Salzkörner

Montag, 29. August 2011

Jung, katholisch, feministisch

Leben mit einem inneren Zwiespalt

Im September 1981 wandten sich die deutschen Bischöfe in einem Hirtenwort mit dem Titel "Zu Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft" an die Gemeinden. Im September 2011 wird das Hirtenwort in verschiedenen Veranstaltungen in Erinnerung gerufen und auch im Hinblick auf den Dialogprozess diskutiert werden.

Anfang der 1990er Jahre verabschiedete der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) einen Demokratieförderplan für die Kirche und sammelte auf dem Katholikentag in Dresden Unterschriften für das Priestertum der Frau. Damals schien zumindest das Diakonat der Frau zum Greifen nahe. Die Synode in Würzburg (1971-1975) hatte den Papst um die Prüfung dieser Frage gebeten. Das alles ist bis jetzt ein Traum geblieben – Wunschtraum für die einen, Albtraum für die anderen. Die "Frauenfrage" geriet zum Tabu – wer daran rührte, riskierte Kopf und Kragen.

Zwei Welten

In besagter Septemberwoche werde ich 29 Jahre alt werden. Ich gehöre zu einer Generation junger Frauen, die mit großem Selbstbewusstsein von den Errungenschaften der Frauenbewegung profitiert. Wir wollen alles: einen interessanten Beruf und ein gutes Einkommen, eine gleichberechtigte Partnerschaft und mehrere Kinder. Wir glauben, dass wir das schaffen. Von den Männern erwarten wir, dass sie uns in unseren Zielen unterstützen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist für uns eine Selbstverständlichkeit.

In der Kirche erfahren wir, dass wir als Frauen minderwertig sind. Während die ersten Unternehmen in Deutschland sich freiwillig Quoten für Aufsichtsräte und Vorstände geben, wird in mancher Pfarr- und Domgemeinde noch darüber gestritten, ob Mädchen ministrieren dürfen. Und für die Weiheämter gilt nach wie vor: Zutritt für Frauen verboten.
Andrea Heim, BDKJ-Diözesanvorsitzende in der Erzdiözese Freiburg schreibt in einem Beitrag für das "Konradsblatt":

"Sich als Frau in der Kirche zu engagieren, halte ich für eines der frustrierendsten Dinge, die man sich antun kann. Denn die Stellung der Frauen in der Kirche ist bis heute mittelalterlich. Vor Ort engagieren sich tausende Frauen als Tischmütter, Kommunionhelferinnen und Lektorinnen und halten das pastorale Leben in der Gemeinde am Laufen. Ohne sie gäbe es keine Kindergottesdienste, keine Krankenkommunion, keine Besuchsdienste und keine Pfarrfeste. Aber für die Leitung all dessen ist selbstverständlich der Pfarrer zuständig. …Egal wie viel Spaß einem die Kindergottesdienstvorbereitung auch macht und wie erfüllend ein Besuch bei einem kranken Menschen auch ist, eines ist klar: Wirklich ernst genommen wird man als Frau nicht. Und im Zweifelsfall wird das Wort des Priesters immer gewichtiger sein als die eigene Erfahrung und die eigenen Argumente."

Ausgeschlossen-Sein

Richtig ist, dass die Benachteiligung von Frauen kein Alleinstellungsmerkmal der katholischen Kirche ist. In den Führungsetagen der Unternehmen tummeln sich noch immer vor allem Männer und auch unter einer Bundeskanzlerin gibt es etwa doppelt so viele Minister wie Ministerinnen. Das Ausgeschlossen-Sein von den kirchlichen Weiheämtern hat für Frauen dennoch eine besondere Qualität. Sie gelten per se, durch ihr Geschlecht und damit durch ihre Identität als Frau, für diese Dienste in der Kirche nicht geeignet. Während viele junge Frauen die Quoten in Wirtschaft und Politik ablehnen, weil sie durch ihre eigene Leistung in Spitzenpositionen vordringen wollen, sind sie in der Kirche von vorneherein, ungeachtet ihrer Fähigkeiten, Berufungen und Charismen, von diesen Tätigkeiten ausgeschlossen. Hier gilt für Frauen quasi eine "Null-Prozent-Quote".

Widersprüche aushalten

Wer sich dies vor Augen führt, versteht, warum sich viele junge Frauen mit der Kirche schwertun. Die Kluft zwischen ihrem Leben auf der einen und der katholischen Kirche auf der anderen Seite scheint allzu groß. Für viele bedeutet das, dass sie keinen Zugang zum Glauben finden.
Für andere, dass sie in einem ständigen inneren Zwiespalt leben. Gleichzeitig katholisch sein und Feministin – geht das überhaupt? Ein starker Glaube, eine tiefe Verwurzelung in der katholischen Kirche und immer wieder die Erfahrung, dass es, wie in den Jugendverbänden, auch "anders" geht, helfen mir diese Widersprüche auszuhalten. Wenn ich mit jungen Frauen ins Gespräch komme, die sich ebenfalls als Feministinnen bezeichnen, aber der katholischen Kirche fernstehen, sind diese häufig überrascht, dass eine junge Frau mit solchen Ansichten gleichzeitig engagiertes Mitglied der katholischen Kirche ist.

