Salzkörner

Donnerstag, 27. April 2017

Integration funktioniert, wenn sich alle ändern?!

Gemeinsam neue Wege finden und gehen

"Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Teilen, die unterschiedlich lose zusammenpassen. Jedes spielt sein eigenes Spiel. Und es stellt sich heraus, dass es so viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst gibt wie zwischen uns und den anderen." Frei nach Michel de Montaigne (1533 - 1592), Essais 2

Mitte letzten Jahres titelte Die Zeit: "Deutschtürken fühlen sich integriert, aber im Abseits". Im Auftrag des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Universität Münster hatte Emnid eine repräsentative Untersuchung erstellt zum Thema "Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland"1. Es wurden Menschen ab 16 Jahren aus der ersten, zweiten oder dritten Zuwanderungsgeneration mit deutscher oder türkischer oder mit beiden Staatsangehörigkeiten befragt.

Die Ergebnisse der Befragung kann man, wenn auch et- was zugespitzt, durchaus so verstehen wie die Zeit-Überschrift. Die Integration der Menschen, die selbst oder deren Eltern bzw. Großeltern aus der Türkei stammen, ist erstaunlich gut gelungen, wenn es um die Frage der Deutschkenntnisse, der Bildungsabschlüsse, der Integration in den Arbeitsmarkt oder auch der Gesetzestreue geht. Das ergeben viele repräsentative, qualitative oder vergleichende Untersuchungen der letzten Jahre.

Gleichzeitig gibt es in den Ergebnissen immer wieder deutliche Hinweise darauf, dass sie sich in Deutschland nicht akzeptiert und respektiert fühlen. Das findet sich übrigens nicht nur für türkischstämmige Menschen, sondern auch für andere Zuwanderungsgruppen in den Untersuchungen. Fast alle können von Erfahrungen mit Vorurteilen und alltäglicher Diskriminierung berichten. Für nicht wenige erscheint der Weg in die "Opferrolle" dann nur plausibel. Gleichzeitig gibt es einige Menschen ohne Migrationshintergrund, die sich lautstark als Opfer der Zuwanderung, die sie diskreditieren, bezeichnen.

Das kann keine gute Station sein auf dem Weg zu einem guten Miteinander in dieser Gesellschaft. Auch wenn Integration viel zu lange ein Thema zweiter Klasse war, ist in den Schulen, im Arbeitsleben, in Nachbarschaften und Vereinen vieles an Integrationsarbeit erfolgreich geleistet und erreicht worden. Aber Integrationserfolg bemisst sich eben nicht allein in guten Sprachkenntnissen, erfolgreichen Bildungsabschlüssen und Wegen in einen Beruf. Er braucht darüber hinaus ein Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gesellschaft. Das wiederum setzt voraus einen respektvollen Umgang miteinander, den Abbau von Diskriminierung, konstruktive Aktivitäten zur gemeinsamen Gestaltung des Gemeinwesens und Begegnung, Begegnung und nochmals Begegnung.

Dazu gehört die Einsicht, dass kulturelle Vielfalt nicht erst heute Motor für die Kreativität und die Zukunftsfähigkeit ist. Leben mit Vielfalt führt zwangsläufig zu größeren und kleineren Veränderungen in vielen Lebensbereichen, auch im Alltag. Solche Veränderungen lösen wiederum oft Zukunftsängste und Sorgen aus. Zurzeit erleben wir, wie dies für rechte und zum Teil extreme politische Ziele instrumentalisiert wird.

Was Integration braucht, wenn sie denn wirklich erfolgreich sein soll, ist die Bereitschaft aller, Veränderungen wahrzunehmen, gemeinsam neue Wege zu finden und zu gehen. Damit eröffnen sich neue Horizonte für alle. Ohne aktive Teilhabe bleibt Integration bei den Hinzugekommenen auf halbem Wege stecken, und bei den anderen werden Verlust- und Absturzängste wachsen. Nötig ist ein fairer, ein konstruktiver gesellschaftlicher Diskurs über das Fundament und den Rahmen für das Zusammenleben, d. h. über nicht aufgebbare Grundrechte und Pflichten für jeden, aber auch darüber, was zu verändern ist, damit gleichberechtigt und gemeinsam die Zukunft des Gemeinwesens gestaltet werden kann. Nur das fördert die

Erfahrung, dass eine freiheitliche, auf demokratischen und solidarischen Grundsätzen fußende Gesellschaft "meine Gesellschaft" wird, zu der ich gehören will.

 

1 https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/religion_und_ politik/aktuelles/2016/06_2016/studie_integration_und_religion_aus_ sicht_t_rkeist_    mmiger.pdf

Autor: Gabriele Erpenbeck Vorsitzende des Gesprächskreises "Christen und Muslime" beim ZdK

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