Salzkörner

Mittwoch, 30. April 2014

Leben bis zuletzt

Krankheit und Sterben können dem Menschen die Würde nicht nehmen.

Seit Bundesgesundheitsminister Gröhe im Januar angekündigt hat, sich für ein Verbot geschäftsmäßiger Hilfe zur Selbsttötung einzusetzen, wird in Deutschland wieder über den Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden diskutiert. Das ZdK fordert als wirksamste und einzig mögliche Antwort auf die Ängste der Menschen den konsequenten Ausbau einer flächendeckenden und differenzierten palliativen und hospizlichen Versorgungsstruktur. Dr. Gloria Behrens, Mitglied des ZdK, unterstreicht diese Forderung aus ihrer Erfahrung als Ärztin auf einer Palliativstation.

"Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Auf der Palliativstation habe ich gelernt, dass es ein Leben vor dem Tod gibt und dass es gilt, dieses zu leben." So schrieb ein 60-jähriger Patient in das Gästebuch unserer Palliativstation. Seit er erfahren hatte, dass seine Krankheit unheilbar sei, kreisten seine Gedanken fast ausschließlich um das Thema Sterben: "Wie lange noch? Und wie schlimm wird es?"

Diese Fragen beschäftigen fast alle Schwerkranken. So erdrückend sind diese Gedanken, dass die Betroffenen oft keinerlei Perspektiven für ihr Leben mehr sehen. Ein gutes Leben trotz schwerer Krankheit und ihre Folgen? Das geht doch gar nicht!

So denken wohl viele Menschen. Kaum jemand hat sich mit der Endlichkeit des eigenen Lebens beschäftigt oder ist gar darauf vorbereitet, bald zu sterben. Mit der Diagnose einer lebensbedrohenden Erkrankung "klopft der Tod an die Tür" und die Angst vor großem Leid und qualvollem Sterben steht den Betroffenen unmittelbar vor Augen. Nun werden alle Kräfte mobilisiert, um wieder gesund zu werden. Was aber, wenn die Gesundheit nicht wiederherstellbar ist? Trotz krankheitsbedingter Einschränkungen noch ein zufriedenstellendes, gar erfülltes Leben? Kann es das geben? Kaum vorstellbar. Aufgeben, lieber gleich tot zu sein scheint besser als sich den Zumutungen einer so schrecklichen Krankheit zu stellen.

Lebensqualität im Focus

Hier haben Hospizbewegung und Palliativmedizin in den letzten Jahren neue Wege beschritten und alte wieder entdeckt. Wenn eine kurative Therapie die Gesundheit nicht wiederherstellen kann, ändert sich das Therapieziel. Jetzt stehen die Linderung belastender Symptome und bestmögliche Lebensqualität im Fokus. Unerträgliche Schmerzen und andere körperliche Symptome wie Luftnot und Übelkeit, vor denen die meisten große Angst haben, lassen sich heute gut therapieren, eine Voraussetzung für eine gute Lebensqualität.

Schwerkranke und ihre Angehörigen plagen aber auch andere Sorgen. Die lebensbedrohende Krankheit durchkreuzt die Lebenspläne. Das Leben muss neu geordnet werden. Was ist wichtig, wenn nur noch wenig Zeit bleibt? Was sollte noch geregelt werden? Es gilt herauszufinden, was unter den veränderten Bedingungen möglich ist. Viele entdecken eine neue Freude an den kleinen Dingen des Alltags. Sie machen Erfahrungen, die sie als Gesunde so nicht machen würden. Eine schwere Krankheit bringt Familien und Freunde oft noch einmal besonders eng zusammen und viele erleben eine intensive Nähe. Im Angesicht des Todes fällt es vielen Menschen leichter, offen miteinander zu sprechen und ihre Liebe und gegenseitige Wertschätzung auszudrücken. Manche sind in dieser Zeit aber auch besonders sprachlos und brauchen professionelle Unterstützung, um die verbleibende Zeit miteinander gut zu nutzen.

Sich um Angehörige kümmern

Hospizbewegung und Palliativmedizin sehen es als ihre ausdrückliche Aufgabe an, sich nicht nur um die Kranken, sondern auch um deren Angehörige zu kümmern. Der Wunsch Schwerkranker, zu Hause zu bleiben, lässt sich in der Regel nur mit Hilfe von Angehörigen und Freunden realisieren. Viele Angehörige trauen sich zu Recht die Versorgung eines Schwerkranken zu Hause erst zu, nachdem sie ausführlich darüber informiert wurden, was auf sie zukommt und wie sie durch professionelle Hilfe bei der Versorgung unterstützt werden können. Hausärzte, Pflegedienste, ambulante Palliativteams und ehrenamtliche Hospizhelfer bilden ein unterstützendes Netzwerk, mit dem viele Kranke wie gewünscht zu Hause bleiben und dort auch sterben können.

