Salzkörner

Montag, 5. November 2012

Jugend und Rente: Ein frommer Wunsch?

Zukunftschancen durch gelebte Partizipation

Eine alternde Gesellschaft unterliegt der Gefahr, die Bedürfnislagen der nachwachsenden Generationen zugunsten der eigenen Interessenslagen zu vernachlässigen. Wir brauchen erfolgreiche Formen gelebter Partizipation, die junge Menschen als Experten in eigener Sache an der Entwicklung der Gesellschaft mitgestalten lässt.

Meine Großeltern haben beide das Glück, im hohen Alter gesund und aktiv zu sein. So genießen sie es, im wohlverdienten Ruhestand an sonnigen Nachmittagen vor ihrem Haus in der Sonne zu sitzen. Und wenn ich sie so sehe, beschleicht mich die Befürchtung: Das Leben, das meine Großeltern heute völlig zu Recht führen, wird nicht das meiner Generation im Alter sein. Denn der demographische Wandel schlägt zu. Und der droht (m)einer ganzen Generation mit Altersarmut statt Ruhestand.

Niedrige Renten, hohe Beiträge

Bereits 2035 wird nach einer Berechnung des ifo-Instituts die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland im Rentenalter sein. Dies belastet die junge Generation von heute gleich doppelt: Zum einen werden die heute Jungen einen erhöhten Rentenbeitragssatz zahlen und zugleich hinnehmen müssen, dass ihr eigenes Rentenniveau deutlich sinkt. Dies wird die Gesellschaft von morgen in doppelter Hinsicht stark belasten, weil die "zukünftigen Alten" ein niedriges Rentenniveau haben werden und zugleich die dann junge Generation – unsere Kinder und Enkelkinder – noch höhere Beitragszahlungen leisten müssen.

Aktuell müssen junge Frauen und Männer über 35 Jahre lang mindestens 2.500 Euro brutto verdienen, um im Alter auf 688 Euro Rente im Monat zu kommen. 688 Euro, das ist nach dem heutigen Stand nicht genug um seinen Lebensunterhalt im Rahmen des soziokulturellen Existenzminimums zu bestreiten. Wenn bereits 2.500 Euro Bruttoverdienst für eine angemessene Rente nicht ausreichen, bedeutet das für viele Niedrigverdienerinnen und -verdiener, die für weniger Entgelt ein Erwerbsleben lang hart gearbeitet haben, im Alter den Gang zum Sozialamt.

Laut einer aktuellen Studie von TNS Infratest fürchten sich schon heute über 60 % der 17- bis 27-Jährigen davor, im Alter zu verarmen. Von Aufbruchsstimmung und einer bejahenden Lebenseinstellung sind also viele mit Blick auf das Alter weit entfernt.

Ungünstige Erwerbsbiografien

Viele junge Frauen und Männer müssen beim Berufseinstieg längere Praktika und prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit niedrigen Löhnen, befristeten Arbeitsverträgen und ungewollter Teilzeitarbeit hinnehmen. Die wiederum führen zu lückenhaften Versicherungsbiografien. Die klassischen Erwerbsbiografien existieren für junge Menschen in der Regel nicht mehr. Wenn die Zahl der Niedrigentlohnten steigt und das Rentenniveau weiter sinkt,  lässt das die junge Generation von heute an der Zukunftsfähigkeit des aktuellen Rentensystems zweifeln. Die Geringverdienerinnen und -verdiener von heute sind die Verliererinnen und Verlierer des Rentensystems von morgen, insbesondere in einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Das bestehende System manifestiert diese Entwicklung auch im Alter, weil es im Laufe der Erwerbsjahre dazu führt, dass die besser Verdienenden auch privat gut vorsorgen können. Denn sie erhalten staatliche Zuschüsse und können weitere Geldanlagemöglichkeiten nutzen. Für diejenigen, die trotz Arbeit arm sind, bedeutet die derzeitige Entwicklung Armut am Rande des Existenzminimums. Fast die Hälfte der Geringverdienerinnen und -verdiener kann sich eine private Altersvorsorge nicht leisten – gerade weil sie in Zeiten der Familiengründungs- und/oder Berufseinstiegsphase jeden Euro benötigen, um nicht noch weiter in die Armutsfalle abzurutschen.

Von der Armutsfalle sind Frauen stärker betroffen als Männer, da die einseitige Rollenverteilung in der Erziehungsarbeit noch immer dazu führt, dass bei ihnen der erwerbsbiographische Bruch stärker ausfällt. Nach einer Erziehungspause haben sie große Schwierigkeiten, wieder an ihr vorheriges Lohnniveau anzuknüpfen. Zudem verdienen Frauen weiterhin 22 % weniger als Männer, mit Blick auf ihre spätere Altersversorgung ein zusätzlicher Faktor, der Altersarmut weiblich macht.

