Salzkörner

Samstag, 31. Oktober 2015

Jüdisches Leben in Deutschland

Gemeinsame zivilgesellschaftliche Herausforderungen für Juden und Christen

Über 40 Jahre gibt es beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) den Gesprächskreis "Juden und Christen". Der Geistliche Rektor im ZdK, Stefan-B. Eirich, ist zugleich Geschäftsführer dieses Gesprächskreises und stellte Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, nachfolgende Fragen.

Eirich: Wie kann Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft gelingen?

Schuster: Es ist wichtig, dass sich die einzelnen Gruppen mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen. Es sollte ein Miteinander geben anstatt ein Nebeneinander, bei dem der eine nicht viel über den anderen weiß. Die Basis des Zusammenlebens bildet in Deutschland das Grundgesetz, das auch unsere Werte widerspiegelt. Daneben müssen alle Menschen die gleichen Chancen haben, etwa im Bildungssystem. Dort darf nicht die Herkunft darüber entscheiden, welcher Schulabschluss erreicht wird.

Eirich: Welche Rolle spielen dabei die Religionen?

Schuster: Wichtige Werte wie die Sorge um den Nächsten, die Hilfe für Bedürftige oder die Bewahrung der Schöpfung sind allen großen Religionen gemein. In den Kirchen, Synagogen und Moscheen sowie in zahlreichen sozialen und in Bildungs-Einrichtungen haben die Religionsgemeinschaften die Möglichkeit, diese Werte zu vermitteln. Den drei großen monotheistischen Religionen kommt dabei sicherlich eine besondere Bedeutung zu, denn die deutsche Kultur ist über Jahrhunderte von Christentum und Judentum geprägt worden. Der Islam ist mittlerweile seit Jahrzehnten durch die Zuwanderung mit einer weitaus größeren Zahl von Menschen in Deutschland vertreten als das Judentum. Daher kommt diesen drei Religionen eine große Verantwortung zu.

Eirich: Wie bewerten Sie den veränderten und schwindenden Einfluss von Religion auf die säkulare Gesellschaft?

Schuster: In der Tat sind immer weniger Menschen in Deutschland Kirchenmitglieder, und auch die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder ist ganz leicht rückläufig. Allerdings zeigt sich in Umfragen immer wieder, dass viele Menschen offen sind für religiöse Fragen und auf der Suche nach einem höheren Sinn ihres Lebens. Tatsache ist aber auch, dass der Einfluss der Religionsgemeinschaften begrenzt ist. Ein solides Wertefundament, eine übergreifende Klammer jenseits der Religion ist daher notwendig in unserer Gesellschaft.

Eirich: Welche Herausforderungen sehen Sie in der aktuellen Situation der nach Deutschland Flüchtenden in Fragen der Aufnahme und Integration?

Schuster: Ganz praktische Aufgaben wie Wohnungsbau, Ausbau der schulischen Kapazitäten, Sprachvermittlung etc. sind zu bewältigen und werden viel Geld kosten. Dabei muss die Politik darauf achten, dass andere sozial schwache Gruppen in unserer Bevölkerung nicht vergessen werden. Noch wichtiger ist in meinen Augen allerdings, die Flüchtlinge mit unseren Grundfesten vertraut zu machen: mit dem demokratischen Rechtsstaat, mit unseren Grundwerten, zu denen aus meiner Sicht auch die Solidarität mit Israel und die aus der Shoa entstandene Verantwortung Deutschlands gehören.

Eirich: Stichwort Fremdenhass – welche Forderung und welchen Appell haben Sie an die Politik und an die Menschen in Deutschland?

Schuster: Es ist eine aggressive und fremdenfeindliche Stimmung in der Bevölkerung zu spüren, wie wir es lange nicht erlebt haben. Leider lassen sich nach wie vor viele Menschen von den rechten Rattenfängern beeindrucken. Politik und Gesellschaft sind aufgefordert, diesen Bewegungen mit allen Mitteln des Rechtsstaats und mit Zivilcourage entgegenzutreten. Menschen, die den Rechtsextremismus bekämpfen, brauchen unseren vollen Rückhalt und unsere Unterstützung. So hat etwa der Zentralrat der Juden in diesem Jahr die mutige Journalistin Andrea Röpke mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Sie berichtet seit Jahrzehnten über die rechtsextreme Szene. Und die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs hat gerade erst in Stuttgart die Amadeu Antonio Stiftung ausgezeichnet. Auch all jene Menschen, die sich jetzt für Flüchtlinge engagieren, setzen ein wichtiges Zeichen. Wenn uns dann noch das Verbot der NPD gelingen würde, wären wir einen großen Schritt weiter.

 

 

 

 

Autor: Dr. Josef Schuster Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Stefan-B. Eirich Geistlicher Rektor im ZdK

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