Salzkörner

Freitag, 30. Juni 2017

Kirchenleitung synodal

Das Rottenburger Modell

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die alte kirchliche Tradition der Kollegialität erneuert und das enge Zusammenwirken von Bischöfen, Priestern und Laien in den Angelegenheiten der Kirche empfohlen (vgl. Christus dominus 16). Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) legte nach dem Konzil eine Mustersatzung für ein neues Rätesystem in den Diözesen vor, die zwei Gremien für die Kirchengemeinden vorsah: eines für die Pastoral und eines für die Finanzen. Dieses Modell wurde in den meisten Diözesen Deutschland umgesetzt. Die Mustersatzung des ZdK wurde auch in der Diözese Rottenburg auf allen Ebenen eingehend diskutiert, man entschied sich am Ende aber für jeweils ein einziges Gremium auf den Ebenen Kirchengemeinde, Dekanat und Diözese unter Vorsitz des Pfarrers, Dekans, Bischofs. Dieses sollte sämtliche Angelegenheiten gemeinsam beraten. Der Münchner Kirchenrechtler Prof. Klaus Mörsdorf hat dafür die Bezeichnung "Rottenburger Modell" gewählt und geurteilt, dass diese Räte- und Leitungsstruktur den Intentionen des Konzils von allen ihm weltweit bekannten Modellen am nächsten stehe. Es wurde von Bischof Carl Josef Leiprecht 1968 in Kraft gesetzt und 1974 von der Kleruskongregation gebilligt.

Hinsichtlich des Diözesanrats war es Bischof Leiprecht ein besonderes Anliegen, dass dessen Zusammensetzung "die Diözesanen in allen geforderten Differenzierungen sowohl gebietsmäßig als auch in sozialer und beruflicher Hinsicht" repräsentiert. Folgerichtig sind zum einen die ehrenamtlichen Gemeindemitglieder (Dekanatsvertreter) zahlenmäßig am stärksten vertreten und ist zum andern der Priesterrat als Ganzer auch Teil des Diözesanrats.

Durch das Rottenburger Modell sollte das Anliegen des Konzilsdekrets über das Laienapostolat umgesetzt werden, "den Geist der Einheit zu fördern, im ganzen Apostolat der Kirche die brüderliche Liebe aufleuchten zu lassen, die gemeinsamen Ziele zu erreichen und verderbliche Eifersüchteleien zu vermeiden" (Apostolicam actuositatem 23), also aufreibende Konkurrenzen zwischen Finanz- und Pastoralverantwortlichen oder zwischen Priesterrat und Diözesanrat. Darüber hinaus sollten staatskirchenrechtliche Gegebenheiten des Landes Baden-Württemberg berücksichtigt werden, die für die Erhebung und Verwendung der Kirchensteuer gewählte Gremien auf den drei Ebenen Kirchengemeinde, Dekanat und Diözese fordern.

Der Kirchengemeinderat, der Dekanatsrat und der Diözesanrat sind auf ihrer Ebene jeweils Pastoralrat, Katholikenrat und Kirchensteuervertretung. Sie beraten damit den Pfarrer, Dekan, Bischof in pastoralen Fragen, vertreten die ca. 1,8 Mio. Katholiken in der Öffentlichkeit und gegenüber der Kirchenleitung und beschließen den Haushalt – letzteres ggf. auch gegen das Votum des jeweiligen Vorsitzenden. Die Kirchengemeindeordnung der Diözese Rottenburg-Stuttgart bestimmt in § 1: "Der Pfarrer … leitet die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Kirchengemeinderat." Die Diözesanratssatzung legt in § 1 fest: Der Diözesanrat "dient in gemeinsamer Verantwortung mit dem Bischof und seinen Mitarbeitern im Bischöflichen Ordinariat der Erfüllung des Heilsauftrags der Kirche in der Diözese".

Vorteile des synodalen Modells

Finanzielle Entscheidungen im Diözesanrat folgen grundsätzlich den pastoralen und inhaltlichen Schwerpunkten, die vorher gemeinsam festgelegt werden. Dabei beraten die Hauptabteilungen der bischöflichen Verwaltung den Diözesanrat wiederum in Sachfragen, andere Fachleute können zu den Beratungen hinzugezogen werden. Es werden pastorale Prioritäten wie "Familie" oder "Weitergabe des Glaubens an die folgende Generation" vor der Arbeit am Haushalt festgelegt; diese sind dann Vorgabe bei der Erstellung der Budgets der Hauptabteilungen und werden bei den Haushaltsberatungen im Finanzausschuss und im Plenum als Messlatte verwendet.

