Salzkörner

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Leitbild Inklusion

Wegweiser in eine humane Zukunft

Bei der Verleihung des Inklusionspreises des Bezirkes Oberbayern hat der Präsident des ZdK, Alois Glück, eine Rede gehalten, die wir im Anschluss in leicht gekürzter Fassung dokumentieren.

Wenn wir auf unserem Weg zu einer neuen und anspruchsvollen Etappe aufbrechen, ist es nützlich, auf die Erfahrungen des bisherigen Weges zurückzublicken.
"Woran ist eine Gesellschaft zu messen – an ihrer Leistung, an ihrem Lebensstandard oder an ihrer Menschlichkeit? Etwa 750.000 Behinderte leben in Bayern und stehen in unserer Verantwortung, in der Verantwortung des Staates, aber auch in der Verantwortung jedes Einzelnen von uns. Gegen das schicksalhafte der Behinderung können wir nichts tun, aber wir können vieles tun für ein erfülltes, menschenwürdiges Leben in echter Partnerschaft zwischen Behinderten und Nichtbehinderten".
Verdrängte Wirklichkeit
Das ist ein Zitat aus dem Vorwort zum Ersten Bayerischen Landesbehindertenplan, der im April 1974 vom damaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel dem Landtag vorgelegt wurde. Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie wenig man zur damaligen Zeit von Behinderung wusste, wie hilflos weithin die Medizin, die Pädagogik und die Gesellschaft waren. Die Behinderten waren eine eher verdrängte Wirklichkeit, und noch heute gibt es zahlreiche Vorbehalte in den Köpfen vieler Menschen ohne Behinderung. Die größten Barrieren für die Menschen mit Behinderung sind die Blockaden in den Köpfen der Menschen ohne Behinderung. Noch immer ist es zu wenig gelungen, das spezifische Menschsein der Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Nicht die Behinderung soll im Vordergrund stehen, sondern der Mensch, die Persönlichkeit mit ihren besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen. In einer Leistungs- und Konsumgesellschaft wird der Mensch freilich stark über seine Leistungsfähigkeit definiert. Die Humanität einer Gesellschaft erweist sich aber in ihrem Umgang mit den Schwächsten.
Etappen des Fortschritts
Bei aller Unzulänglichkeit der jetzigen Situation ist es wichtig, sich die Entwicklung der letzten 50 Jahre zu vergegenwärtigen. Ich kann aus der eigenen Erfahrungswelt aus der Familie und der politischen Arbeit sagen: die Entwicklung der Behindertenhilfe ist ein herausragendes Beispiel eines großen humanen Fortschritts.

Lassen Sie mich auf einige Lernetappen der Behindertenhilfe in den letzten 50 Jahren mit wenigen Stichworten eingehen. Die Entwicklung der Früherkennung: der erste Lernschritt war ein möglichst frühes und besseres Erkennen der Behinderung und damit Schritt für Schritt vor allem die Erschließung der unbekannten vielfältigen Landschaft von Behinderung. Dieses Erkennen war die Voraussetzung, um differenzierte und für die jeweilige Art der Behinderung und die jeweilige Situation des Menschen richtige Förderung zu entwickeln. In der Diagnostik, in der Medizin, in der Pädagogik, in entsprechend speziellen Lern- und Förderprogrammen.

Daraus entwickelten sich die Konzepte der Förderung, also der individuellen Förderung der Möglichkeiten des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang ist und bleibt es weiter wichtig, die Möglichkeiten zu erforschen, aber ebenso auch die Grenzen anzunehmen und zu akzeptieren. Auch wenn es schwerfällt. Dies gilt insbesondere für uns Eltern von Kindern mit Behinderung. Auch in der Behindertenhilfe gibt es den falschen Leistungsdruck, gibt es dasselbe Verhalten wie wenn Kinder gewissermaßen um fast jeden Preis einen bestimmten Bildungsabschluss erreichen müssen.

Der nächste Lernschritt war der Weg zur Teilhabe. Selbstbestimmte Teilhabe heißt, dass Menschen selbst entscheiden, an welchen gesellschaftlichen Prozessen – Gemeinschaft, Bildung, Arbeit, Kultur, Freizeit, Gesundheit – sie sich beteiligen wollen. Hierfür muss Unterstützung zur Verfügung gestellt werden.

