Salzkörner

Samstag, 31. Oktober 2015

Kultur ist nicht das Sahnehäubchen

Kunst und Kultur sind vielmehr die Hefe im Teig unserer Gesellschaft.

Kunst und Kultur sind treibende Kraft, damit sich der Mensch die Welt zu eigen machen kann. Und gerade diese Kraft benötigen wir derzeit ganz besonders. Denn die Welt ist bei uns zu Gast. Vor unserer Haustür, in unserer Mitte, in ihrer ganzen Vielfalt. Und sie ist nicht nur Gast, sondern dauerhafter Bestandteil unserer Gesellschaft.

Wirkkraft von Kunst und Kultur

Oft erscheint uns diese neue, andere Welt noch fremd und ungewohnt. Manchmal gar beängstigend. Doch die Künste geben uns die Mittel an die Hand, diese Welt für uns zu erobern. Und uns dabei gleichzeitig auch selbst darin zu verorten. Denn Kunst und Kultur besitzen den einzigartigen Vorteil, dass sie über eine universelle Sprache verfügen, die identitätsstiftend und Werte vermittelnd ist, egal woher der Einzelne kommen mag. In dieser Weltsprache können Bedürfnisse und Wünsche artikuliert, Erfahrungen reflektiert und Leben in neuen Zusammenhängen gedacht werden. Diese Wirkkraft verhilft dem Einzelnen, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren und sich in die Gesellschaft zu sozialisieren. Denn als Schnittstelle zwischen Bildung, Sozialem und Kultur bildet das Kulturkapital eine ganzheitliche, von gemeinsamen Visionen geprägte Grundlage für Werte, Verständnis, aber auch für Veränderung, Grundvoraussetzung für ein gelingendes Miteinander in einer demokratisch geprägten Zivilgesellschaft. Und für eine humane Sozialpolitik, der wir uns als Christinnen und Christen in besonderem Maße verpflichtet fühlen.

Soziale Dimension

Kulturpolitik muss daher immer auch im sozialen Kontext gesehen werden und für alle Menschen in Form von kultureller Bildung und Teilhabe als Grundrecht gesichert sein. Gerade für sozial und ökonomisch randständige gesellschaftliche Gruppen hat die soziale Wirkkraft von Kunst und Kultur eine zukunftsbildende Katalysatorfunktion. Um die Chancen des Einzelnen zur Selbstfindung und gesellschaftlichen Teilhabe zu erhöhen und sie für neue gesellschaftliche Herausforderungen zu qualifizieren – unabhängig davon, aus welcher sozialen Gruppe oder welchem kulturellen Milieu sie stammen. Kunst- und Kulturvermittlung übernehmen eine wichtige Funktion im Kampf gegen Ausgrenzung und soziale Diffusion. Deshalb braucht unsere Gesellschaft, brauchen wir, eine bezahlbare, niederschwellige kulturelle Infrastruktur für alle Menschen von Anfang an, basierend auf einem weiten Kulturverständnis – um bildungsbenachteiligte Kinder- und Jugendliche zu erreichen, aber auch die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Gerade diese oftmals jungen Asylsuchenden benötigen nicht nur eine materielle Versorgung, sondern auch eine kulturelle. Insofern braucht es mehr denn je besonderer Anstrengungen der interkulturellen Öffnung und des Dialogs, um die Vielfalt der Kulturen im Einwanderungsland Deutschland weiter zu fördern und einer Klassen-Gesellschaft entgegen zu wirken.

Soziale Spaltung

Diese Gefahr ist virulent. Die OECD-Berichte bestätigen jedes Jahr aufs Neue, dass in keinem anderen Land die Schere zwischen Arm und Reich schneller auseinandergeht als in Deutschland. Das hat zur Folge, dass sich die Kluft vergrößert zwischen denjenigen, denen die Welt
offensteht und jenen, denen Zugänge zu Bildung, Arbeit und kultureller Teilhabe verschlossen bleiben. Was kulturelle Bildung nicht kann, ist gesellschaftliche Ungleichheiten aufzuheben. Sie vermag aber, gesellschaftliche Verhältnisse zu transzendieren und eine eigene Kraft zu Innovation und Utopie zu entwickeln. Vor allem, weil der Mensch nicht als Problem, sondern als potentielle und konkrete Bereicherung gesehen wird. Und so integrieren Kulturschaffende häufig sozialpolitische Fragestellungen in den Kunstdiskurs und lassen mit künstlerischem Eigensinn neue Fragen und neue Antworten zu. Sie nehmen kritisch Stellung gegenüber einer Gesellschaft, in der eine soziale Schieflage aufgrund einer in großen Teilen neoliberal geprägten Politik offenbar wird und sprechen sich aus gegen eine zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Öffentliche Kulturförderung

