Salzkörner

Mittwoch, 16. März 2011

Keine Ergebnisgarantie

Gedanken zum Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen"
Seit Januar ist Stefan-B. Eirich der neue Rektor im ZdK. Eirich, 1963 in Karlstadt am Main geboren, ist Priester der Diözese Würzburg. Er hat in Würzburg und Rom studiert, wo er 1989 die Priesterweihe empfing. Zuletzt war er Stadtdekan in Aschaffenburg und leitete dort das Martinushaus. Mit Gedanken zum Leitwort des Mannheimer Katholikentags stellt er sich vor.

Der Katholikentag hat sich ein Leitwort gewählt, das bei vielen Menschen spontan gemischte Gefühle auslösen dürfte. Wem fällt es schon leicht aufzubrechen, wenn damit nicht der Beginn eines Sonntagsausfluges, sondern der Anfang eines neuen Lebensabschnittes gemeint ist? Wer stellt sich mit reiner Freude der Notwendigkeit eines Aufbruches, der die Aufgabe des bisherigen Lebensumfeldes, den wahrscheinlich endgültigen Abschied von bisher tragenden Beziehungen und ein hohes Maß an Umstellungsbereitschaft bedeutet? Es ist nur allzu verständlich, wenn sich Menschen damit ausgesprochen schwertun, beispielsweise gezwungen durch einen Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel bekannte Wege zu verlassen und in Unbekanntes aufzubrechen.

Zaghaftes Tasten

Das Wort Aufbruch klingt auch in der kirchlichen Gegenwart nicht zuerst nach einem zuversichtlichen Start in Richtung Neuland. Das Wagnis eines neuen Aufbruchs geschieht in der Kirche, wenn überhaupt, nicht nur mit Blick auf die Belastungen und Verwerfungen des "Skandaljahres" 2010 in großer Nachdenklichkeit und einem zaghaft tastenden Dialog zwischen Laien und Klerikern, Verantwortungsträgern und "einfachen Gläubigen" im Volk Gottes. Dieses Jahr hat gezeigt, dass die bislang scheinbar nur von wenigen Rissen durchzogenen kirchlichen Beheimatungsräume regelrechte Aufbruchspalten zeigen. Zudem erleben wir, wie nach Jahren eines unsichtbaren inneren Auszugs zahlreiche Menschen nicht mehr nur aus den Randbereichen, sondern vor allem aus den vermeintlich glaubensnahen Milieus und damit aus der Herzmitte des Katholizismus die Kirche verlassen haben.

Allein seinem Wort vertrauen

Am Anfang der Vätergeschichten Israels steht Gottes unmissverständliche Aufforderung an Abram zum Aufbruch (Gen 12). Wer daran glaubt, dass Gott seither nicht mehr aufgehört hat, mit uns im Dialog zu sein und sich uns durch die Zeichen der Zeit mitteilt, uns "durch die Wirklichkeit umarmt", der beginnt zu ahnen, was mit dem "neuen Aufbruch" gemeint sein könnte. Es ist die Aufforderung Jesu an den Fischer Petrus und die anderen Jünger, nach anstrengendem, aber ergebnislosem Abmühen noch einmal auf die "hohe See" hinauszufahren und nun bei Tag die Netze auszuwerfen (Lk 5,4). Eine Verheißung auf reichen Fang wird nicht ausgesprochen: keine Ergebnisgarantie! Die Jünger sollen allein seinem Wort vertrauen. Petrus und die anderen Jünger stehen für die heutige Kirche. Sie muss sich trauen, allein auf SEIN Wort hin aufzubrechen und auf die "hohe See" hinauszufahren, dorthin, wo es nichts mehr vom bisher Tragenden gibt. Dorthin, wo sich die Frageperspektive ändert. Nicht mehr: Wo wollen wir mit all unseren Seelsorgsplanungen und mittelfristigen Absicherungsstrategien, mit unseren Maßnahmen zur "Zukunftssicherung" hin? Sondern: Wo will Jesus mit uns als Kirche hin?

Begegnung mit denen, die am Rande stehen

Der ehrlichen Bestandsaufnahme "wir haben uns die ganze Nacht geplagt und nichts gefangen" folgt das Wagnis zum neuen Aufbruch (Lk 5,5), der schließlich im Erleben eines völlig unerwarteten, überreichen Fischfangs in die Berufung der ersten Jünger mündet. Aus heutiger Perspektive lässt sich dies so deuten, dass im Wagnis des neuen Aufbruchs eine Begegnung mit Menschen stattfindet, die bislang bestenfalls am Rande des kirchlichen Wahrnehmungsfeldes standen: mit Menschen, die sich ihrerseits (wohl oder übel) immer wieder dem Wagnis des Aufbruchs stellen, die Neues in ihrem Leben ausprobieren. Nichts ist mit Blick auf das Motto des Katholikentags mehr zu wünschen, als dass die katholische Kirche sich ergebnisoffen mit einem neuen Blick auf bisherige Sicherheiten in den Aufbruch wagt und so all jenen ein kraftvoll lebendiges Gegenzeugnis gibt, die sie längst für erstarrt halten – denn was sich nicht bewegt, ist tot.

Autor: Stefan-B. Eirich Rektor im Generalsekretariat des ZdK  

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