Salzkörner

Samstag, 15. September 2012

Inklusion ist eine Bildungsfrage und mehr

Für mehr Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung

Inklusive Bildung ist ein Schlüssel zu einer inklusiven Gesellschaft. Inklusion ist aber nicht nur eine Bildungsfrage. Inklusion bedeutet ganz grundlegend, dass Menschen in ihrer Verschiedenheit wertgeschätzt werden.

Ohne inklusive Bildung in Kindertagesstätten und Schulen sind spätere getrennte Lebenswelten von Menschen mit und ohne Behinderung, etwa in der Ausbildung, im Beruf, beim Wohnen und in der Freizeit oft vorgezeichnet. Häufig lautet der Automatismus etwa zwischen Bildungs- und Berufsweg: von der Förderschule in die Werkstatt für behinderte Menschen. Wer einmal in frühen Jahren Sonderwege beschritten hat, wird Probleme haben, diese zu verlassen. Das heute verbreitete System der vielen Sonderwege in Deutschland verstetigt sich dabei von selbst. Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung geschieht eben häufig nicht aus böser Absicht, sondern weil nicht behinderte Menschen oft nie gelernt haben, mit behinderten Menschen umzugehen.

Jeden wird so angenommen, wie er ist

Inklusion ist aber nicht nur eine Bildungsfrage. Inklusion bedeutet ganz grundlegend, dass Menschen in ihrer Verschiedenheit wertgeschätzt werden. Jeder wird so angenommen, wie er ist, ob mit oder ohne Behinderung. Der Mensch hat Würde, allein weil er Mensch ist. Dies ergibt sich überdies nicht nur aus dem Grundgesetz, sondern bereits daraus, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist. Die unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte, zu denen auch das Recht auf Teilhabe gehört, können bereits aus diesem Aspekt abgeleitet werden.

Inklusion ist nicht vom Alter eines Menschen mit Behinderung oder dem Grad der Behinderung abhängig. Das Recht auf Teilhabe besteht für alle Menschen mit Behinderung, auch für Menschen mit sehr hohem Unterstützungsbedarf, wie etwa demenzerkrankten und schwerstmehrfachbehinderten Menschen oder Komapatienten. Und es gilt von Anfang an. Ich finde es etwa unerträglich, dass in Zeiten der UN-Behindertenrechtskonvention immer noch in Frage gestellt wird, dass ein Leben mit Behinderung lebenswert ist und bezweifelt wird, dass Menschen mit Behinderung ein Lebensrecht haben. Jüngste Beispiele, wie ein im August 2012 in Deutschland eingeführter vorgeburtlicher Bluttest auf Down-Syndrom oder die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik 2011 zeigen, dass ein Einstehen für das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung heute wichtiger ist denn je.

Entscheidend ist oft der Wille der Akteure

Inklusion geht uns alle an. Bund, Länder und Kommunen, Gewerkschaften und Unternehmen, Vereine und Verbände müssen Verantwortung tragen. Auch Kirche, jede Katholikin und jeder Katholik können an inklusiven Kindertagesstätten und Schulen bis zu inklusiven Unterstützungsdiensten mitwirken. Ein anderes Beispiel: gemeinsame Kommunion und Firmung. Hier habe ich letztens selbst noch eine Firmung erlebt, bei der Jugendliche mit Behinderung mit Jugendlichen ohne Behinderung gefirmt wurden. Dabei zeigt sich, dass oft schon der Wille beteiligter Akteure ausreicht, um Inklusion zu verwirklichen. Dies belegen viele Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen. Einige davon sind in der "Landkarte der inklusiven Beispiele" unter www.inklusionslandkarte.de eingestellt. Bedeutend ist hierbei, dass in die Landkarte Beispiele nur dann aufgenommen werden, wenn ein mehrheitlich mit behinderten Menschen besetztes Auswahlgremium dies bestimmt.

Manch einer handelt dagegen heute immer noch nach dem Motto: Wir finden für jede Lösung ein Problem. Hürden werden errichtet und es wird nach Begründungen gesucht, warum Inklusion angeblich nicht funktioniert. Ich vertraue darauf, dass die vielen engagierten Katholikinnen und Katholiken diesen Bedenken Hoffnung entgegensetzen, sich für mehr Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung einsetzen und so ein inklusives Zeichen in die Kirche und die Gesellschaft hineintragen.

 

 

 

 

Autor: Hubert Hüppe MdB Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Mitglied in der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Inklusion von Menschen mit Behinderung im Bildungswesen" des ZdK

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