Salzkörner

Donnerstag, 28. April 2016

Kolumbien sucht Frieden

Politik und Kirche arbeiten eng zusammen

Ob es nach 50 Jahren Kriege und Gewalt in Kolumbien zu einem Friedensvertrag zwischen Regierung und Guerilla kommt, bleibt zu hoffen. Groß sind die Erwartungen gegenüber der katholischen Kirche Kolumbiens, die das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit der Aktion "Frieden jetzt!" langfristig unterstützt.

Am 23. März dieses Jahres sollte nach fünfzig Jahren Gewalt und Krieg endlich ein Friedensvertrag von der kolumbianischen Regierung und der FARC, der größten Rebellengruppe des Landes, unterschrieben werden. Doch der Termin ist nach dreijährigen Verhandlungen in der kubanischen Hauptstadt Havanna verstrichen. Zudem scheint der Rückhalt in der Bevölkerung für eine Politik der Verständigung zu schwinden. In den kolumbianischen Städten, wo die Menschen von den Kämpfen kaum betroffen sind, kommt es zu Protesten gegen den Friedenskurs von Präsident Juan Manuel Santos. Zehntausende Menschen sind Anfang April allein in Bogotá auf die Straße gegangen. Ihr Vorwurf: "Präsident Santos verscherbelt unser Land an die FARC!"

Monika Lauer Perez, Kolumbien-Referentin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, berichtet: "Die Erwartung, dass mit den Friedensverhandlungen die Gewalt deutlich abnimmt, ist keineswegs flächendeckend in Erfüllung gegangen." Ein wichtiger Grund dafür: Ziehen sich die Guerilleros der FARC zurück, ist es häufig nicht der Staat, der dort wieder das Gewaltmonopol erlangt. Vielmehr nutzen paramilitärische Gruppen das entstehende Machtvakuum. "Unsere Projektpartner in den Bundesstaaten entlang der Pazifikküste berichten von einem Clan, der mit seinen Gewalttaten die Bevölkerung massiv bedroht", so Monika Lauer Perez.

Gewalttätiger Raubzug

Entstanden sind die Paramilitärs zumindest mit Duldung der Vorgänger-Regierungen. In den 1990er-Jahren war jedes Mittel recht, um gegen die Guerillas vorzugehen. Heute steht man vor dem Problem, dass sich einzelne Gruppen längst verselbstständigt haben. "Die Entwaffnung der Paramilitärs 2006 muss man als gescheitert bezeichnen", ist Monika Lauer Perez überzeugt. Nach wie vor gibt es zahlreiche Gruppen, die auf eigene Rechnung im Drogenhandel und illegalen Bergbau ihre Geschäfte machen und die Zivilbevölkerung tyrannisieren.

Ähnliches gilt auch für Teile der Guerilla. Und das könnte den Friedensprozess unabhängig von allen Verhandlungsergebnissen in Havanna in Gefahr bringen. Denn selbst wenn die Führung der FARC den Friedensvertrag unterschreibt, und selbst wenn sie sich bereit erklärt, die Waffen abzugeben, ist keineswegs gesichert, dass alle Comandantes in den weiten, unzugänglichen Berg-, Küsten- und Regenwaldregionen diesem Beschluss folgen. Aus dem ursprünglich ideologisch begründeten Kampf gegen den kapitalistischen, von Großgrundbesitzern und vom Militär beherrschten Staat ist überwiegend ein gewalttätiger Raubzug geworden, dem mehrheitlich unbeteiligte Zivilisten der ländlichen Regionen zum Opfer fallen.

Massive Gegensätze

Berichte über die gute Zusammenarbeit von FARC-Gruppen mit den großen Drogen-Kartellen Mexikos zeigen: Ein großes Geschäft ist heute der Handel mit Kokain. In Havanna haben Regierung und FARC bei den Friedensverhandlungen bereits ein Ende des Coca-Anbaus festgeschrieben. "Die Landarbeiter leben aber von der Coca", wendet Bischof Omar Alberto Sánchez Cubillos ein. Deshalb bietet er den Kleinbauern in den unzugänglichen Dörfern seines Bistums Tibu an der Grenze zu Venezuela Hilfe beim Anbau anderer landwirtschaftlicher Produkte an. "Denn ohne konkrete, umsetzbare Alternativen werden die Bauern hier nicht verstehen, dass sie die Coca-Pflanzen ausreißen sollen." Bischof Sánchez hat hunderte Ideen: In der fruchtbaren Gegend gedeihen Kakao, Ananas und andere Früchte. Es gibt aber auch Projekte, die auf Öl- oder Kautschuk-Produktion setzen. "Wir haben in unserem Bistum mit der Unterstützung kirchlicher Hilfswerke, wie zum Beispiel 'Adveniat' und 'Misereor', bereits alternative Landwirtschaftsprojekte gestartet", erzählt Sánchez.