Der wohl größte Fortschritt in der Behindertenhilfe wurde die zunehmende Akzeptanz der Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft. Hier haben sich gegenüber der Situation von vor 30, 40 und 50 Jahren Welten verändert!
Gefährdungen
Andererseits haben wir eine sehr zwiespältige und in vieler Beziehung auch wieder gegenläufige Entwicklung. Vor allem durch den medizinischen Fortschritt und noch mehr durch die modernsten Analysemöglichkeiten, etwa über die Genanalyse, verstricken wir uns immer mehr in eine Debatte über ein lebenswertes und angeblich nicht lebenswertes Leben. Und solche Debatten machen dann nicht bei der Diagnose in der Schwangerschaft oder bei der Präimplantationsdiagnostik mit ihrer Zielsetzung der Selektion Halt. Unweigerlich setzt sich dies in der Eigendynamik fort bis zur Frage wie lebenswert – und unterstützenswert! – dann das Leben bei schwerer Krankheit und im Alter ist.

Die Würde des Menschen in den frühesten Phasen des Lebens, die Würde des Menschen mit Behinderung und die Würde des Menschen im Alter und im Sterben sind untrennbar miteinander verbunden. Deshalb ist für uns alle der wichtigste Kompass für eine humane Zukunft der Satz 1 in Artikel 1 unseres Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Lernprozess Inklusion
Der Weg der Behindertenhilfe war und ist weiter ein Lernprozess, sie erfordert vor allem immer wieder einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess. Das gilt besonders für die Leitidee der "Inklusion". Diese Leitidee umfasst ja alle Lebensbereiche und damit nicht nur die Behinderten, es gilt genauso für Zuwanderer, für "Menschen mit Migrationshintergrund", für die "Randgruppen" in unserer Gesellschaft. Erst wenn man sich dieser vollen Anforderung und Wucht der Leitidee bewusst wird, erfasst man die Dimension und bekommt eine Ahnung von der Herausforderung.

Die Leitidee der Inklusion ist nun ein wichtiger Wegweiser in die Zukunft der Gesellschaft insgesamt und natürlich in besonderer Weise der Zukunft in der Behindertenhilfe. Im Mittelpunkt der Debatte um die Realisierung dieser Leitidee steht gegenwärtig das Bildungswesen und dabei in besonderer Weise die Schulen. Das Ziel und die Aufgabe sind unbestreitbar wichtig. Ebenso wichtig ist, dass wir uns dabei immer vor Augen halten, dass es bei den Menschen mit Behinderung um ganz unterschiedliche Situationen, Möglichkeiten und Grenzen geht. Erfolgsstatistiken für die Schulen oder für die Politik oder für bestimmte Denkrichtungen dürfen nicht der Maßstab sein.

Das Wohl eines jeden einzelnen Menschen muss im Mittelpunkt aller Veränderungsprozesse stehen. Inklusion darf in keinem Fall zu einer Verschlechterung der bisher individuellen Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung führen. Besonders sensibel und schwierig ist die Situation, wenn der jeweilige Mensch mit Behinderung aufgrund der Schwere seiner Behinderung selbst nicht vermitteln kann, was er möchte, was für ihn gut ist. Situationen, in denen die Eltern oder die Betreuer die Deutungshoheit über die Situation, die Wünsche und die Ausdrucksformen des Menschen mit Behinderung haben. Gleichwohl gilt: Inklusion muss dem Erziehungsrecht der Eltern und dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen mit Behinderung Rechnung tragen.

Inklusion braucht die dafür notwendigen Ressourcen und darf nicht als Sparmaßnahme verstanden werden. Die Einrichtungen müssen entsprechend personell, räumlich und sächlich ausgestattet werden. Die Inklusion von Menschen mit Behinderung im Bildungswesen erfasst alle Stationen und alle Phasen eines Lebensweges, von der frühkindlichen Förderung über das Schulsystem, die Berufsausbildung bis hin zur Hochschule als Ort gemeinsamen Lernens.

Der Bezirk Oberbayern hat diesen Inklusionspreis einer besonderen Situation in den Lebensphasen der Menschen gewidmet, der Situation nach Abschluss der Arbeitswelt. Das ist für die Behindertenhilfe heute eine neue Herausforderung, denn auch sie werden älter und für sie ist oft der Umstieg mit dem festen Rahmen der Arbeitswelt in diesen dritten Lebensabschnitt ebenso schwierig wie auch für viele andere Menschen. Der Bezirk Oberbayern hat damit zwei wichtige Aufgaben dieser Zeit miteinander verbunden: Die Gestaltung dieser Lebensphase nach der Arbeitswelt und die Gestaltung dieser Lebensphase mit der Leitidee und dem Maßstab der Inklusion. Das ist ein wichtiger Impuls, eine wichtige Pionierleistung, für die ich danke und zu der ich gratuliere.

 

Autor: Alois Gluck, Präsident des ZdK

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