Salzkörner

Montag, 9. März 2015

Jugendmedienschutz – statt, mit oder durch Medienbildung?

Vielfalt von Institutionen und Zuständigkeiten

Das Blut spritzt im hohen Bogen, als das Schwert des in gelber Motorradkluft gewandeten Racheengels den Kopf eines Gegners abtrennt … Diese Szene aus dem Actionfilm "Kill Bill" und andere Bilder in Filmen und Videospielen sind es, die den Kinder- und Jugendschutzmedienschutz auf den Plan rufen – zu Recht! Seit der letzten Jugendmedienschutz-Fachtagung vor drei Jahren wurden jedoch nach Meinung vieler Experten noch keine wirklichen Fortschritte erzielt. Was kann daran so schwierig sein, fragt sich so manch einer.

Gleich vorweg: Der Schutz von Heranwachsenden vor medialen Einflüssen, die sie in ihrer Entwicklung beeinträchtigen, ist im Grundgesetz verankert (Art. 5 (2) GG). Das hat nichts mit Zensur zu tun, sondern gehört zu einem seit jeher komplizierten Aushandlungsprozess. Denn die Frage, wie weit die grundgesetzlich ebenfalls garantierte Freiheit der Kunst (Art. 5 (3) GG) geht und ab wo (bewegte) Bilder, Töne oder Texte und deren Kombination ängstigend, verstörend oder anderweitig negativ auf Kinder und Jugendliche wirken und sie in ihrer Entwicklung beeinträchtigen könnten, ist alles andere als trivial. Dabei wird niemand ernsthaft bestreiten, dass es eines Schutzes gerade jüngerer Kinder und Jugendlicher bedarf - insbesondere vor ungewollter Konfrontation mit altersunangemessenen Medien.

Das Problem Internet

Zur stets am einzelnen Film, Video- bzw. Computerspiel oder Rundfunk-Beitrag orientierten Regelung hat sich ein System von Selbstkontroll-Einrichtungen etabliert, das zwar bisweilen Anlass zur Kritik bietet, im Grunde aber den gesetzlichen Auftrag sehr gut umsetzt. Allerdings sind die mittlerweile etablierten vier Selbstkontrolleinrichtungen – einerseits die FSK für den Bereich Film (seit 1949) und die USK für Software (seit 1994) auf der Seite der Trägermedien, andererseits die fsf (1993 gegründet) mit Zuständigkeit für das Fernsehen und die fsm (seit 1997) für alle Multimedia-Angebote – alles andere als eine klar abgegrenzte oder auch nur gleichgewichtige Konstruktion. So sind z.B. die Entscheidungen der FSK bezüglich der Altersfreigaben nach Paragraph 14 im Jugendschutzgesetz (JuSchG) bindend auch für die Sendezeiten im Fernsehen, die in Zuständigkeit der fsf liegen – aber nicht umgekehrt: Zweitauswertungen von Fernsehfilmen oder Serien auf DVD bzw. BluRay bedürfen der Prüfung durch die FSK – um nur eine der zahlreichen Ungereimtheiten im momentan geltenden Jugendmedienschutz zu benennen. Oder das spannende Verhältnis zwischen FSK-Online, vornehmlich als ergänzendes Angebot für die Webpräsenzen von Verleihfirmen etc. im Bereich Film, zur regulären Prüfung durch die fsm. Schon aus dieser über die Jahrzehnte gewachsenen Vielfalt von Institutionen und Zuständigkeiten gäbe es reichlich Regelungsbedarf im Jugendmedienschutz.

Eine neue Schwierigkeit entsteht mit dem Internet. Denn es ist seit den ersten Mailboxnetzen der 1970er- und 80er-Jahre über das World Wide Web bis hin zu den aktuellen Social Media kein klar und regional greifbares (Träger-)Medium wie etwa eine CD. Ein Telemedium im Sinne des Rundfunks ist es aber offensichtlich auch nicht. Die differenzierte Zuständigkeit von Bund (Trägermedien) und Ländern (Telemedien), die mit der Reform des JuSchG im Jahre 2003 eingeführt wurde, wird durch das Internet zu einem Grundproblem. Wie kann man dem Regelungsbedarf mit Blick darauf bzw. auf digitale Medien überhaupt beikommen?

Aktuell wird zum wiederholten Male die Etablierung eines Jugendmedienschutzes mit technischen Lösungen – kurz: technischer Jugendmedienschutz – verhandelt. Dazu sollen alle Anbieter von Webseiten, Foren und Blogs ihre Angebote nach Altersklassen kennzeichnen, und zwar nach der aktuellen Diskussionsvorlage (Eckpunktepapier 2014) entsprechend den etablierten Alterskennzeichen der Freiwilligen Selbstkontrolleinrichtungen (geeignet ab 0, 6, 12, 16 oder ohne Jugendfreigabe ab 18 Jahren).