In Würde leben können

Oft sind die Symptome der Krankheit aber so schwerwiegend, dass ein Verbleib zu Hause nicht möglich ist. Auch wer keine Angehörigen hat, die sich kümmern können, ist als Schwerkranker auf stationäre Einrichtungen angewiesen. Auf unserer Palliativstation sehen wir schon heute viele hochbetagte Menschen, deren Kinder nicht mehr am Wohnort der Eltern leben oder bereits selbst krank und gebrechlich sind. Bei steigender Lebenserwartung wird auch die Zahl derer steigen, die im Alter und bei Krankheit nicht mehr mit der Hilfe ihrer Familie rechnen können. Eine Debatte darüber, wie unsere Gesellschaft dann mit ihren Alten und Kranken umgehen will, ist dringend geboten. Auch wenn in den letzten Jahren der Ausbau hospizlicher und palliativer Versorgung in Deutschland deutliche Fortschritte gemacht hat, haben Kranke noch nicht überall Zugang dazu. Die Gesundheitspolitik muss die Rahmenbedingungen schaffen, dass schwerkranke Menschen in Würde leben können.

Palliativstationen sind Orte, an denen Schwerkranke sowohl Linderung ihrer körperlichen Leiden erfahren als auch Ruhe finden, sich mit ihrer Erkrankung und deren Folgen auseinanderzusetzen. Hier lassen sich Menschen verschiedener Berufsgruppen, Ärzte und Pflegende, Psychologen, Physiotherapeuten, Musik- und Kunsttherapeuten, Sozialarbeiter und Seelsorger, auf die Kranken und ihre Angehörigen ein und nehmen sich Zeit, deren Bedürfnisse wahrzunehmen. Sie schauen dabei weniger auf die Defizite, die die Krankheit mit sich bringt, sondern auf die Ressourcen der Patienten: Da geht noch was! Die Kranken und ihre Angehörigen werden mit ihren Problemen nicht allein gelassen sondern erfahren Trost und Zuspruch. Dennoch ist es wichtig, auch die Defizite ehrlich zu benennen, um sinnvolle Hilfsangebote machen zu können.

Die Würde des Menschen ist aber unabhängig von seinen körperlichen Fähigkeiten

Als besonders gefürchtetes Symptom einer schweren Krankheit wird immer zuerst unerträglicher Schmerz genannt. Für viele Schwerkranke ist jedoch ein anderes Symptom viel schlimmer, mit dem die meisten vorher nicht gerechnet haben: Eine anhaltende Schwäche und Kraftlosigkeit, die sie zwingt, Hilfe von Angehörigen oder professionellen Pflegekräften anzunehmen. Darauf ist niemand vorbereitet und viele können dies auch nur schwer ertragen. Die Menschen unserer Zeit sind es gewohnt, selbstbestimmt und unabhängig zu leben. Sie wollen niemandem zur Last fallen und nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein. Die Angewiesenheit auf fremde Hilfe bedeutet abhängig sein, nicht mehr die volle Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Viele schämen sich, wenn andere sie schwach und hilflos erleben und bezeichnen dies als würdelos. Dieser vermeintliche Verlust der Würde wird gerne als Argument für aktive Sterbehilfe oder Beihilfe zum selbstbestimmten Suizid vorgebracht. Die Würde des Menschen ist aber unabhängig von seinen körperlichen Fähigkeiten. Krankheit und Sterben können dem Menschen die Würde nicht nehmen.

Leben darf nicht vorzeitig beendet werden

Der beschönigende Begriff "Sterbehilfe" verschleiert, dass es sich in Wahrheit um die Tötung kranker Menschen handelt. Ist es menschenwürdig, getötet zu werden oder Hilfe bei der Selbsttötung zu erhalten, wenn der Körper nicht mehr wie gewünscht funktioniert? Entspricht es nicht eher dem Grundsatz der Menschenwürde, Sterbenskranken bei der Bewältigung der krankheitsbedingten Symptome und Probleme zu helfen, ihnen Trost zu spenden und sie nicht alleine zu lassen?

Ärzte sind durch ihr Berufsethos verpflichtet, Leben zu schützen und Kranke zu heilen. Wenn Heilung nicht mehr möglich ist, gilt es Schmerzen zu lindern und Sterbende zu begleiten. Das Töten von Kranken kann nicht ärztliche Aufgabe sein. Kranke, die sich in die Hand von Ärzten und Pflegenden begeben, müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Leben nicht vorzeitig beendet wird.

Eine noch sehr junge Patientin unserer Palliativstation, Anfang 20, sagte: "Ich will kein Mitleid, aber helft mir zu leben bis zum Schluss!" Leben bis zum Schluss: Darum geht es.

 

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Gloria Behrens Ärztin für Anästhesiologie und Palliativmedizin, Oberärztin auf der Palliativstation am Bürgerhospital Friedberg/Hessen, Mitglied des ZdK

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