Salzkörner

Samstag, 15. September 2012

Kirche unter Menschen im Freizeitpark

Sauerteig-Erfahrung auf einer heutigen Agora

Das ZdK will die Zeichen der Zeit in den heutigen pastoralen Bemühungen der Kirche aufgreifen. So hat der Arbeitskreis im Sachbereich "Pastorale Grundfragen" ein Projekt gestartet. Er möchte diejenigen kennenlernen, stärken, ermuntern und bekannt machen, die in ganz neuer Weise Räume schaffen, in denen Glaube und Kirche erfahren werden können. Dabei will er sich selbst voller Neugierde in einen Lernprozess begeben und solche Orte aufsuchen, an denen Menschen erreicht werden, die den herkömmlichen kirchlichen Angeboten eher fern- oder kritisch gegenüberstehen, an denen es gastfreundlich und spontan zugeht, an denen ganz unkompliziert Räume der Begegnung entstanden sind. Zuletzt besuchte er die ökumenische Seelsorge im Europa-Park in Rust.

Der Beginn

Vielleicht steht am Beginn meines Engagements die persönliche Kindheitserfahrung aus dem Schüleraustausch an Frankreichs Atlantikküste. Auf dem Campingplatz unmittelbar am Meer stand ein kleines Zirkuszelt. Am Sonntag kam der Pfarrer aus dem Nachbarstädtchen zur Campinggemeinde, zelebrierte darin eine inspirierende und bestechend urlaubsnahe Eucharistie, und anschließend gab es einen Louis de Funes-Film: Kirche war mittendrin.

Lange vor dem Start der Kirche im Europa-Park war es schon fester Brauch der Inhaberfamilie Mack, die Kirche um Gottes Segen bei neuen Fahrgeschäften oder neuen Hotels zu bitten. Es war der Familie ein Herzensanliegen, da man auf Gottes Segen nicht verzichten wollte und schon lange mit dem Zirkus- und Schaustellerseelsorger über die Einweihung neuer Fahrgeschäfte freundschaftlich verbunden war. Während die evangelische "Leuchtturmdebatte" oder die katholisch-diözesane Leitlinien-entwicklung einen pastoralen Neuansatz der Kirchen in Baden erbrachten, so war es der Park, der die Besucherinnen und Besucher zu einem Engagement der Kirchen befragte, ob dies begrüßt werden würde. Um die 80 % der Besucherschaft sahen sich selbst den christlichen Kirchen oder deren Vorstellungen nahe und begrüßten einen solchen Schritt, nur bedrängend und vereinnahmend sollten die Kirchen nicht auftreten. Dies war der Start im Spätsommer 2005 für ein durch die katholische Erzdiözese Freiburg und die evangelische Landeskirche Baden getragenes – jeweils mit einer halben Diakonenstelle dotierten – Engagement bei etwas über 4 Millionen Parkbesuchern jährlich.

Aus einem privaten Herzzentrum in Lahr wechselten wir Diakone Martin Lampeitl (ev.) und Andreas Wilhelm (kath.) nach zehn Jahren Klinikseelsorge an den Freizeitpark in Rust, die jeweils andere Hälfte wirkten wir im Kirchenbezirk (ev.) bzw. als Dekanatsreferent (kath.) und verbanden somit die neue Park- mit der jeweils bestehenden Dekanatspastoral.

"Steh‘ auf …" oder ein neues Zugehen auf
die Menschen

Der heilige Benedikt schreibt zu Beginn seiner Regel im Prolog im 5. Jahrhundert, dass wenn wir aufstehen und uns redlich mühen, Gott seinen Teil zum Gelingen dazugeben wird. Auch waren es in den zurückliegenden Jahren einige Texte, welche zum "Aufstehen" ermutigten, so etwa das päpstliche Wort "Evangelii nuntiandi", der Text der deutschen katholischen Bischöfe "Zeit der Aussaat" oder "Proposer la foi – den Glauben in heutiger Zeit anbieten" der französischen Bischöfe, auch Michael N. Ebertz pointierte mit der "Pastoral der Zwischenräume" die neue evangelisierende Pastoral. Wie erlebt ein heutiger Parkbesucher diesen neuen Aufbruch der Kirchen?

