Salzkörner

Freitag, 5. September 2014

Im Dienst an der Gesellschaft

Neuorientierung katholischer Laienorganisationen in den Niederlanden

Die Niederlande gelten heute als eine der am stärksten säkularisierten Gesellschaften in Europa. Wie reagieren katholische Laienorganisationen hierauf?

Es fällt auf, dass die Niederlande vor mehr als 50 Jahren eines der religiösesten Länder weltweit waren. Zur Illustration: zwischen 1965 und 2010 fiel der Kirchenbesuch in der katholischen Kirche von 75% auf knapp 6% und die Anzahl von Priestern in der Seelsorge von 4200 auf 840. Das einzig Positive an diesen Zahlen ist, dass der Rückgang in allen Bereichen stattfand. Deshalb ist eigentlich auch kaum die Rede vom Priestermangel, höchstens von einem Mangel an Gläubigen und einem Überschuss an Kirchen.

Katholisch versorgt von der Wiege bis zur Bahre

In der Blütezeit des niederländischen Katholizismus war die Gesellschaft in Strukturen organisiert, die alle Aspekte des täglichen Lebens durchdrangen. Es gab katholische Sportvereine, katholische Tageszeitungen und Rundfunksender, natürlich katholische Schulen und Universitäten und auch Gewerkschaften sowie Standes-/Berufsverbände. Von der Wiege bis zur Bahre konnte sich das gesamte Leben innerhalb der katholischen Kirche abspielen. Dieselben Strukturen gab es auch für Protestanten, Liberale und Sozialisten. Die Gesellschaft war zwischen 1900 und 1965 in voneinander getrennten Säulen aufgespalten. Man sprach von der „versäulten Gesellschaft“.

Ab 1965 setzte die „Entsäulung“ der Gesellschaft ein. Als Gründe hierfür werden in der Regel zunehmender Pluralismus, Individualisierung, Säkularisierung und Entkirchlichung angeführt. Organisationen, die vormals ihre Daseinsberechtigung aus der katholischen Tradition und dem katholischen Bevölkerungsanteil zogen, richteten sich immer mehr nach allgemeinen Zielen und Zielgruppen aus. Viele katholische Organisationen, die in Bildung, Pflege, Wirtschaft und Politik aktiv waren, trugen zunehmend schwer an ihrer katholischen Identität, die mehr und mehr als ein Anachronismus wahrgenommen wurde. Manche Organisationen gingen auf Distanz zu ihrer Katholizität, andere hielten daran fest wie an einem Fotoalbum der Großeltern, das man fein säuberlich auf dem Dachboden aufbewahrt.

Polarisierungen

Die gesellschaftlichen Entwicklungen ließen auch die katholische Kirche selbst nicht unbehelligt. Die starke Abnahme kirchlicher Partizipation sowie der massenhafte Austritt von Priestern sind nur zwei Faktoren. Die niederländische katholische Kirche war einerseits noch dabei, auf ganz eigene Weise die Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils zu verarbeiten und ihr Erscheinungsbild neu zu definieren. Andererseits erforderten die gesellschaftlichen Veränderungen gleichzeitig unmittelbare Antworten. Den einen gingen die kirchlichen Entwicklungen zu schnell, den anderen viel zu langsam. Die Glaubensgemeinschaft polarisierte sich zunehmend auf allen Ebenen: der Gläubigen und der Hierarchie. Dieser Prozess erhielt 1985 mit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. einen zusätzlichen Impuls. Die Bilder sind vermutlich bekannt: Demonstrationen, Rauchbomben, das Papamobil in leeren Straßen. Im Kielwasser des Papstbesuches erreicht die Polarisierung ihren Höhepunkt mit der Gründung von Organisationen sowohl seitens der  kritisch-progressiven Katholiken (8. Mai-Bewegung) als auch der traditionell-konservativen Gläubigen (CRK). Aber nicht alle Gläubigen warteten den innerkirchlichen Richtungsstreit ab. Vor allem nicht die Verbände. Sie sahen ihren Auftrag immer mehr im Engagement inmitten der Gesellschaft. Wenn sie ihren Auftrag jedoch auch als katholisch ansahen, sodann doch nicht notwendigerweise als kirchlich.

Weg der katholischen Organisationen

In diesem Kontext wurde vor 26 Jahren der Verband katholischer gesellschaftlicher Organisationen, der VKMO – Katholiek Netwerk, gegründet. Das vordringlichste Ziel angesichts der zunehmenden Polarisierung war, das Gespräch zwischen den Organisationen sowie mit der kirchlichen Hierarchie im Gang zu halten. Die Polarisierung ist heute nicht mehr das Hauptproblem, vielmehr ist der Austausch über Identität und die daraus folgende Verantwortung womöglich wichtiger denn je.