Generationengerechtigkeit

Doch alle Versuche, eine langfristig verantwortliche, gerechte und allen Generationen angemessene Politik im Rentensektor zu etablieren, unterliegen der Gefahr, dem kurzfristigen Wahlerfolg den Vorrang zu gewähren. Eine alternde Gesellschaft unterliegt der Gefahr, die Bedürfnislagen der nachwachsenden Generationen zugunsten der eigenen Interessenslagen zu vernachlässigen. Im Zuge der aufkeimenden Gerontokratie, der beginnenden "Herrschaft der Alten", wurden bereits im Vorfeld der letzten Bundestagswahl Rentengeschenke verteilt. Wenn im Jahr 2035 dann die Hälfte der Bevölkerung das Rentenalter erreicht hat, machen diese 60 % der Wählerschaft aus. Es wird unumgänglich sein, einen größeren Teil der jungen Menschen an der gesellschaftlichen Entwicklung zu beteiligen. Ein Absenken des Wahlalters wäre dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zusätzlich braucht es erfolgreiche Formen gelebter Partizipation, die junge Menschen als Expertinnen und Experten in eigener Sache an der Entwicklung der Gesellschaft mitgestalten lässt.
Weil es nicht immer gelingen wird, dass die ältere Generation, auch wenn wirklich gewollt, die Gesellschaft auch im Interesse der Jungen gestaltet. Deshalb darf eine wirklich tragfähige Zukunftsperspektive in der Rentendebatte die junge Generation nicht aus der Gestaltung ihrer eigenen Zukunftsfragen völlig aussparen. Generationengerechtigkeit heißt auch, dass die Chancen zukünftiger Generationen auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse genauso groß sind wie die der heutigen Generationen.

Wir brauchen verlässliche Zukunftsentscheidungen, die sich nicht um die ordnungspolitischen Strukturen drehen, sondern Ordnungspolitik als Mittel zum Zweck sehen. Für das Ziel einer wirklich gerechten Gesellschaft bedarf es tragfähiger Lösungen, die von der Vision einer solidarischeren Gesellschaft her gedacht werden.

Bedingungslose Grundrente

Solidarisch sein heißt dabei, alle mit einzubeziehen und besonders beitragsstarken Gruppen nicht zu erlauben, sich extra abzusichern und sich damit aus der Solidargemeinschaft herauszulösen. Hierzu gehören eine Vielzahl von Verbeamteten, Selbstständigen, Freiberuflerinnen und Freiberuflern sowie Menschen, die von Kapitaleinkünften leben.

Im Zuge der Entwicklung einer generationengerechten und solidarischen Gesellschaft treten wir als Bund der Deutschen Katholischen Jugend bereits seit einigen Jahren mit der Vision "Solidarität – Chance für die Zukunft" unter anderem für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ein. Ein richtiger Schritt in diese Richtung wäre eine bedingungslose Grundrente. Diese müsste ähnlich dem Rentenmodell der katholischen Verbände aus Beiträgen aus allen Einkommensarten finanziert werden. Um tatsächlich existenzsichernd zu sein, müsste diese heute bei ca. 900 Euro liegen. Die darüber hinaus erworbenen Rentenansprüche, die über paritätische Zahlungen von Arbeitnehmenden sowie Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern aufgebaut werden, könnten dann nach dem Äquivalenzprinzip verteilt werden. Eine Grundrente als Schritt auf die Vision einer gerechteren Gesellschaft macht die Gleichwertigkeit von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Bildungsarbeit und ehrenamtlichen Engagement konkret.

Die Rente von heute und damit auch einen wichtigen Teil des Solidarprinzips unserer Gesellschaft finanziere ich gerne mit, noch lieber, wenn ich das Gefühl habe, dass ich ein wirklich solidarisches System mittrage, das die Schwächeren auffängt. Weil ich generationsübergreifendes Denken und Handeln in meinem langjährigen Engagement für die Kolpingjugend lernen durfte, bin ich der festen Überzeugung, dass wir nur in gelebter Solidarität zwischen Jung und Alt, aber auch zwischen Arm und Reich, unsere Gesellschaft ein Stück besser machen können. Aber ich wünsche mir auch, dass ich ebenso wie meine Großeltern die Chance haben werde, im hohen Alter finanziell abgesichert auf der Hausbank zu sitzen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen kann. Ein frommer Wunsch?

 

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Autor: Lisi Maier BDKJ-Bundesvorsitzende, Mitglied des ZdK

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