Salzkörner

Montag, 31. August 2015

Keine Idylle

Katholikentag Leipzig: Chancen interreligiöser Veranstaltungen

"Seht, da ist der Mensch" lautet das Leitwort des 100. Deutschen Katholikentags, der vom 25. bis 29. Mai 2016 in Leipzig stattfindet. Ein einladendes Leitwort. Es beginnt mit der Aufforderung, kommt und "seht". Ganz und gar offen wendet es sich so an jede und jeden. Wer auch immer auf der Suche ist, wer neugierig ist, wer Antworten sucht nach dem Sinn des Lebens, nach Orientierung, ist willkommen. Auf dem Katholikentag in Leipzig wollen wir gemeinsam neu sehen lernen. Und dabei geht es auch um den Dialog zwischen den großen monotheistischen Religionen, um die Herausforderungen des Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen in Deutschland und Europa und die gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft.

Doch wann ist der 100. Deutsche Katholikentag im Blick auf das christlich-jüdische Gespräch, den christlich-islamischen Dialog und das Dreiergespräch der monotheistischen  Religionen ein Erfolg? Die schlichte Frage hat es in sich. Zuerst scheint mir der Erfolg vom Gelingen des Katholikentags insgesamt abhängig. Es wird entscheidend darauf ankommen, auch die Menschen in Leipzig und Umgebung zu erreichen und nicht wie ein Ufo in der Stadt zu landen und nach fünf Tagen wieder zu verschwinden. Die hundertste "Heerschau des Katholischen" findet noch deutlicher als in Regensburg unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen statt. "The same procedure as last time" ist deshalb wohl kein Erfolgsrezept. Gewiss, der Osten Deutschlands gilt als der säkularisierteste Teil Europas. Doch wer nur darauf schaut, übersieht, dass sich inzwischen in ganz Deutschland Menschen mit dem Kern der christlichen Botschaft schwer tun. Auch Kirchenmitglieder fremdeln mit dem überlieferten Glauben der Kirche. Das hat die V. Kirchenmitgliedschafts-Erhebung der Evangelischen Kirche vom März 2014 eindrücklich herausgearbeitet. Vielfach haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Musste sich früher rechtfertigen, wer keiner Kirche (mehr) angehörte, muss jemand heute erklären, warum er oder sie am christlichen Bekenntnis festhält. Ja mehr noch, die hart geführte öffentliche Debatte um die rituelle Knabenbeschneidung oder auch die gegenwärtigen Diskussionen um Sterbehilfe zeigen, dass religiöse Bindungen insgesamt fremder werden, dass sie zunehmend nur noch als subjektive Präferenzen gelten, die keine allgemeine Verbindlichkeit mehr behaupten dürfen.

Vor diesem Hintergrund steht der Katholikentag in Leipzig auf dem Areopag aller öffentlichen Diskurse in Deutschland. Für das katholische Markenzeichen muss er erst einmal werben. Ich bin überzeugt, dass das erfolgreich sein kann, wenn die Veranstaltungen fröhlich und offen Standpunkte beziehen, wenn ReferentInnen und Themen neugierig machen. Dabei dürfen die Verantwortlichen im Vertrauen auf Christus jedoch keine Scheu haben, "auch die langweiligen Schablonen [zu] durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten" (Papst Franziskus). Für den interreligiösen Dialog auf dem Katholikentag scheint mir aus dieser Grundsituation mindestens dreierlei zu folgen.

Kennenlernen

Erstens: Weil Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche in der Regel nicht mehr mit einem fest gefügten dogmatischen Verständnis unterwegs sind – wiewohl es auch diese gibt und sie sich an den Debatten beteiligen sollten! – sondern auf der Suche sind, sollte bei den Vorbereitungen genau überlegt werden, mit welchen Fragen die Menschen in das "Lehrhaus" (zur Vermittlung von Grundwissen) und zu den Podien kommen und wo diese Raum erhalten. Es wird vermutlich zuerst um das (bessere) Kennenlernen des jeweils Anderen gehen und darum, das Eigene dazu in Beziehung zu setzen. Das bereichert, aber kann durchaus schmerzlich sein. So bleibt das jüdische Nein zu Jesus Christus eine Grenze im christlich-jüdischen Gespräch. Wenn diese berührt wird, geht es nicht einfach darum, den jüdischen und den christlichen Glaubensweg als Alternative anzuerkennen, sondern diese Differenz als Teil der EINEN Heilsgeschichte zu begreifen. Ähnlich spannend sind unterschiedliche ethische Konsequenzen aus der gemeinsamen biblischen Textgrundlage, etwa am Lebensanfang oder zum assistierten Suizid. Die Differenzen wahrzunehmen ist anspruchsvoll. Dazu gehört, Fragen aufzuwerfen, ohne sie abschließend beantworten zu können, dazu gehört, auf Unterscheidungen zu beharren, Ambivalenzen zu beschreiben und gegebenenfalls Widersprüche auszuhalten. Interreligiöse Gespräche schaffen keine Idylle. Sie sind eine Gelegenheit zu erfahren, wie der Andere denkt und argumentiert. Und eine Aufforderung, das Eigene vor diesem Hintergrund neu zu bedenken. Ähnliche verhält es sich mit dem christlich-islamischen Gespräch. Hier ist vielleicht die Neugierde noch größer, weil islamische Traditionen noch weniger bekannt sind. Dazu zählt auch der nahöstliche Beitrag zur Herausbildung Europas. Seine Anerkennung entlarvt die schlichte Trennung zwischen hier Abendland und da Morgenland als Ideologie.