Derzeit gehören dem VKMO 38 Organisationen aus verschiedenen Bereichen an. Es sind viele Bildungseinrichtungen vertreten, aber auch Gewerkschaften, karitative Vereinigungen und selbst Sportverbände. Ihnen allen ist gemein, dass sie sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Sie alle sind ohne Ausnahme Organisationen von, für und durch Laien. Sie arbeiten alle aus einem starken Selbstverständnis der Eigenverantwortlichkeit und verstehen sich  durchaus als Katholiken, in der katholischen Tradition stehend, nicht gebunden an, jedoch verbunden mit der institutionellen Kirche. Der VKMO sieht hierin keinen Gegensatz. Die Kirche ist immer die Hüterin der Tradition, ohne Kirche ist keine Tradition denkbar. Dies wird durch die jeweiligen Organisationen auch nicht verkannt. Aber sie suchen nach einem „Freiraum“, in dem von der katholischen Tradition kommend die Eigenverantwortung Gestalt annehmen kann.

Dienst an der Gesellschaft

Das Ziel des VKMO ist es, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten: der Solidarität, Subsidiarität, Menschenwürde und dem Allgemeinwohl mehr Raum zu geben. Dabei stützen sie sich auf die vier Säulen des katholischen Sozialdenkens [A.d.Ü.: der Autor spricht bewusst nicht von Katholischer Soziallehre]. Diese vier Säulen bilden das theoretische Fundament und das Instrumentarium, mit dem VKMO seinen Mitgliedern hilft, ihrer katholischen Identität  konkrete Gestalt zu geben. Immer mehr machen sich die Organisationen das katholische Sozialdenken zu Eigen und immer öfter setzen sie dieses auch in konkrete politische Vorhaben um.

Ein belangreicher Aspekt dabei ist die Möglichkeit, die der VKMO zum Austausch, zur gegenseitigen Inspiration bietet. An sogenannten Runden Tischen werden relevante Thema ohne Tagesordnung und Protokoll diskutiert. Am Ende des Treffens entscheiden die Teilnehmer, ob und wie der Austausch eine konkrete Fortsetzung findet. Die beiden letzten Runden Tische drehten sich  so um Frage der Armut und wie katholische Organisationen damit umgehen. So wird versucht, den Schritt vom katholischen sozialen Denken zum katholischen sozialen Handeln zu gehen. Das heißt.: the proof of the pudding is in the eating.

Eine  Aufgabe der Übersetzung

Ein entscheidender Punkt ist, dass sich katholische Organisationen nicht in falscher Bescheidenheit üben, sondern sich über ihre Erfolge, über Best-Practice-Beispiele austauschen sollten. So entstehen Synergien, nicht jeder muss das Rad neu erfinden. Wenn wir wirklich meinen, dass wir mittels des katholischen sozialen Denkens und Handelns einen Unterschied in der Gesellschaft machen können, dann müssen wir dies die Menschen auch wissen lassen. Aber so, wie ein Säugling nicht mit einem Beefsteak gefüttert wird, kann unsere säkularisierte Gesellschaft unmittelbar den Wert einer katholischen Sozialethik nicht erkennen. Die Gesellschaft lehnt Institutionen und Machtstrukturen ab, Authentizität und Originalität stehen hingegen hoch im Kurs. Das katholische soziale Denken muss daher übersetzt werden: wir schöpfen aus der reichen katholischen Tradition, aber präsentieren sie auf authentische und originelle Weise: dies ist die Kunst des Verführens.

Beispiel: die Initiative "Logia"

Daher beginnen wir derzeit eine neue Initiative. Unter dem Namen „Logia“ werden Kreise von 20 bis 30 katholischen Personen aus verschiedenen Berufssparten und Gesellschaftsbereichen (also keine professionellen Katholiken) gebildet: Ärzte, Juristen, Lehrer, Unternehmer, Mütter: Menschen, die aufgrund ihrer Erfahrung und Qualifikation gehaltvoll über ihr Fachgebiet sprechen können. Wir helfen ihnen zu lernen, authentisch über ihre Arbeit zu sprechen. Wir helfen ihnen, für Probleme in ihren Bereichen Lösungen auf Basis des katholischen sozialen Denkens zu entwickeln. Wir bilden sie aus im Umgang mit den Medien. So hoffen wir, auf substantielle Weise an der öffentlichen Debatte teilzuhaben, authentisch und mit originellen Lösungen. Früher oder später wird dann die Frage gestellt werden, so hoffe ich zumindest, was die Grundlage dieser Authentizität und Originalität ist. Was ist ihre Quelle? Wenn dann die Antwort lautet: das katholische soziale Denken und die katholische Tradition, dann ist dies ein glaubwürdiges Zeugnis der Kirche.

 

www.katholieknetwerk.nl

 

 

 

 

Autor: Pieter Kohnen, Theologe; seit 2012 Direktor des VKMO (Übersetzung: Sigrid Schraml / Heinz Terhorst)

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