Vorteile des synodalen Modells mit einem gemeinsamen Gremium auf jeder Ebene sind die durchgehende Kommunikation aller wesentlichen Akteure und Entscheider mit den Komponenten Verstehen, Abstimmen, Kritisieren, Verantworten, Kontrollieren, Rechenschaft geben usw. Die Kirche tritt in der Gesellschaft in der Mehrzahl der Themen als starker und einheitlicher Akteur mit einer gemeinsamen Stimme auf. Bestehende Meinungsunterschiede kommen laufend im Gremium zur Sprache und verhindern Illusionen über bestehende Machtverhältnisse; insgesamt entwickeln sich Auffassungen im Zeitverlauf tendenziell konvergent.

Strukturen und Arbeitsweisen des Diözesanrats

Der Diözesanrat setzt sich wie folgt zusammen:

Stimmberechtigt:

53 gewählte Vertreter/innen aus den Dekanaten ("Laien")

23 gewählte Mitglieder des Priesterrats

18 Vertreter/innen kirchlicher Gruppen und Organisationen

Bis zu 4 vom Bischof berufene Personen

Bischof und Generalvikar

Beratend:

Geschäftsführer/in des Diözesanrats

15 Abteilungsleitungen/Führungskräfte der Bischöflichen Kurie

ca. 8 weitere Personen

Der Diözesanrat trifft sich drei- bis viermal jährlich zu anderthalbtägigen Plenarsitzungen (Freitagmittag bis Samstagnachmittag), ggf. auch zu Studientagen u. a. Zu Beginn der fünfjährigen Amtsperiode wählt er ein Präsidium und einen Geschäftsführenden Ausschuss, der auf der Basis der bestehenden Beschlüsse den Diözesanrat zwischen den Sitzungen vertritt und diese zusammen mit der Geschäftsstelle vor- und nachbereitet, sowie einen Finanzausschuss (mit Unterausschuss Rechnungsprüfung). Obligatorisch sind mittlerweile auch ein Bauausschuss und ein Pastoralausschuss. Gegenwärtig bestehen sechs weitere Ausschüsse für Nachhaltigkeit, Bildung, Familie, Eine Welt, Europa und Soziale Gerechtigkeit, die häufig Vorlagen für das Plenum erarbeiten.

Als Pastoralrat berät der Diözesanrat den Bischof, die bischöfliche Verwaltung sowie alle Akteure der Diözese bei pastoralen Vorhaben (Rottenburger Gemeindeerneuerung, Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten, Kindergartenplan, Kommission sexueller Missbrauch u. a.) und bringt eigene Projekte auf den Weg (INkonzept zur finanziellen Förderung des vernetzten Ehrenamts u. a.).

Als Kirchensteuervertretung beschließt der Diözesanrat den Kirchensteuerhebesatz, die Verteilung der Kirchensteuer (auf die Kirchengemeinden, den Verband der Diözesen, den Diözesanhaushalt usw.) und schließlich den gesamten Diözesanhaushalt. Er beauftragt die Prüfung der Jahresrechnung, stellt die Jahresrechnung fest und beschließt über die Verwendung des Jahresüberschusses.

Transparenz und Vertrauen

Als Katholikenrat positioniert sich der Diözesanrat in der Gesellschaft (Postkartenaktion Alleinerziehende, Aktion Erlassjahr, TTIP, Sterbehilfe, Populismus u. a.) und in der Kirche (Beitritt zum Netzwerk Diakonat der Frau, Beiträge zur Familiensynode, zu konfessionsverbindenden Ehen, zu wiederverheirateten Geschiedenen u. a.).

Daneben entsendet der Diözesanrat Vertretungen in diözesane und überdiözesane Gremien, Einrichtungen und Stiftungen.

Die intensiven Beratungsprozesse binden umfassende Sachkompetenz in die Entscheidungen ein, verbinden die Basis in den Gemeinden und Organisationen mit der Diözesanleitung, schaffen Transparenz und Vertrauen und sichern seit Bestehen des Diözesanrats ausgeglichene Haushalte.

Bischof Gebhard Fürst nannte das Rottenburger Modell unlängst "ein echtes Original, wie geschaffen für die gegenwärtige Zeit und Situation unserer Kirche" und bescheinigte ihm anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Diözesanrats eine "Geschichte des Vertrauens und des respektvollen Umgehens miteinander von Kirchenleitung und Kirchenbasis".

Fazit

Das Rottenburger Modell ist in der katholischen Kirche weltweit einzigartig und erfreut sich innerhalb der Diözese großer Zustimmung. Die Sitzungen sind jeweils öffentlich. Wer einmal einen unverstellten Blick auf die Beratungen richten möchte, ist herzlich eingeladen.

 

Weitere Informationen finden sich unter

http://raete.drs.de

 

 

 

 

Autor: Maria Berger-Senn Studiendirektorin Paul Magino Dekan von Esslingen-Nürtingen

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