Salzkörner

Mittwoch, 22. August 2012

Katholikentag

Kommentare

Matthias Gierth, Deutschlandradio

Der 98. Deutsche Katholikentag in Mannheim wird als Christentreffen in die Geschichte eingehen, das vielfältige innerkirchliche Themen und Streitthemen zur Sprache gebracht hat. So offen wie selten zuvor wurde über heiße Eisen wie die Rolle der Frau in der Kirche, die katholische Sexualmoral und die Teilnahme von Protestanten beim katholischen Abendmahl diskutiert.

Erstmalig gelang es auch, einen breiten Dialog der Theologie mit den Natur- und Geisteswissenschaftenanzustoßen. Wer erklärt die Welt besser: Darwin oder die Schöpfungserzählungen im ersten Buch Mose, der Genesis? Das interdisziplinäre Gespräch über Fragen der Welt- und Kosmosentstehung zeigte paradigmatisch, dass theologische Deutung und naturwissenschaftliche Erkenntnis einander nicht widersprechen müssen. Vorausgesetzt beide Disziplinen überschreiten nicht ihren je eigenen Zuständigkeitsbereich, wie es beim Kreationismus beziehungsweise beim reinen Naturalismus der Fall ist.

Dass auch solche Podien mit gewiss nicht leichter inhaltlicher Kost viele hundert Teilnehmer anziehen konnten, unterstreicht, dass die Katholikentage wichtige thematische Austauschbörsen der Gesellschaft sind und nicht bloße innerkirchliche Debattierzirkel.

 

Mattias Drobinski, Süddeutsche Zeitung

Was den innerkirchlichen Dialog und Wandel angeht, mag der Katholikentag in Mannheim enttäuschend sein und viele (vielleicht auch zu hohe) Erwartungen nicht erfüllen. Wenn es  um die Wende hin zu einem zukunftsfreundlichen Leben geht, ist er ein Hoffnungszeichen. Er versammelt die Unverdrossenen und Suchenden, für die es mit der Welt nicht einfach so weitergehen kann. Er ist das Treffen der kleinen Propheten, die nicht warten, bis andere sich bewegen, sondern selber anfangen, ob sie nun einfach fair gehandelte Produkte kaufen oder selber Entwicklungshelfer werden, mit der Jugendgruppe den Bach renaturieren oder als Pfarrgemeinderat in eine Solaranlage auf dem Kirchendach investieren. Das alles rettet für sich genommen die Welt nicht, und manchmal wirken die Eifrigen, die sich da abstrampeln, seltsam in ihrem Weltverbesserungspathos. Aber was wäre die

Alternative? Zynische Resignation, weil die cooler wirkt? Entscheidungszeit bedeutet: Der Schopf ist da, den es zu fassen gilt, jetzt ist die Zeit. Nicht weil die Hölle bedrängt und droht, sondern weil die Chance da ist, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und auch wenn es bedeutet, Liebgewordenes hinter sich zu lassen: Aufbruch kann glücklich machen.

 

Lothar Schröder, Rheinische Post

"Und was nach Mannheim anders ist":  Wer so fragt, sitzt einem großen Irrtum auf: indem er den Einfluss der Laien über- und die Kraft amtskirchlicher Hierarchie unterschätzt. Kirche ist kein Vorzeigemodell von Basisdemokratie, und darum sind auch Katholikentage nie Orte grundlegenden Wandels. Aber vielleicht gibt Mannheim selbst ein Vorbild für ein erstes gutes Einvernehmen: In einem Vergleich 1908 wurde festgestellt, das der Turm zwischen Rathaus  und Kirche der Stadt gehörte – das Geläut aber beiden.

 

Reiner Schlotthauer, Kirchenzeitung
Rottenburg-Stuttgart

Was haben also die Seismographen in Mannheim angezeigt? Es waren leichte, aber bei gutem Willen, spürbare Schwingungen. Der Katholikentag hat bewiesen, dass der Organismus ‚Kirche‘ trotz Krisen und Krankheiten, immer noch lebt und sogar wieder verstärkt für andere Organismen heilsam auftreten könnte. Und dass die Kirche in der Zeit der eigenen Rekonvaleszenz seit dem Missbrauchsskandal dazugelernt hat. Schon lange nicht mehr ist die innerkirchliche Kritik an dem Großereignis so gering ausgefallen. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass ausgerechnet die Art Kirche, die jetzt dort von vielen tausenden Gläubigen vertreten wurde, besonders gut für die Zukunft gewappnet ist. Denn nur wer sich die nötige Kompetenz im Dialog aneignet, aufgeschlossen für seine Mitmenschen und deren Sorgen, kann ihnen und ihrer Welt auf Augenhöhe begegnen – und so erst das Evangelium glaubwürdig verkünden. Erst eine dialogische Kirche ist gut vorbereitet für die Begegnung mit der immer vielschichtiger werdenden Welt, mit Wirtschaft und Naturwissenschaft, aber auch, nicht zu vergessen, mit der immer größeren Vielfalt in der Kirche selbst.

