Salzkörner

Donnerstag, 27. April 2017

Jetzt erst recht!

Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland

Die Zukunft des Islams in Deutschland und das Miteinander von Christen und Muslimen bewegt mich sehr und seit langem. Es stimmt, dass ein sehr kleiner Teil der Muslime in Deutschland gewaltbereite Extremisten sind, deren Auffassung nicht mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar ist. Dies muss offen angesprochen werden. Wir müssen aber genauso entschieden denen entgegentreten, die "den Islam" als monolithischen Block und per se als Gefahr für unsere Gesellschaft darstellen.

Die politischen Konflikte der muslimischen Welt sind religiös gefärbt, innerhalb des Islam ringen die Gläubigen um ihr Selbstverständnis und das Verhältnis des Islam zu Säkularismus und Moderne. Der vermeintliche (global geführte) Konflikt zwischen Muslimen und Christen treibt populistische Akteure von Donald Trump bis zur AfD an. Ein zentraler Schritt ist, sauber zu differenzieren, komplexe Sachverhalte auch als solche darzustellen und populistischen Stimmen zu widersprechen, wie ich es in einem Streitgespräch mit Frauke Petry zum Islam getan habe. Wir müssen uns generell Gedanken machen, wie wir unser Demokratieverständnis verteidigen und noch offensiver da- für arbeiten, Menschen mit Migrationsgeschichte in den deutschen Parteien eine politische Heimat zu bieten. Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland, wie kaum ein anderes westliches Land, in der Lage sind, die Fähigkeit des friedlichen Zusammenlebens der Religionen unter Beweis zu stellen und eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Durch die Deutsche Islamkonferenz, den bekenntnisorientierten Islamunterricht an deutschen Schulen und der Etablierung islamischer Theologie an Hochschulen, die maßgeblich von christdemokratischen Bildungsministerinnen vorangetrieben wurde, wurde muslimisches Leben in Deutschland gestärkt. Zudem ist eine neue Generation von Lehrenden und Studierenden herangewachsen, die auch theologisch aktiv Brücken zwischen den Traditionen des Islam und unseren Grund- und Menschenrechten baut. Die Orientierung an bestimmten religiösen Werten mag für religiöse Menschen selbstverständlich sein, wird jedoch von außen, von Menschen, die wenig Verständnis für Religionen an sich aufweisen, häufig verzerrt und missverständlich dargestellt. So schrecken viele Menschen bei Muslimen zurück, wenn diese berichten, dass sie sich aufgrund ihrer religiösen Überzeugung ehrenamtlich engagieren würden, denn im Namen ihrer Religion werden ebenfalls aus vermeintlicher "Überzeugung"

leider viel zu oft Gräueltaten begangen. Doch was heißt Engagement in den muslimischen Communities heute? In den Moscheegemeinden werden Sprachkurse, Sozialberatung, Treffen für Ältere wie für Kinder und Dialogveranstaltungen angeboten. Und während medial und politisch sehr stark – und das zurecht! – das Engagement Millionen von Ehrenamtlichen gerade in der Flüchtlingsarbeit gewürdigt wird, wird oft verkannt, dass auch sehr viele Muslime diese in Deutschland besonders starke Ehrenamtskultur leben: So ergab der "Religionsmonitor 2017" der Bertelsmann Stiftung, dass 30 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime sich ehrenamtlich engagieren, in der Flüchtlingsarbeit sind sogar 44 Prozent aktiv.

Als Christen, Muslime, Juden, Anders- und Nichtglauben- de sollten wir uns gemeinsam engagieren und bedenken, dass wir Menschen verschiedene Identitätsmarker haben und eben nicht nur auf die Religionszugehörigkeit reduziert werden können. Als Kolleginnen und Nachbarn, als Freunde und Partner und in vielen anderen Rollen sollten wir im Alltag unser Umfeld wahrnehmen. Wir alle, als breite Öffentlichkeit, müssen immer wieder aufs Neue das Gefühl vermitteln, dass die Freiheitsrechte des Grundgesetzes die Grundlage unserer täglichen Arbeit bilden.

Wir müssen die Werte, die aus diesen Freiheitsrechten hervorgehen, leben und kontinuierlich gegen alle Widersacher der Demokratie – gegen Populismus, Extremismus und Hetze – verteidigen. Jeder hat Mitverantwortung da- für, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, auch durch die Verbesserung unserer Debattenkultur im Allgemeinen und des interreligiösen Dialogs im Besonderen in Zeiten von Populismus und "Fake-News".

 

 

 

 

Autor: Cemile Giousouf MdB Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag und Mitglied im Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim ZdK

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