitiativen zum Kultur- und Begegnungsabend rund um den St.Marien-Dom in den Stadtteil St.Georg ein.

Auch an den anderen Tagen wird der Katholikentag mit einem vielgestaltigen Programm in der Hamburger City präsent sein. Veranstaltungen auf Plätzen und Bühnen, in Verlagshäusern und Einkaufspassagen, in Parks und an den Landungsbrücken geben Einblick in die Vielgestaltigkeit der Themen und Aktivitäten des Katholizismus in Deutschland. Prominent besetzte Diskussionsveranstaltungen – unter anderen mit Manfred Kock, Wolfgang Thierse, Andrea Fischer, Norbert Blüm – wechseln sich ab mit Kundgebungen, Gottesdiensten, Konzerten und Infotainment.

Präsent mit Gottesdiensten, Diskussionen, Musik und Ausstellungen

Hamburg und Hafen – für viele ist das eins. Auch der Katholikentag wird am Hafen präsent sein: mit dem Festgottesdienst an Christihimmelfahrt auf dem Fischmarkt und am Sonntag mit einem großen Jugendgottesdienst vor der Kulisse aus Kränen und Docks, mit alternativen Hafenrundfahrten und mit einer Pilgerfahrt Elbe abwärts. Im Hafen zu Gast: das Rostocker Kulturschiff MS Stubnitz. In seinen Laderäumen: die Musikszene Mecklenburg-Vorpommerns mit Gästen aus Großbritannien, USA und Australien.

Auch auf dem Festland bietet der Katholikentag ein vielgestaltiges Kulturangebot: in Hamburgs Kirchen, Museen und Ausstellungshallen finden Konzerte, Ausstellungen, Lesungen statt. Zu hören sein werden namhafte Musiker wie Petr Eben, Bob van Asperen, Julius Berger und Giora Feidman oder Literaten wie Monika Maron und Willi Fährmann. Mit Werken von Daniel Bräg, Leiko Ikemura, Benedikt Muer und anderen lädt die Ausstellung "darüber hinaus" dazu ein, dem Transzendenzbezug in der bildenden Kunst an der Schwelle des neuen Jahrtausends nachzuspüren.

Ein anspruchsvolles Filmangebot bietet Gelegenheit zur Begegnung mit Regisseuren und Produzenten. Zahlreiche Bands und Chöre werden in Gottesdiensten, in den Veranstaltungen des Messegeländes und auf den open-air-Bühnen der Innenstadt für Katholikentagsatmosphäre sorgen.

Katholikentag auch vor den Toren Hamburgs. Dort liegt Neuengamme. Im Klinkerwerk des ehemaligen KZ befindet sich heute eine Gedenkstätte. "Was geht uns euer Nationalsozialismus an?" oder "Streitfall Auschwitz" – Fragen und Themen, die der Katholikentag dort zur Diskussion stellt. Es geht um Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit, insbesondere, aber nicht nur vor dem Hintergrund der NS-Vergangenheit. Das Programm in Neuengamme lädt ein zur Begegnung mit ehemaligen KZ-Häftlingen und lässt Erfahrungsträger aus der Versöhnungsarbeit unter anderen aus Bosnien, Guatemala, Russland und Ruanda zu Wort kommen.

Zehn Jahre nach Mauerfall und deutsch-deutscher Vereinigung ist auch zu fragen: "Was lässt sich aus der Aufarbeitung der DDR-Diktatur lernen?" In Neuengamme dabei sein werden unter anderen Petar Andelovic, Joachim Gauck, Adam Krzeminski, Aleksandar Tisma, Gesine Schwan und das Ensemble presque mit "voice, books and FIRE I".

Zu erlebende Ökumene

Im Jahr 2003 wird in Berlin der erste bundesweite ökumenische Kirchentag stattfinden; für die Katholiken ist Hamburg die letzte Etappe vor diesem Ereignis. Sie soll wegweisend werden. Zahlreich waren die ökumenischen Kontakte in der Vorbereitungsphase. Die für Hamburg zuständige Bischöfin Maria Jepsen selbst hatte sich dem Katholikentag als Ansprechpartnerin der Nordelbischen Kirche (NEK) zur Verfügung gestellt. Evangelische Pastorinnen und Pastoren wirkten in verschiedenen Planungsgremien mit. Evangelische Kirchengemeinden und Einrichtungen sind zum Teil mit eigenen Veranstaltungen im Programm vertreten, das traditionelle Ökumenefest der NEK wird in diesem Jahr Teil des Katholikentages sein.

Tradition haben auch die in Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) veranstalteten Foren. Nach der Abendmahlsfrage in Mainz und der Ämter-Theologie beim Kirchentag in Stuttgart diskutieren in Hamburg unter anderen die evangelische Präsidentin des Ökumenischen Kirchentages, Elisabeth Raiser, und die Bischöfe Hans Christian Knuth und Joachim Wanke über die Frage "Rechtfertigung noch zeitgemäß?".

Einen ökumenischen Höhepunkt soll die gemeinsam gestaltete Schlussfeier des Hamburger Katholikentags bilden. Die Christen aller Konfessionen sind eingeladen, am Sonntagvormittag zunächst ihre je eigenen Gottesdienste als Abschlussgottesdienste des Katholikentages zu gestalten, verbunden durch dieselben Texte, Lieder und Gestaltungselemente. Anschließend gehen die Gemeinden in Prozessionen zum Rathausmarkt. In einer gemeinsamen Schlussfeier werden sie sich dort segnen und senden lassen.

Beitrag zum Heiligen Jahr

Der Hamburger Katholikentag soll der zentrale Beitrag der deutschen Katholiken zum Heiligen Jahr 2000 sein. Neben den gesellschaftspolitischen Themen wird in Hamburg daher theologischen, christologischen und ekklesiologischen Fragen breiter Raum gegeben. Im Themenbereich "Weggemeinschaft unter der Herausforderung der Gottesfrage" diskutieren Dagmar Schipanski und Ulrich Lüke das Spannungsverhältnis zwischen Gottesglaube und Naturerkenntnis; Eugen Biser und Hedwig Meyer-Wilmes fragen "Gott ˆ la carte?"; über Weltethos und Weltfrieden spricht Hans Küng.

"Für wen halten mich die Menschen?" Christus-Bilder und Christus-Nachfolge bilden die Schwerpunkte im 2. Themenbereich "Weggemeinschaft mit Christus". Mitwirkende hier: Albert Biesinger, Benedikta Hintersberger, Johannes B. Kerner, Bischof Karl Lehmann, Dariusz Michalczewski, Heide Simonis, Konrad Weiß und andere. Foren und Vorträge im Themenbereich 3 handeln von der "Weggemeinschaft der Kirche als Volk Gottes". Zur Rolle der Kirche in der Shoa sprechen unter anderem Verena Lenzen, Heribert Smolinsky und Paul Spiegel.

Zahlreiche katholische Organisationen und Institutionen werden den Hamburger Katholikentag mitgestalten. Gemäß ihrer Tradition und ihrem Selbstverständnis sind ihre Beiträge meist politischen Themen gewidmet. Wirtschafts-und Sozialpolitik, Bildungsfragen und Familienpolitik, medizin- und wissenschaftsethische Fragen, Globalisierung, Armutsbekämpfung und Friedenssicherung sind nur einige Stichworte, die neugierig machen und den Anstoß geben sollen zu einer Fahrt zum Hamburger Katholikentag.

Autor: Dr. Thomas Großmann, Leiter der Arbeitsgruppe Katholikentage und Großveranstaltungen im Generalsekretariat des ZdK

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