In den Städten ist die Überwindung der massiven Ungleichheit Voraussetzung für einen wirklichen Frieden. "In einer touristisch geprägten Stadt wie Cartagena haben die einen alles und die anderen nichts", erklärt der entschiedene Menschenrechts- und Friedensarbeiter Pater Rafael Castillo. Dieser Gegensatz führe zu einer alltäglichen Kriminalität, die mehr Opfer fordert als der Krieg zwischen dem Militär und den Rebellen. "Für einen wirklichen Frieden müssen die Kräfte, die noch im Kampf mit den Rebellen gebunden sind, für den Aufbau eines besseren Wohlfahrtssystems genutzt werden, damit alle Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung haben", ist Pater Rafael Castillo überzeugt.

Unterstützung aus Deutschland

Damit es dazu kommen kann, dafür ist der Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC die Voraussetzung. Obwohl die Hoffnungen aktuell einen Dämpfer bekommen haben, die Chance, dass es zu einer Unterschrift kommt, besteht weiterhin. Doch die als Zielpunkt der seit Jahren dauernden Friedensverhandlungen gehandelte Unterschrift unter dem Vertrag ist in Wahrheit nur ein weiterer Anfang. "Was geschieht mit denen, die jetzt die Waffen niederlegen? Welche Antworten gibt man den Opfern? Wie schafft man Möglichkeiten der politischen Teilhabe?" Diese Fragen stellte Pater Darío Echeverri, der Leiter der vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützten Nationalen Versöhnungskommission bereits bei seinem Deutschlandbesuch im vergangenen Dezember. Aktiv ist er an den Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC beteiligt. Echeverri ist überzeugt: "Wenn wir auf diese Fragen keine Antworten finden, besteht die Gefahr, dass das Land nach Havanna geteilter ist als zuvor. Und dann war Havanna umsonst."

Damit Havanna zum Beginn eines wirklichen Friedensprozesses wird, braucht es weiterhin die Unterstützung aus Deutschland. Deshalb hat sich Adveniat entschieden, seine Weihnachtsaktion 2015 "Frieden jetzt! Gerechtigkeit schafft Zukunft" zu einer dauerhaften Unterstützungskampagne auszuweiten. Auf politischer Ebene hat der Sonderbeauftragte des Außenministeriums für den kolumbianischen Friedensprozess, Tom Koenigs, mit seiner Überlegung zu einem Friedensunterstützungsplan den Willen, Verantwortung zu übernehmen, deutlich bekundet. "Es ist notwendig, diesen vielseitigen Prozess zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Gruppen auch auf der Regierungsebene zu unterstützen, damit er keine Eintagsfliege bleibt", führte der Grünen-Abgeordnete Koenigs seinen Vorschlag bei einem Treffen mit Dario Echeverri aus. Der deutsch-kolumbianische Austausch wird auch auf dem 100. Katholikentag in Leipzig fortgesetzt, wenn der Leiter der Nationalen Versöhnungskommission von seinen neuesten Erfahrungen berichten wird.

Politik und Kirche

Dass Politik und Kirche so eng zusammenarbeiten, ist kein Zufall. Denn Kolumbiens Kirche hat sich mit ihrer Nationalen Versöhnungskommission seit Jahrzehnten als Anwältin der Opfer und als glaubwürdige Vermittlerin zwischen Staat und Rebellen hervorgetan. Das zeigt sich auch daran, dass die zweite große Rebellenbewegung des Landes, die ELN, bei der Kirche anfragte, ob sie Friedensverhandlungen mit der Regierung begleiten könnte. Im Juni sollen die Verhandlungen zwischen ELN und Regierung in Ecuador offiziell starten.

In den Vorverhandlungen haben sich beide Seiten bereits auf gemeinsame Ziele geeinigt: Die Gesellschaft soll am Aufbau des Friedens beteiligt werden. Um den Frieden nachhaltig zu fördern, müssten in einem zweiten Schritt, demokratische Strukturen ausgebaut und etabliert werden. Beide Seiten wollen mit eigenen Programmen Armut, soziale Ausgrenzung, Korruption, Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheit überwinden. Weiterhin sollen Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung den Umgang mit den Opfern leiten. Auf die Beendigung der bewaffneten Auseinandersetzung soll dann die Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen folgen. Unter internationalen Beobachtern ist man sich einig: Die Verhandlungen mit der ELN werden länger und schwieriger als die mit der FARC. Die Einigung auf die gemeinsame Verhandlungs-Agenda macht jedoch Mut, den Prozess gegen alle Widerstände zu unterstützen, damit "Frieden jetzt!" in Kolumbien Wirklichkeit wird.

 

 

 

 

Autor: Stephan Jentgens Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat

zurück zur Übersicht