Salzkörner

Dienstag, 28. Februar 2017

Jungen – Verlierer in unseren Bildungseinrichtungen?!

Die KED-Forderungen an Schule, Lehrerausbildung und Politik

Die Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) fordert bessere Bildungschancen für Jungen. Sie belegt, dass Jungen es im heutigen Schulsystem oft schwerer als Mädchen haben. Zugleich plädiert sie dafür, bis zum Jahr 2025 in den Lehr- und Erziehungsberufen eine "Männerquote" von 40 Prozent in allen Stufen und Einrichtungen anzustreben.

Es ist schon einige Zeit her, dass ich unseren Enkel nach seinem Schulwechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule fragte, ob es ihm dort besser gefiele. Er bejahte diese Frage zu meiner großen Freude, da ich ihn bislang immer als wenig begeisterten Schüler erlebt hatte. Die Begründung allerdings versetzte mich ins Grübeln: "Da werden auch mal die Mädchen geschimpft!"

Jeder von uns wird in seinem Umfeld mit Sicherheit auch immer wieder auf Jungen stoßen, die ungern in die Schule gehen, die über die ach so fleißigen Mädchen nur noch lästern. Die KED hat sich bei ihrem Bundeskongress 2016 in Berlin die Frage nach der fehlenden Motivation der Jungen gestellt. Als erstes haben wir sehr schnell erkannt, dass das Schulverhalten der Jungen vielen Eltern Kopfschmerzen bereitet und in den Familien zu Problemen führt. Und als nächstes haben wir zur Kenntnis nehmen können oder müssen, dass in Wissenschaft und Jugendsozialarbeit durchaus schon einige Zeit über dieses Thema geforscht und nachgedacht wird.

Belegende Statistiken

In den letzten Jahren beobachten wir zunehmend eine Verschlechterung der Schulerfolge von jungen Männern im Verhältnis zu ihren weiblichen Altersgenossen. Die Zahlen der zahlreichen Untersuchungen schwanken im Detail, die Tendenz aber ist dieselbe:

Über 50 Prozent der Mädchen eines Jahrgangs machen heute Abitur, nur wenig mehr als 40 Prozent der Jungen.

Die Hauptschulen werden zu fast 60 Prozent von Jungen, und nur zu etwas mehr als 40 Prozent von Mädchen besucht.

Auf den Förderschulen kommen auf ein Mädchen fast zwei Jungen. In der 9. Klasse liegen die Mädchen beim Lesen durchschnittlich ein ganzes Schuljahr vor den Jungen. Lediglich in den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, liegen Jungen im Durchschnitt besser als die Mädchen.

Fazit:

Jungen haben es inzwischen auf ihrem Bildungsweg oft schwerer als Mädchen. Es ist daher eine Frage der Chancengerechtigkeit, das zu ändern! Eltern wissen: Jedes Kind ist anders. Jedes entwickelt sich unterschiedlich und hat spezifische Bedürfnisse. Bildungserfolg hängt natürlich nicht nur vom Geschlecht ab. Aber Mädchen und Jungen unterscheiden sich typischerweise in der Entwicklung voneinander. Dieser Erfahrung darf sich die Pädagogik nicht verschließen. Sie muss auf Unterschiede von Mädchen und Jungen eingehen. Bildungsgerechtigkeit fordert zunächst einmal Realismus und Praxisnähe.

Aus diesen Erkenntnissen heraus ergeben sich für die KED Forderungen an unsere Schulen, an die Lehrerausbildung und die Politik:

Mehr Männer in unsere Schulen und Kindertageseinrichtungen

Ganz mutig hat die KED eine Männerquote von 40 Prozent bis zum Jahr 2025 in den Lehr- und Erziehungsberufen in allen Stufen und Einrichtungen gefordert. Das ist leicht zu begründen, da die Jungen beim Heranwachsen auch erwachsene Bezugspersonen des eigenen Geschlechts benötigen. Sie reagieren auf Männer häufig anders als auf Frauen.

Diese männlichen Bezugspersonen fehlen weitgehend, nehmen wir doch in den letzten Jahren zunehmend eine Feminisierung des Bildungswesens wahr. Über alle Schulformen gerechnet sind über 70 Prozent aller Menschen in Lehr- und Erzieherberufen Frauen. In den Kindertageseinrichtungen, Vorklassen sowie in den Grundschulen findet man nur noch vereinzelt Männer als Erzieher oder Lehrer. "Unser letzter Lehrer wurde vor zehn Jahren pensioniert!", ist ein häufig gehörter Satz gerade an Grundschulen. Die Tendenz setzt sich mittlerweile auch an den weiterführenden Schulen durch. Männer sind dort inzwischen deutlich in der Minderheit. Auch in unseren Familienstrukturen hat sich vieles geändert. Rund 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Bilanz: Immer mehr Jungen finden keine männlichen Bezugspersonen mehr in Familie, Kindertageseinrichtungen und Schule.

