Salzkörner

Mittwoch, 24. April 2013

Lebensfair läufe im demografischen Wandel

Anforderungen an aktive Lebenslaufpolitik

«Der demografische Wandel kommt nicht über Nacht, aber er kommt mit aller Macht.» Mit diesen Worten fasste Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Katholikentag in Mannheim die Notwendigkeit mutiger «Aufbrüche in eine(r) Gesellschaft des langen Lebens» zusammen. Die schleichende (!) demografische Dynamik wahrzunehmen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, fällt in einer aufgeregt um tagesaktuelle Themen kreisenden Debattenkultur nicht leicht; da die demografische Veränderung nach und nach fast alle Lebensbereiche durchdringt, ist es aber vordringlich, das Anforderungsprofil einer demografiesensiblen Gesellschaftspolitik zu formulieren.

Der Perspektivwechsel, der sich ergibt, wenn wir das als Formel eingeübte "Wir werden älter" durch den (auf den ersten Blick ähnlichen) Satz "Wir leben länger" ersetzen, hat im ZdK die Debatte zum demografischen Wandel wesentlich geschärft und zu zentralen Anforderungen an eine "aktive Lebenslaufpolitik" geführt.


Langes Leben – Entscheidungsfülle


Im Durchschnitt leben die Menschen in Deutschland heute 30 Jahre länger als vor 100 Jahren – eine ungeheure Veränderung der statistischen Lebenserwartung, verbunden mit einer spürbaren Veränderung der Lebens-Erwartung: Das, was das lange Leben von mir erwartet (an Verantwortung, Entscheidung, Gestaltung) und das, was ich von meinem langen Leben erwarte (an Glück, beruflicher Entwicklung, Wohlstand), sieht deutlich anders aus als vor 100 Jahren.

Die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, über den eigenen Lebensweg zu entscheiden, haben sich erheblich vergrößert: Wir treffen heute signifikant mehr (weichenstellende) Entscheidungen im Lebenslauf als unsere Urgroßeltern. Das hat mit der quantitativen Verlängerung des Lebens zu tun, aber auch mit Modernisierung und Pluralisierung: Indem gesellschaftliche Normierungen fragwürdig und tradierte (Rollen-)Erwartungen weniger maßgeblich geworden sind, gehört zu einem guten Leben heute keineswegs mehr unhinterfragt eine bestimmte chronologische Abfolge von Lebensereignissen, stattdessen ist jede und jeder zum Gestalter des eigenen Lebenslaufs geworden.

Gerade an Übergängen fallen weichenstellende Entscheidungen. Jede dieser Entscheidungen kann sich viele Jahre später im eigenen langen Leben als "richtig" oder "falsch" erweisen. Die Fähigkeit und Bereitschaft, bei wichtigen Entscheidungen Langfristeffekte für das eigene Leben zu bedenken, ist dabei keineswegs automatisch mit der Länge des Lebens gewachsen. Es fällt uns schwer uns vorzustellen, dass unsere Entscheidungen die eigene Lebenssituation in 50 Jahren erheblich beeinflussen werden und dass es sinnvoll sein könnte, diese Folgen in unsere Entscheidungen maßgeblich einzubeziehen. Dies fällt umso schwerer, als Globalisierung und Digitalisierung das Leben schnelllebiger machen und die Langfristeffekte heutiger Entscheidungen schwer abzuschätzen sind.

Der Befähigung ("Empowerment") zur verantwortlichen Lebensentscheidung kommt daher politisch zentrale Bedeutung zu; sozialethisch gewendet heißt die erste Anforderung an aktive Lebenslaufpolitik "Verantwortungsermöglichung". Eine Anforderung, die breite Bildungsteilhabe ebenso meint wie die Gewähr ökonomischer Voraussetzungen für die Übernahme von Verantwortung.


Folgerichtigkeit


Die Fähigkeit, unter den Vorzeichen langen Lebens folge-richtige Entscheidungen zu treffen, braucht über die Befähigung zum Abwägen hinaus Stabilität politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen und Nachvollziehbarkeit ihrer Veränderungen. Längeres Leben schafft ein neues Bedürfnis nach Konsistenz auf der Zeitachse: gesetzgeberische Diskontinuität und mangelnde Folge-Richtigkeit gesetzgeberischer Reformen machen es für den Einzelnen schwer, sachgerechte Entscheidungen mit Langfristfolgen zu treffen. Das Bundesverfassungsgericht hat diesen Gedanken in seiner jüngeren Rechtsprechung aufgegriffen: Für alles staatliche Handeln gilt der Gleichheitssatz auf der Zeitachse ("Kontinuität als Verfassungsprinzip"); jede wesentliche Neuerung muss sich nachvollziehbar rechtfertigen lassen – als Abweichung von der Vergangenheit. Denn in einer Gesellschaft des langen Lebens entstehen durch politische Systemwechsel unechte Rückwirkungen mit zum Teil schwerwiegenden Zukunftsfolgen für all jene, die in der Vergangenheit – im Vertrauen auf den geltenden Rechtsrahmen – Entscheidungen getroffen haben, die nachhaltig verhaltenslenkend und in ihren (ökonomischen) Langfristfolgen individuell nicht mehr korrigierbar sind.


