Salzkörner

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Kirche neu und an neuen Orten

Kreative Wege zu den Menschen gehen

Der Sachbereich "Pastorale Grundfragen" des ZdK hat im Herbst 2011 ein neues Projekt gestartet unter dem Namen "Kirche neu und an neuen Orten". Er möchte dabei diejenigen kennenlernen, stärken, ermuntern und bekannt machen, die in ganz neuer Weise Räume schaffen, in denen Gott erfahren werden kann. Der Arbeitskreis möchte sich selbst voller Neugierde in einen Lernprozess begeben, wenn er solche Orte aufsucht und mit den Verantwortlichen ins Gespräch kommt. Gesucht werden besonders Projekte, mit denen Menschen erreicht werden, die den herkömmlichen kirchlichen Angeboten eher fern- oder kritisch gegenüberstehen, an denen es gastfreundlich und spontan zugeht, an denen ganz unkompliziert Räume der Begegnung entstanden sind.

Begonnen hat der Arbeitskreis "Pastorale Grundfragen" mit einem Besuch der Katholischen Citykirche Wuppertal. Begeistert erlebte er, wie hier schon seit 2004 neue Wege zu den Menschen gegangen werden: auf den Straßen und Plätzen der Stadt, in Kaffeehäusern und Kinos, im Internet.

Citypastoral ist ein Weg der Begegnung mit den Menschen ...

Eine, beileibe aber nicht die einzige Möglichkeit, den Menschen neu zu begegnen, ist die Citypastoral. Sie macht Kirche auf den Straßen und Plätzen der Stadt präsent. Es genügt aber auch hier nicht, wieder neue kirchliche Häuser zu bauen und auf die Menschen zu warten. Das würde bedeuten, die bisherige Strategie, die sich als eben nicht mehr tauglich erweist, auf einer anderen Ebene fortzusetzen. Demgegenüber definiert sich echte Citypastoral durch ein stringentes "Geh-hin"-Konzept. Das bringt zwangsläufig eine gewisse Heimatlosigkeit mit sich. Citypastoral ist Mission, also Gesandt-Sein, im besten Sinn des Wortes.

... in der Stadt ...

Die Katholische Citykirche Wuppertal macht mit diesem Ansatz Ernst. Sie macht die katholische Kirche auf den Straßen und Plätzen der Stadt Wuppertal präsent. In regelmäßigen Abständen wird ein Zelt in den Fußgängerzonen aufgebaut, in dem manchmal Projekte präsentiert werden, das aber auch als "Kirche vor Ort" gestaltet werden kann. Ein Flyer, der das aktuelle Programm der Katholischen Citykirche Wuppertal enthält, erleichtert die Kontaktaufnahme. Ein allzu offensive Ansprache kann verschrecken. Der freundlich angebotene Flyer bildet hingegen für viele die Brücke, ein Gespräch zu beginnen. Das lässt sich auch an Zahlen ablesen: An einem normalen Tag ergeben sich auf diese Weise zwischen 300 und 500 Kontakte (verstanden als Personen, die den Flyer mitnehmen). 3 - 5 % davon bleiben für ein Gespräch stehen. Der Inhalt dieser Gespräch reicht von banalen Wegauskünften bis hin zu intensiven Glaubensgesprächen. Auch wenn citypastorales Handeln eher auf den Minutenkontakt angelegt ist, ergeben sich aus diesen Gesprächen doch manchmal längere Prozesse. Der Kurzkontakt auf der Straße bildet die erste Chance einer Verkündigung, die profiliert und individuell zugleich sein muss. Der konkrete Mensch mit seinem Anliegen steht dann im Mittelpunkt. Er erwartet in der Regel eine Antwort. Er hat es verdient, auch eine Antwort zu bekommen. Erst darin erweist sich Citypastoral als kompetent. Wenn sie als kompetent bekannt ist, ergeben sich daraus weitere Möglichkeiten. Über 1.000 Folgegespräche, die jährlich in der Katholischen Citykirche Wuppertal geführt werden, bestätigen diesen konzeptionellen Grundansatz.