Lösung durch Technik?

Eltern sollen dazu auf den PCs, Notebooks, Tablets und Smartphones der Kinder und Jugendlichen Filter-Software installieren, die entsprechend ihren Vorgaben den Zugang zu ungeeigneten Seiten verhindert. Diese Programme greifen zu auf Listen als bedenklich eingestufter Seiten (Blacklists) und auf für Kinder als geeignet angesehene Inhalte (Whitelists) sowie künftig dann auf die Alterskennzeichnung der Inhalte.

Diese scheinbar elegante Lösung wirft aber mehr Pro-bleme auf, als das sie sie löst: Zunächst einmal ist die Frage, ob denn überhaupt alle Betreiber von Blogs, Foren und Websites fachlich in der Lage sind, ihre Inhalte unter Gesichtspunkten des Jugendmedienschutzes angemessen zu beurteilen. Auch fachkompetente Prüferinnen und Prüfer diskutieren bisweilen lange über die Einstufung eines Films. Die Tatsache, dass die Selbstkontrolleinrichtungen Verfahren über mehrere Instanzen vorsehen, zeigt, dass diese Frage nicht banal ist.

Eine zweite Frage ist, ob die Anbieter diese Kennzeichnung tatsächlich vornehmen oder es unterlassen und damit eine Blockierung ihrer Angebote für Kinder und Jugendliche mit einem Alter unter 18 Jahren in Kauf nehmen. Damit würden aber vielleicht unsinnige Hürden für einen freien und ungehinderten Informationszugang aufgestellt.

Das weit größere Problem liegt aber auf der Nutzerseite: Nach Auskunft unabhängiger Studien sind die meisten Filterprogramme für deutschsprachige Inhalte mehr oder minder ungeeignet und damit nutzlos. Und selbst die bisher von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) geforderte Genauigkeit von 80 Prozent reicht nicht aus: Es blieben noch 20 Prozent Pornographie und Gewalt und das ist meiner Meinung nach schlicht zu viel. Wenn Eltern oder Pädagogen sich blind auf solche Programme verlassen, bleibt die Gefahr für Kinder und Jugendliche. Mittlerweile völlig unstrittig ist auch, dass nationale Regelungen angesichts der Reichweite des weltweiten Internet ungeeignet sind (KJM 2014).

Die mögliche Lösung

Es bedarf auf lange Sicht transnationaler Regelungen für einen technischen Jugendmedienschutz, der die Freiheit der Nutzer nicht einschränkt. Denn dies ist Minimal- und Maximalforderung zugleich: es wird nicht leistbar sein, Jugendlichen, die über entsprechende Kompetenzen und Interessen verfügen, den Zugang zu Online-Inhalten zu verwehren. Vielmehr muss der Schutz der Kleinen und Kleinsten vor ungewollter Konfrontation mit ungeeigneten, da beeinträchtigenden Inhalten im Vordergrund stehen. Dies ist Gegenstand juristischer und technischer Regelungen – und absehbar eine Aufgabe, für die es noch längst keine tragfähige Lösung gibt.

Ein erster wichtiger Schritt für eine tragfähige nationale Regelung in Deutschland wäre die Einrichtung einer Bund-Länder-Kommission, die das Zu- und Miteinander der Institutionen sowie der diese legitimierenden Regelungen im Kinder- und Jugendmedienschutz neu ordnet und damit auf eine tragfähige Grundlage stellt.

Schließlich muss immer wieder daran erinnert werden, dass die Altersfreigaben der Selbstkontrolleinrichtungen keine pädagogischen Empfehlungen sind, sondern "nur" unter dem Gesichtspunkt der möglichen Entwicklungsbeeinträchtigungen für Kinder und Jugendliche vergeben werden. Schon dies bedingt eine flankierende pädagogische Einbettung der Thematik. Darüber hinaus bedarf es einer umfassenden Medienbildung für Kinder und Jugendliche, aber auch für deren Eltern und alle Pädagogen. Denn so sicher, wie der Bedarf nach Kinder- und Jugendmedienschutz am Anfang der Bildungskette steht, so deutlich steht das Bildungsziel eines verantwortlichen, sinnvollen und sozial Umgangs an deren Übergang zum Erwachsenenalter. Entsprechende Vermittlungsprozesse von Medienkompetenz bzw. Medienbildung sollten auf diesem Weg zum mündigen Bürger von allen Bildungsinstanzen, aber auch von anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen gefördert und unterstützt werden.

 

 

 

 

 

 

Autor: Andreas Büsch Prof. i. K., Dipl.-Theologe, Dipl.-Pädagoge

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