Diese kreative Initialzündung für gesellschaftliche Prozesse zu gestalten ist für die Kulturakteure überlebenswichtig, da sie sich zunehmend mit ihrem gesellschaftlichen Nutzen legitimieren müssen. Die Finanznot der öffentlichen Haushalte sowie gleichzeitig steigende Sozialausgaben führen dazu, dass gerade Kulturausgaben als sogenannte freiwillige Leistung zunehmend unter Druck geraten und erhebliche Kürzungen erfahren. Unterfinanzierung oder Schließung von Einrichtungen, Personalabbau und Privatisierungen gefährden aber die Vielfalt und den Zugang zur kulturellen Szene. Die soziale Verantwortung des Staates zeigt sich auch darin, Chancen zur Teilhabe an Kunst und Kultur für alle Menschen offenzuhalten. Der Zugang zur Kultur darf nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Dies muss durch eine ausreichende öffentliche Finanzierung sichergestellt werden. Vor allem dürfen die Ausgaben für die menschenwürdige Versorgung der Asylsuchenden im Sozialbereich nicht gegen die Aufwendungen für die kulturelle Versorgung gegeneinander aufgerechnet, sondern als sich bedingende Ressourcen verstanden werden.

Rolle der Kirche

Wir brauchen aber nicht nur eine ausreichende gesicherte Förderung von Kunst und Kultur, sondern auch die Bereitstellung von Mitteln und Räumen, die künstlerische Arbeit im sozialen Kontext ermöglicht und zugleich Künstlern und Kulturschaffenden den nötigen Freiraum für ihre schöpferische Arbeit lässt. Hier muss die Kirche verantwortlich Position beziehen, indem sie eine Vorreiterrolle als faire Förderin in der Kunst und Kultur übernimmt. Und gleichzeitig ihrer sozialpolitischen Verantwortung gerecht wird – als Ermöglicherin für integrative Kulturprojekte und als Anwältin der Kunst- und Kulturschaffenden, die sich zunehmend zwischen unabhängiger Schaffenskraft und der Notwendigkeit, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, befinden.

Kreatives Prekariat

Besonders für freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die zumeist auf öffentliche Förderung bzw. auf Engagements in öffentlichen Kultureinrichtungen angewiesen sind, zahlt sich die Kreativtätigkeit oftmals nicht aus. Im Gegenteil. Sie sind in der ernüchternden Realität der atypischen Arbeitsverhältnisse angekommen. Zu oft wird Kulturarbeit auf Honorar-, Werkvertragsbasis – häufig unter Mindestlohn – oder gänzlich unbezahlt geleistet. Vertragliche Freiräume, die eigentlich aus künstlerischen Gründen eingeräumt wurden, werden im Zuge von Sparmaßnahmen als Rationalisierungspotential genutzt. Mit der Folge, dass viele Schutzrechte und Absicherungen verloren gehen und Kulturarbeiter in der Pflicht sind, selbst Vorsorge zu leisten, was aufgrund der niedrigen Einkommen trotz Mehrfachbeschäftigungen kaum zu leisten ist.

Transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP)

Aktuell aber wird unser System der Kulturförderung noch von ganz anderer Seite in Frage gestellt. Das gegenwärtig verhandelte Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA bedroht die Kulturförderung unseres Landes auf ganz grundsätzliche Art. Denn das europäische System der Kultursubventionierung wirke angeblich marktverzerrend. Kultur und ihre Förderung dürfen jedoch nicht noch weiter aufs rein Ökonomische reduziert werden. Auch wenn eine Generalklausel für die Kultur in die Präambel des Abkommens aufgenommen oder eine kulturelle Ausnahme gemacht würde – das System der Kulturförderung und somit besonders die Kommunen, die die kulturelle Grundversorgung leisten, stünden in jedem Fall vor großem Rechtfertigungsdruck. Wieder einmal müsste definiert werden, was als Kultur gilt und was aber nicht, warum Kultur nicht als reine Ware behandelt werden kann.

Kunst und Kultur sind unverzichtbare Ressourcen für die Freiheit und Entwicklung unserer pluralistischen Gesellschaft. Denn: "Ob Poesie, ob Malerei, ob Film, Musik, Theater oder Tanz: Kunst kann gemeinsame Sprache sein, wo unterschiedliche Begriffe Missverständnisse verursachen. Kunst kann gemeinsame Erfahrung bescheren, wo unterschiedliche Herkunft ab- und ausgrenzt. Kunst kann uns helfen zu verstehen, was uns ausmacht, wer wir sind". Kunst und Kultur sind eben nicht das Sahnehäubchen, sondern die Hefe im Teig unserer Gesellschaft.

 

 

 

 

Autor: Regina-Dolores Stieler-Hinz Beigeordnete für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit der Stadt Minden

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