Authentizität

Aller Erfahrung nach überzeugt ein solcher Austausch dann, wenn die Informationen durch Menschen authentisch vermittelt werden, das heißt wenn die Zuhörenden das Gefühl haben, sie treffen Personen, die für ihre Überzeugung einstehen. Das ist die zweite Chance, die ein Katholikentag im Kontext gewachsener Pluralität bieten kann: die Gelegenheit zur vertieften Begegnung. Im Alltag sind die Lebenswelten mindestens der mittleren und älteren Generation noch sehr getrennt; es gibt kaum jüdische und muslimische Freunde, die man fragen könnte, was es heute heißt, aus einem jüdischen oder muslimischen Glauben heraus zu leben. Ängste vor Überfremdung oder gar vor einer "Islamisierung des Abendlandes" beziehen ihren Nährboden daraus, dass es eben keine Alltagserfahrungen gibt, die die Vorurteile widerlegen. Um nicht missverstanden zu werden: Taube Ohren kann ein Katholikentag nicht öffnen. Seitens der Besucherinnen und Besucher aller Glaubensüberzeugungen muss die Bereitschaft bestehen, hinzugehen, zuzuhören und mit zu diskutieren – das ist das Gegenteil fundamentalistischer Imprägnierung. Bei der Vorbereitung von Veranstaltungen ist die Falle zu vermeiden, klischierte Rollen wie die der muslimischen Islamkritikerin zu besetzen, die nicht für, sondern gegen ihre Kultur spricht. Die Argumente mögen noch so richtig sein – aber der Kontext entscheidet, wie sie verstanden werden. Als Veranstalter sollten wir den Gegencheck nicht scheuen und uns genau fragen, wer mit welchem Auftrag zu Wort kommt – und wer nicht.

Zum Dritten werden die Qualität des jüdisch-christlichen und des christlich-islamischen Dialogs sowie von trialogischen Veranstaltungen auf dem Katholikentag auch danach bewertet werden, ob und wie "heiße Eisen" angepackt werden und wie mit Verletzungen umgegangen wird. Im jüdisch-christlichen Gespräch wirkt noch immer die Verunsicherung nach, die die Wiedereinführung der alten Form der Karfreitagsfürbitte durch Papst Benedikt XVI. für den Außerordentlichen Ritus hervorgerufen hat. Ist die alte Forderung nach der Bekehrung (pro conversione) der Juden weiter gültig, wird sie nur in der "normalen" Liturgie netter verpackt? Oder, um eine gegenwärtige Debatte in der evangelischen Theologie aufzunehmen: Ist das Alte Testament letztlich für Christen nur Offenbarung zweiter Klasse, das man eher aus historischen Gründen oder um Querverweise zuordnen zu können im Kanon belässt?

Neue Erkenntnisse

Schwierig ist auch die Frage, wie man auf dem Katholikentag die komplexe Situation in Israel thematisieren kann, ohne dass sich das Publikum sofort in die allbekannten Lager spaltet und jeder sich am Ende nur in seiner Haltung bestätigt fühlt. Schließlich wird auch die Frage der Gewalt im Namen von Religion, insbesondere die barbarische Instrumentalisierung des Islam durch den IS in Veranstaltungen einen Platz finden müssen.

Wenn es gelingt, den Katholikentag zum Ort von neuen Erkenntnissen und vertiefter Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen zu machen und dabei auch schwierige Themen konstruktiv anzugehen, könnte er über die einzelne Veranstaltung hinaus ein Weiteres leisten: Er könnte exemplarisch deutlich machen, wie wir in Deutschland mit religiösen und weltanschaulichen Differenzen umgehen können. Das wäre ein wichtiger Beitrag für den Umgang mit Pluralität in unserem Land überhaupt – und allemal ein Grund, weshalb es auch in Münster und darüber hinaus Katholikentage in Deutschland geben sollte.

 

 

 

 

 

Autor: Dagmar Mensink Mitglied im Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK, Geschäftsführerin Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD

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