 

Wolfgang Bullin, Würzburger Katholisches
Sonntagsblatt

Zunächst einmal hat er denen, die vor Ort waren, aber über die Medien auch der breiten Öffentlichkeit gezeigt, dass Kirche bunt, fröhlich, vielfältig, lebenslustig und ausgelassen sein kann. Bei aller Ernsthaftigkeit der behandelten Themen und der geführten Debatten hatte dieser Katholikentag in erster Linie ein fröhliches Gesicht, besser: eine Vielzahl fröhlicher Gesichter. Die Freude am Glauben, die ansonsten ein anderer Kongress programmatisch für sich beansprucht, war in Mannheim durchgehend spürbar und erlebbar. Vielleicht ist gerade das ein Signal in Sachen Aufbruch, das Glaubensfreude nicht uniform sein muss, sondern in vielen unterschiedlichen Formen zum Ausdruck kommen kann und darf; sich aber zugleich eingebunden in die und aufgehoben in der Gemeinschaft  der Glaubenden weiß. Denn auch diese Gemeinschaft war in Mannheim spürbar und erlebbar. Einheit in Vielfalt eben.

 

Stefan Orth, Herder Korrespondenz

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – bei aller Vielfalt der mehr als 1000 Veranstaltungen – standen auf dem Mannheimer Katholikentag vielmehr all jene Fragen, die aufgrund der Forderung nach mehr Transparenz und Ehrlichkeit in der Kirche zuletzt wieder intensiver diskutiert wurden. Zu den zentralen Themen gehört dabei der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder die Nöte konfessionsverbindender Ehepaare. Daneben fiel aber auch auf, wie die Katholiken zunehmend stärker von Sorgen im Zusammenhang der Zusammenlegung von Gemeinden und Pfarreien zu größeren Seelsorgeeinheiten umgetrieben werden. Fragen der Partizipation auf allen entscheidenden Ebenen sind da mindestens so wichtig geworden wie die inzwischen klassischen Streitfragen, die durch die Entwicklungen freilich in vielen Fällen weiter befeuert werden (beispielsweise die Zulassungsbedingungen zur Weihe).

Bemerkenswert war in jedem Fall das immer wieder zu vernehmende Drängen in diesen Fragen, konkret dann auch die Forderung nach einem Dialog innerhalb der Kirche, der diesen Namen auch wirklich verdient – nicht zuletzt weil er auch konkret wird und sich daran messen lässt, inwieweit es auch zu Ergebnissen kommt. Das galt keinesfalls nur für die beiden hier einschlägigen Veranstaltungen "Auftreten statt Austreten" und "Wir sind Dialog – Für eine sprachfähige Kirche an der Seite der Menschen". …

War der Katholikentag in Mannheim kein Aufbruch? Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des mitfinanzierenden Bundeslandes Baden-Württemberg und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hatte schon zu Beginn mehrfach davor gewarnt, in Mannheim "Sensationelles" zu erwarten. Entscheidend seien die "kleinen Schritte". Ganz in diesem Sinne wurde in Mannheim ein zweites Mal innerhalb kurzer Zeit ein atmosphärischer Gewinn für den deutschen Katholizismus verzeichnet. Es wird jetzt vor allem darauf ankommen, was sich bis zum nächsten Katholikentag in Regensburg 2014 tut.

Mit bloßer Rhetorik wird es dabei allerdings nicht mehr getan sein: Das Wohlwollen gegenüber einem Beschwören des Aufbruchs beziehungsweise eines abstrakten oder nur vagen Bekenntnisses zum Dialog dürfte weitgehend aufgebraucht sein. Man müsse den Aufbruch jetzt auch wirklich wagen, war des öfteren zu hören.

 

Thomas Rünker, Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Wenn es in Mannheim einen Aufbruch gab, dann einen hinaus in die Gesellschaft. Mit bestens besuchten Diskussionsrunden zu sozialen, ökologischen, ökonomischen und politischen Fragen hat der Katholikentag 2012 das deutliche Signal gesetzt, dass sich die Katholiken nicht mehr nur um sich selbst drehen, sondern die Gesellschaft wieder mitgestalten wollen – vor allem hinsichtlich eines maßvolleren Wirtschaftens.

Dieses Signal tut gut. Denn gerade in diesem Themenfeld ist der christliche Beitrag einer von zu wenigen. Man muss ihn nicht teilen – aber man wird dem katholischen Laienvertreter Alois Glück zustimmen, dass jede Form eines nachhaltigen Lebensstils eine ethische Herausforderung bedeutet. Schließlich hat gerade der westliche Lebensstil der vergangenen Jahrzehnte die meisten Menschen auf "immer mehr" und "mir das Meiste" trainiert. Mehr Bescheidenheit mit Blick auf nachwachsende Generationen oder benachteiligte Regionen der Welt tut Not – ob aus christlicher oder anderer Motivation ist da fast egal. Zumal manch kirchliche Organisationen und Würdenträger den Worten des Katholikentags nun auch noch Taten folgen lassen müssen.

 

 

 

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