Generationenvielfalt


Wenn Menschen durchschnittlich länger leben, ergibt sich, dass gleichzeitig Menschen vieler Geburtsjahrgänge leben. Ihre Lebenserfahrungen und Wertvorstellungen sind deutlich unterschiedlich, so dass die Wirklichkeit der Gesellschaft des langen Lebens wesentlich geprägt wird vom Faktum der Generationenvielfalt. In einer Gesellschaft des langen Lebens ist es besonders naheliegend, die eigene Selbst- und Standortbestimmung über Zuordnung zu einer Generation zu präzisieren. In einer unübersichtlichen Welt ordnen wir uns aktiv einer Alterskohorte zu. Die "digital natives", Babyboomer oder Wirtschaftswunder-Kinder eint jeweils mehr als ihr Geburtsjahr.

Gesetzliche Reformen und Neuregelungen treffen Generationen simultan an sehr unterschiedlichen Wegmarken im Lebenslauf – bei Reformen größerer Gesetzesmaterien muss gründlich geprüft werden, ob sie für Menschen verschiedener Alterskohorten eine gleichermaßen faire Intervention darstellen: Generationenresponsivität wird zur dritten Anforderung an demografiesensible Gesellschaftspolitik.
Lebensfair läufe und gemeinsame Entscheidungen
Die Tatsache, dass Entscheidungen an weichenstellenden Übergängen im Lebenslauf in der Regel nicht von einer Person allein, sondern von mehreren Personen gemeinsam getroffen werden, führt zur vierten und letzten Anforderung an demografiesensible = aktive Lebenslaufpolitik.
Viele wichtige, von Frauen und Männern im Lebensverlauf gemeinsam getroffene Entscheidungen sind mit strukturell sehr unterschiedlich auf beide Geschlechter verteilten Risiken und Chancen verbunden. Wenn beide Partner gemeinsam entscheiden, dass nach der Geburt eines Kindes der Vater beruflich durchstartet und die Mutter eine längere familienbedingte Erwerbsunterbrechung einlegt, dann sind die Nachteile in der Rente für die Frau gravierend, die ökonomischen Vorteile einer nicht unterbrochenen Erwerbsbiographie liegen beim Mann.
Gemeinsame Entscheidungen im Paarkontext sind unter den Vorzeichen langen Lebens und unvorhersehbarer Wechselfälle im Lebenslauf von zunehmender Bedeutung. Die institutionelle Absicherung einer fairen Folgen(ver)teilung ist daher lebenswichtig. Sie muss kontinuierlich und behutsam an die sich ändernden Lebenswirklichkeiten angepasst werden. Die Forderung des ZdK, das Ehegüterrecht mit Einführung der Errungenschaftsgemeinschaft zu modernisieren (vgl. ZdK-Erklärung zu Ehe und Partnerschaft 2002), ist in diesem Kontext von hoher Aktualität, denn mit ihr lässt sich familienrechtlich Wunsch und Wirklichkeit vieler Paare sachgerecht abbilden, in der Ehe gemeinsam zu wirtschaften und zu planen und die Folgen gemeinsamer Entscheidungen partnerschaftlich zu tragen.


Aktive Lebenslaufpolitik


Politik muss – unter den Vorzeichen des langen Lebens – mehr denn je dem Anspruch genügen, verantwortungsbefähigend, folgerichtig, generationenresponsiv und geschlechtergerecht zu sein. Dieser Anspruch verortet sich auf grundsätzlicher Ebene. Die Debatte zur aktiven Lebenslaufpolitik als passender Politik für eine Gesellschaft des langen Lebens knüpft an die Debatte um Ökologie und Nachhaltigkeit an, in deren Verlauf eine Erweiterung der sozialen Marktwirtschaft zu einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft gefordert wurde.
Schon hier war spürbar, dass das Thema des fairen Ausgleichs zwischen den Generationen, das Thema des Ausgleichs im Zeitverlauf im Konzept der sozialen Marktwirtschaft nur implizit enthalten ist und dass eine Explizierung dieser Dimensionen notwendig schien. Dieses Anliegen wird unter den Vorzeichen der demografischen Dynamik neu aktuell. Mit dem Konzept aktiver Lebenslaufpolitik soll und kann ihm Rechnung getragen werden.

 

Autor: Eva Maria Welskop-Deffaa, Sprecherin des ZdK für Gesellschaftliche Grundfragen

zurück zur Übersicht