Salzkörner

Donnerstag, 28. April 2016

Keine Gewalt im Namen Gottes!

Zur Erklärung des Gesprächskreises "Christen und Muslime" beim ZdK

Der seit über fünfzehn Jahren bestehende Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim ZdK gründet auf dem Selbstverständnis gemeinsamer Verantwortung in gesellschaftspolitischen Fragen sowie auf dem Prozess des gegenseitigen Kennenlernens und Verstehens. Anlässlich der Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 entstand eine kurze Erklärung des Kreises, in der Gewalt im Namen der Religion eindeutig verurteilt wurde. Davon ausgehend hat sich der Gesprächskreis "Christen und Muslime" weiter intensiv mit dem Thema Religion und Gewalt auseinandergesetzt. Am Vortag des 100. Deutschen Katholikentags in Leipzig wird die Erklärung "Keine Gewalt im Namen Gottes! Christen und Muslime als Anwälte für den Frieden" der Vollversammlung des ZdK und der Öffentlichkeit vorgestellt.

Veranstaltungshinweis Katholikentag: "Gott hat die Gewalt. Gewalt in der Bibel und im Qu´ran", Podium: Prof. Dr. Andreas Michel, Muhammad Sameer Murtaza, Prof. Dr. Ömer Özsoy, Moderation: Prof. Dr. Anja Middelbeck-Varwick am Samstag, 28. Mai von 11.00 bis 12.30 Uhr, www.katholikentag.de

Aktuell werden die monotheistischen Religionen immer wieder beschuldigt, Gewalt hervorzurufen. Insbesondere der Islam steht in der Kritik. Dass der Glaube an Gott Leben und Handeln sinnvoll ausrichten kann und unsere Religionen friedensstiftende Kräfte sind, wird gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen. In Deutschland sehen sich Musliminnen und Muslime in zunehmendem Maße massiven Anfeindungen gegenüber.

Vor allem die Radikalität islamistischer Extremisten befeuert seit einigen Jahren immer wieder das Negativbild des Islam. Radikale Fundamentalisten missbrauchen religiöse Motive zur Gewaltlegitimation und geben gewalttätiges Handeln als "Gottes Wille" aus. Vor allem gelingt dies in hierarchisch-autoritären Systemen und dort, wo der allgemeine Bildungsstand niedrig ist und kritische Reflexion unterdrückt oder gar nicht erst entwickelt wird.

Die vermeintlich im Namen des Islam handelnden Terrorgruppen bringen Unheil über alle, die nicht ihrer Meinung sind. Davon sind sowohl Muslime betroffen, die nicht die Ideologie dieser Gruppen teilen, als auch Christen, die als Minderheiten in einigen muslimisch geprägten Staaten leben.

Zweifelsohne gilt: Die Mehrheit der Muslime ist friedliebend und verurteilt den Missbrauch ihrer Religion. Es ist notwendig, dass die muslimischen Verbände und Moscheegemeinden von Christinnen und Christen tatkräftig unterstützt werden, wenn es um die Verurteilung von Gewalt und um Gewaltprävention geht. Durch die Erklärung des Gesprächskreises wollen wir aufzeigen, warum Gewalt im Namen Gottes ein Irrweg ist und nicht geduldet werden darf. Christentum und Islam treten für Gerechtigkeit, Wohl der Gemeinschaft, Schöpfung und Frieden ein. Der religiöse Fanatismus verursacht Unheil, missbraucht Geist und Körper der Menschen, handelt lebensvernichtend und kämpft gegen Gott und nicht anstelle von oder sogar für Gott. Dies gemeinsam zu verdeutlichen und entschieden dagegen öffentlich einzutreten, ist das Gebot der Stunde. Die Erklärung soll informieren, Gesprächs- und Diskussionsgrundlage schaffen und zugleich Zeichen setzen, wie Christinnen und Christen mit Musliminnen und Muslimen gemeinsam ihrer Verantwortung vor Gott gerecht werden können. Wir möchten an der Gestaltung einer friedlichen Welt und gelingenden menschlichen Beziehungen mitwirken; daher legen wir in unserer Erklärung Folgendes dar:

1. Für den gerechten Frieden

Es ist die gemeinsame Aufgabe von christlichen und muslimischen Gläubigen, den Frieden zu bewahren, zu befördern und zu erneuern. Unser Bekenntnis soll nicht zu Gewalt, Terror und Konflikten führen, sondern zu Versöhnung, Verständigung und friedlichem Zusammenleben. Wir wollen die sinnstiftende Kraft und die Werte, die unsere Existenz tragen, über die eigenen Zusammenhänge hinaus neu erschließen, damit Leben und Zusammenleben gelingt. Dies gilt auch mit Blick auf die Heiligen Schriften: Bibel und Koran wollen Menschen zu Gerechtigkeit und Frieden führen. Dem Missbrauch der Heiligen Schriften muss immer wieder entgegengetreten werden. In der Bibel und im Koran gibt es Aussagen, die wörtlich bzw. ohne ihren weiteren Zusammenhang gelesen, ein enormes Gewaltpotenzial beinhalten. Religionskritiker und -gegner nehmen diese Aussagen als Beleg dafür, dass Religionen per se Gewalt verherrlichen und zu Gewalt aufrufen. Die Gefahren des Missbrauchs der Heiligen Schriften belegen die Gewalttätigkeiten terroristischer und extremistischer Gruppierungen. Eigene Interessen, Machtstreben und Verbrechen werden als von Gott gewollte und ihm dienende Handlungen propagiert. Als Religionsgemeinschaften müssen und werden wir derartigen Instrumentalisierungen stets widersprechen, Fehlinterpretationen korrigieren und angemessene Deutungen anbieten. Gewaltprävention ist eine Aufgabe für alle religiösen Menschen und deswegen auch eine interreligiöse Aufgabe: Überwindung von Gewalt und Verzicht auf Gegengewalt können und müssen erlernt und eingeübt werden. Das gilt für den Lebensalltag wie für internationale Zusammenhänge.

2. Gegen Extremismus und Gewalt

Wir verurteilen jedweden Fundamentalismus, Radikalismus, Fanatismus und Terrorismus, seien sie religiös oder anders begründet. Hierbei möchten wir verdeutlichen: Es ist Gotteslästerung, Gott zur Rechtfertigung von Tötungen und Gewalttaten in Anspruch zu nehmen. Heilige Kriege gibt es nicht, gerechter Friede ist das Ziel des vom Glauben ausgehenden Handelns. Wir sprechen uns gemeinsam für die Achtung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit aus. Die Ausbreitung des Glaubens darf niemals mit Zwang und Gewalt geschehen. Das Geschenk des Glaubens kann nur in Mitmenschlichkeit, Freundschaft, Nähe, friedvollem Umgang und Einsatz für gerechte gesellschaftliche Strukturen bezeugt werden. Wir sehen uns verpflichtet, nicht nur die je eigene Religionsfreiheit und die je eigenen Rechte auf freie Ausübung der Religion einzufordern, wo Christen oder Muslime in der Minderheit sind, sondern auch die Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften zu achten und – auch innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft – füreinander Partei zu ergreifen.

3. Feindbilder erkennen und überwinden

In der gegenwärtigen Debatte über den Islam und die Muslime in Deutschland wird der Rede von der "friedliebenden Mehrheit der Muslime" zunehmend misstraut. Unterstellt wird immer wieder, Gewalt sei dem Islam geradezu "wesensimmanent". Die einfache Antwort, dass alles nichts mit der Religion zu tun habe, wird nicht ernst genommen und entspricht auch nicht der Selbstwahrnehmung der fundamentalistischen und extremistischen Gruppierungen. Sie verstehen sich durchaus als religiös und sogar als die "einzig wahren Gläubigen". Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und Orientierung erreichen "charismatische Prediger" auf emotionaler Ebene viele suchende Menschen in ihrer Orientierungsphase. Ein Hinterfragen und Überprüfen durch die Suchenden findet kaum bis gar nicht statt. Es ist deshalb eine wichtige Aufgabe, sich mit gemeinsamen Kräften für die theologische Alphabetisierung und Aufklärung einzusetzen.

Wir sehen es als unsere Aufgabe, immer wieder darüber aufklären, dass der gewalttätige Extremismus zutiefst unislamisch ist und dass die tatsächlichen Ursachen der Gewalt und der Konflikte zu benennen und zu bekämpfen sind.

Wir warnen davor, dass Islamfeindlichkeit in unserer Gesellschaft akzeptiert wird. Islamfeindlichkeit ist ebenso unchristlich wie Judenfeindlichkeit. Beides ist menschenverachtend und zerstört die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

Wir appellieren an alle Gläubigen sich um interreligiöse wie interkulturelle Kompetenz zu bemühen. Christinnen und Christen brauchen Basiswissen über den Islam, Musliminnen und Muslime brauchen Basiswissen über das Christentum. Dies gelingt vor allem durch Begegnung, Kennenlernen und das Schließen von Freundschaften.

 

 

Autor: Prof. Dr. Anja Middelbeck-Varwick Systematische Theologin (Schwerpunkt: interreligiöser Dialog) am Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin. Hamideh Mohagheghi M. A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Schwerpunkt: Koranwissensch

zurück zur Übersicht