In gegenseitigen Vereinbarungen zwischen Parkleitung und den Kirchen wurden Absprachen getroffen, dass "Kirche nicht Park" und "Park nicht Kirche" werden. In gegenseitiger Abstimmung wurden Ideen entwickelt zu einem niederschwelligen, ökumenischen Engagement. So wie die norwegische Stabkirche (1992 als Mitte des nordischen Themenbereichs errichtet) ohne hohe Eingangsschwelle auch durch Rollstuhlfahrer erkundet werden kann. Die Stabkirche wurde in einer ökumenischen, deutsch-französischen Liturgie als Oratorium (vergleichbar mit Autobahnkirchen oder Schwarzwälder Bauernhof-Kapellen) eingeweiht so dass Gottesdienste und Trauungen (etwa 70 im Jahr) und deren Jubiläen in klaren kirchenrechtlichen Vorgaben gefeiert werden konnten. Während der Gottesdienste wird die benachbarte Schiffschaukel angehalten und die Stabkircheninsel für den allgemeinen Publikumsstrom gesperrt. Ansonsten entdecken viele Individualbesucher eine der drei Kapellen (eine St. Jakobuskapelle in portugiesischem Barock im Hotel Santa Isabel, einen Parador-Nachbau eines ehemaligen portugiesischen Klosters und eine im Park befindliche Marienkapelle, einer Grablege der Schlossvorbesitzer) und sind positiv überrascht, diese im Park vorzufinden. Diese Orte sind eine Einladung zum kurzen Innehalten.

Angebote für Parkbesucher, Gäste und Weggefährten

Zusammen mit einem Seminar der theologischen Fakultät Freiburg wurde ein Spurenweg nach symboldidaktischen Kriterien entwickelt, welcher vielfältigen Besuchergruppen offensteht. So haben kirchennahe Gruppen, Ministrantinnen und Ministranten oder Firmanden (im ersten Halbjahr 2012 ca. 300 FirmandInnen aus Süddeutschland, Elsass und der nahen Schweiz) einige Stationen als einen geistlichen Einstieg in den Tag der gemeinsam erlebten Freude, vor den Erfahrungen der Fahrgeschäfte oder der artistischen Show im Park.

Ziel der Besucher/-innen ist es im Park Spaß zu haben, einen Kick auf der Achterbahn zu erleben, Entdeckungen abseits des Alltags miteinander zu machen und sich von allerlei Darbietungen aber auch von einer Floristik bezaubern zu lassen, frei nach dem Motto des Europa-Park: "Erlebe Deinen Traum!" Diese Erfahrungen und gemeinsamen Erlebnisse vermögen auch transparent zu werden, bieten einen Verweis auf etwas Größeres hin. So gibt es in den kirchlich-geprägten Zeiten der Fasten- und Adventszeit im Park kleine kirchliche Oasen zu finden mit einem spezifisch-kirchlichen Angebot – unterstützt durch Ehrenamtliche – Puppenspiele im Kolonialhaus (z.B. "Streit auf der Arche"), geistliche Impulse etwa in den Kapellen laden ein zum Innehalten, aber auch zum persönlichen Gespräch. Das ausgelegte Fürbittbuch zeugt davon, dass die Besucher für den Moment "die Seele baumeln lassen" konnten. Bürden des Alltags erhalten etwas Distanz, neuer Atem und Kraft kann aufgetankt werden. Die eher zufällige Begegnung erhält im herzlichen Willkommen der Empfangenden und in der Offenheit der Besucher ihre Bedeutung und Würde, wie bei den Engeln von Mamre. Wird es möglich, Gehör mit meinem persönlichen Befinden, mit meiner Geschichte als Gast zu finden, so ist für die Beschenkten damit vielleicht ein kurzes Absetzen der Last, ja eine Steigerung des Wohlbefindens verbunden. Die Begegnung tut wohl und schenkt einen unerwarteten, tieferen Sinn. Gehör wirklich gefunden zu haben beglückt.

Schon vor Hape Kerkeling war der Jakobsweg zu einem roten Faden geworden, nicht allein durch die jährlichen Muschel-Veranstaltungen. Sich auf den gemeinsamen Weg machen: Wer hätte geahnt, dass sich die Parkinhaber auf die Kultur des Pilgerweges einlassen? Sich begeistern lassen für diese Idee, Kirche unter die Menschen auch im Freizeitpark zu bringen, sich aufzumachen und neu einzulassen in diese Welt und sich unter die Menschen zu mischen mit Gottes Botschaft im Herzen, dem Vertrauen auf den aufgehenden Sauerteig: dies dank auch der stetig zu überprüfenden Qualitätsmerkmale der Erkennbarkeit, Plausibilität nach innen und außen, der Konzeptionsklarheit, aber auch der guten Kommunikation und dem guten, unterscheidenden Blick auf den Kairos.

Unser Symbol oder Give away der Kirche im Europa-Park ist eine Schale mit einem Riss aus Taizé. Nirgends gibt es diese zu kaufen, sie ist einmalig und unverwechselbar, wie die Begegnungen der Menschen an einem Tag im Park. Die Schale hat Verweischarakter. Etwa auf das Paradies, denn dort erwarten wir, dass es keine irdischen Risse mehr gibt. Die klare Botschaft daraus ist, wie damals an Paulus, aufzustehen und auf den Marktplatz unter die Menschen zu gehen und von Gott zu erzählen. Dies bedarf keiner Aufdringlichkeit, keiner Vereinnahmung und begeistert doch viele Menschen!

 

 

 

Autor: Andreas Wilhelm Diakon und Seelsorger im Europa-Park, Rust

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