Benachteiligung von Jungen thematisieren

Um den Jungen in unseren Bildungssystemen gerechter zu werden, wäre es sicherlich schon mehr als hilfreich, wenn das Thema "Jungen und Mädchen" zum Gegenstand der Beratung in den Schulkonferenzen, Fachkonferenzen und Elterngremien würde. Dabei könnten auch in der koedukativ ausgerichteten Regelschule verstärkt Möglichkeiten geprüft werden, gegebenenfalls mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten oder einzelne Fächer oder Lehreinheiten nach Geschlechtern getrennt zu unterrichten. Erfahrungen zeigen, dass beide Geschlechter hiervon profitieren: Mädchen eher in den MINT-Fächern, Jungen in den sprachlich-musischen Fächern. Als Beispiel mag hier der Sportunterricht dienen: Jungen lieben Ballspiele, Mädchen eher Gymnastik und Geräte. Ähnliches gilt im Fach Deutsch. Der Zugang zur Literatur ist für Jungen anders als für Mädchen. Sachtexte

z. B. ermöglichen Jungen leichtere Textzugänge.

Kein Abbau von Schulen für Jungen

Die KED befürwortet grundsätzlich die Koedukation. Koedukation kann jedoch kein Dogma sein. Daher stünde es dem breitgefächerten Bildungsangebot in Deutschland gut an, wenn es genauso viele Schulen für Jungen gäbe wie für Mädchen. Hier könnten dann auch Erfahrungen gesammelt werden, die zur Förderung der Jungen in den koedukativ ausgerichteten Regelschulen nutzbar gemacht werden können.

Auf die Lehrer kommt es an

Der Lehrerberuf ist eigentlich ein schöner Beruf. Der Umgang mit Kindern, ihnen Werte und Wissen zu vermitteln, ihnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, das bedeutete für Generationen von Lehrer/innen Erfüllung. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Enge Vorschriften, die Reglementierung der Unterrichtsinhalte und -methoden, Misstrauen gegen pädagogische Fähigkeiten und Konzepte, gegen die Notengebung und die ständigen Strukturveränderungen in unseren Schulen sind wohl die ausschlaggebenden Gründe gerade für junge Männer, nicht in der Schule ihr Berufsziel zu suchen. Eine gute Besoldung und eine sichere Arbeitsstelle durch Verbeamtung sind wohl nicht ausreichend anziehend. Der Schrödersche Satz von den Lehrern als "faule Säcke" wirkt immer noch. Das heißt nicht, dass Lehrer unantastbare Persönlichkeiten sind; auch sie können Fehler machen. Aber es ist wichtig, respektvoll miteinander umzugehen. Lehrer dürfen nicht ständig das Gefühl haben, mit dem Rücken an der Wand zu stehen. Wir alle kennen viele Lehrer, die eine sehr große Begeisterung an der Arbeit haben, die sich für ihre Kinder einsetzen. Das wird viel zu wenig gewürdigt. Diejenigen, die in unserer Gesellschaft ihren Teil dazu beitragen, dass aus unseren Kindern selbstbewusste, selbständige und verantwortungsbejahende Menschen werden, verdienen Vertrauen und eine bessere gesellschaftliche Anerkennung. Diese Forderungen richten sich sowohl an uns Eltern als auch an die gesamte Gesellschaft und die Politik, die hier sicherlich durch gezielte Maßnahmen ihren Teil dazu beitragen kann.

Chancen für Jungen – durch Ausbildung und Weiterbildung

An unseren Hochschulen wäre die Einrichtung und Vertiefung entsprechender Forschungsschwerpunkte, die sich dem Thema der Chancengerechtigkeit von Jungen stellen, sicherlich ebenso hilfreich wie die Entwicklung und wissenschaftliche Auswertung praktischer Lösungsansätze in unseren Schulen. Unsere Lehrer/innen durch Angebote der Weiterbildung auf den Weg mitzunehmen, ist ein Wunsch, der nicht unerfüllt bleiben sollte.

Kommunikation zwischen Schulen und Eltern

Kinder müssen das Gefühl haben, dass sich alle, die sich um ihre Erziehung und Bildung kümmern, in den Zielen einig sind, dass sie sich den Problemen stellen und gemeinsam über Lösungen und Förderansätze nachdenken und diskutieren. Die Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule gerade in Bezug auf die schulische Förderung der Jungen ist von großer Wichtigkeit. Pädagogisches Fachwissen und tägliche Erfahrungen mit den Kindern auf unterschiedlichen Ebenen bedürfen einer Vernetzung zum Wohl der Jungen.

    

 

 

 

Autor: Marie-Theres Kastner Bundesvorsitzende Katholische Elternschaft Deutschlands e. v. KED

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