Auch mit anderen Projekten im öffentlichen Raum können die Menschen von heute erreicht werden. Die Katholische Citykirche Wuppertal verfolgt hier verschiedene Ansätze. Segensfeiern auf öffentlichen Plätzen (etwa Tier- oder Motorradsegnungen) sprechen auch Menschen an, die sonst nicht den Weg zum Gottesdienst finden. Insbesondere muss an dieser Stelle auch die Wuppertaler Graffiti-Krippe erwähnt werden, die seit 2009 alljährlich in der Adventszeit auf einem zentralen Platz in Wuppertal-Elberfeld in Zusammenarbeit mit örtlichen Einzelhändlern entsteht. Sie wird vom einem stadtbekannten Graffiti-Künstler erstellt und wächst in der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Erst am Heiligen Abend wird die Krippe durch "Einsprühen" des Christkindes komplettiert. Die Machart der Graffiti-Krippe, vor allem aber ihre prozesshafte Entstehung im öffentlichen Raum, spricht die Menschen nicht nur an; sie bringt sie auch miteinander ins Gespräch. Auch in diesem Jahr konnte mit Beginn der Arbeiten beobachtet werden, wie die ersten Fotos von der Krippe gemacht wurden: Passanten blieben stehen und mutmaßten, wie die Krippe wohl in diesem Jahr aussehen würde. Die Adventszeit wird so in einer ganz anderen Weise zu einer Zeit der Erwartung. (Die Entstehung der Krippe kann übrigens über eine Webcam beobachtet werden, die auf der Homepage www.katholische-citykirche-wuppertal.de präsentiert wird.)

... aber auch andernorts

Citypastoral begegnet den Menschen in ihrer gewohnten Lebenswelt. Eine immer mehr an Bedeutung gewinnende Kommunikationsform stellen die sogenannten neuen Medien dar. Das Internet eröffnet neue Möglichkeiten. So betreibt die Katholische Citykirche Wuppertal verschiedene Internetprojekte, die im Zuge der Mobilisierung teilweise auch als Apps für Smartphones verfügbar sind. Erwähnt seien hier nur die mystagogische Kirchenführung (www.mystagogische-kirchenfuehrung.de) oder der Weblog der Katholischen Citykirche Wuppertal "Kath 2:30" (www.kath-2-30.de), in dem Kurzvideos präsentiert werden, die Inhalte des katholischen Glaubens mit den Mitteln der Videoästhetik in der internetaffinen Form von Filmen, die etwa 2 Minuten und 30 Sekunden lang sind, darstellt. Die Zugriffszahlen auf diese Plattform steigen stetig an. Im Jahr 2011 werden über 180.000 Besucher den Weblog aufgesucht haben. Dass die Virtualität durchaus eine reale Dimension hat, wird immer dann deutlich, wenn Internetuser aufgrund des Besuches eines der Internetprojekte der Katholischen Citykirche Wuppertal auch den Kontakt in der analogen Welt suchen.

Hier stehen wir nun, wir können auch anders …

Das Wort von der "ecclesia semper reformanda", von der sich immer wieder selbst reformierenden Kirche, ist häufig zu hören. Und doch gewinnt man manchmal den Eindruck, dass sich viele, die in der Kirche Verantwortung tragen, hinter vermeintlich sicheren Traditionen verstecken. Dabei ist die Tradition selbst ein Prozess und nicht statisch. Wenn die traditio – die Überlieferung des Wortes Gottes in die Welt von heute – gelingen soll, kann die Kirche nicht immer mit den strukturellen Mitteln von gestern agieren. Aus einer "ecclesia in situ" muss wieder die "ecclesia in actu" werden. Das Wort Gottes bleibt, die Weise der Vermittlung ändert sich. Citypastorales Handeln stellt sich dieser Herausforderung in der Postmoderne. Sie nimmt die Lebensweise der Menschen ernst, die sich eben nicht mehr nur an einen Ort binden. Sie agiert in einer pluralen Gesellschaft, ohne eine eigene Parallelwelt zu erschaffen – und bleibt doch profiliert katholisch.

… wirklich!

Dass das geht, zeigt eine Begebenheit, die sich am 24.3.2010 auf dem Kerstenplatz in Wuppertal-Elberfeld ereignete: Meine Kollegin und ich hatten in dem Zelt wie so häufig einen kleinen Tisch mit einer aufgeschlagenen Bibel und einer Kerze aufgebaut. Nach einiger Zeit überquerten zwei Jugendliche, etwa 16 Jahre alt, den Platz und steuerten zielsicher auf das Zelt zu. Vor der Kerze blieben sie stehen. Der eine holte eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jacke und zündete sich eine an der Kerze an. Ich stand mittlerweile hinter ihm: "Das kostet ein Vater unser." "Das kenn ich nicht", erhielt ich zur Antwort. "Aber ich", antwortete sein Begleiter. "Na, dann weißt du, was du zu tun hast", antwortete ich. Im Weggehen hörte ich, wie der eine anfing: "Vater unser im Himmel ..."

Solche Erlebnisse machen immer wieder deutlich: Gott ist in der Stadt. Die Kirche braucht bloß hinzugehen ...

In den kommenden Monaten will der AK weitere Projekte besuchen. Bereits gestartete, in diesem Sinne "neue", zukunftsfähige Aktivitäten in Gemeinden, Verbänden und Initiativen sind zur Kontaktaufnahme eingeladen (unter dorothee.vienken@zdk.de).

 

Autor: Dr. Werner Kleine Katholische Citykirche Wuppertal, Hans-Georg Hunstig Sprecher für Pastorale Grundfragen des ZdK

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