Nach einer Weile sagen diese jungen Frauen dann häufig zu mir: "Du weißt, dass ich mit deiner Kirche nicht viel anfangen kann. Aber trotzdem bin ich froh, dass es dort Frauen wie dich gibt." Ich antworte dann, dass es zum Glück viele junge Frauen sind. Und dass ich noch nirgends so viele engagierte, mutige und starke Frauen getroffen habe, wie eben in dieser katholischen Kirche. Frauen, die sich unermüdlich für die Sache der Frauen einsetzen. Und die immer wieder auf die Solidarität von Männern, Priestern wie Laien, bauen können.

Kernfrage Weiheamt

So hat sich in den letzten Jahrzehnten in Sachen Gleichstellung in der Kirche manches bewegt. Im Gottesdienst wirken Frauen als Lektorin oder Kommunionhelferin selbstverständlich mit. In einigen Bistümern gibt es erkennbare Bemühungen, Frauen vermehrt in Leitungspositionen zu bringen. In der zentralen Frage der Weihe ist der Handlungsspielraum der deutschen Kirche allerdings begrenzt. Viele hoffen darauf, dass das Diakonat der Frau endlich Realität wird. Dies wäre sicher ein beachtlicher Fortschritt, der aber nicht von allen als ausreichend betrachtet wird. Hätten sich die Frauen dauerhaft damit zufrieden gegeben, wenn ihnen das Wahlrecht in der Kommune, nicht aber auf Bundesebene zugestanden worden wäre? Ich denke nein.

Sich in den anderen versetzen

Was bedeutet das für den von der Bischofskonferenz initiierten Dialogprozess? Nüchtern betrachtet geht es in allen Diskursen immer auch um Status und Hierarchie, die den Ablauf der Kommunikation bestimmen. Die Ausgangsbasis der katholischen Frauen in diesem Dialogprozess ist dadurch geprägt, dass sie sich von ihrem "Gege-nüber" gleich in zweierlei Hinsicht unterscheiden: dadurch, dass sie Frauen sind, und dadurch, dass sie nicht geweiht sind. Damit der Dialog fruchtbar wird, ist es von zentraler Bedeutung, dass Frauen und Bischöfe sich immer wieder darum bemühen, sich im Geiste der Geschwisterlichkeit in die Lage des bzw. der jeweils anderen hineinzuversetzen.

Vorbilder

Auch die Männer unter den katholischen Laien sind herausgefordert, sich mit den Anliegen der Frauen neu auseinanderzusetzen. Wenn der BDKJ in seinem Beschluss "Freiheit der Kinder Gottes" in dem Abschnitt "Kirche konkret" als ersten Punkt die Partnerschaftlichkeit benennt, macht er damit deutlich, dass für ihn das Miteinander von Männern und Frauen in der Kirche ein zentrales und vor allem ein gemeinsames Anliegen ist. In dem Beschluss heißt es:
"Unsere Strukturen sind ein Bild unserer inneren Überzeugung: dass Mann und Frau vor Gott die gleiche unveräußerliche Würde tragen, und dass wir in der Kirche als Volk Gottes [Lumen Gentium] gemeinsam unterwegs sind. Erst im Miteinander von Frauen und Männern werden Charismen und Berufungen ihre volle Kraft entfalten. Es bedarf der uneingeschränkten Wertschätzung dieser Unterschiede. Frauen und Männer sind aufeinander angewiesen: in der Art, in der sie ihre priesterliche Berufung leben, in der sie Seelsorgerinnen und Seelsorger sind, in der sie Liturgie feiern, wie sie von Gott sprechen, seine Botschaft verkünden oder Leitung wahrnehmen. Frauen und Männer tun dies alles in manchem ähnlich und in vielem in einer unterscheidbaren Weise. Wir brauchen in unserer Kirche freie Räume zur Entfaltung der unterschiedlichen Charismen, um die große Vielfalt auf allen Ebenen wirkungsvoll zum Ausdruck zu bringen und viele Menschen für die Botschaft Jesu zu begeistern."
Ein Aufbruch, der gelingen soll, kann sich hier die gelebte Praxis in den katholischen Jugendverbänden zum Vorbild nehmen: Wir leben Kirche als gleichberechtigtes Miteinander zwischen den Geschlechtern und in Gemeinschaft von Geweihten und Nicht-Geweihten.

Autor: Ursula Fehling BDKJ-Bundesvorsitzende, Mitglied des ZdK

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