Salzkörner

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Mehr als selbstverständlich

Ehrenamtliche Arbeit attraktiver machen
Unsere Großmütter und Großväter würden angesichts von Tagen des Ehrenamtes, Wochen des bürgerschaftlichen Engagements oder freiwilligen Lesepaten sicher verwundert den Kopf schütteln. Natürlich war für sie Hilfe in der Nachbarschaft, für Gemeinden und das Gemeinwohl selbstverständlich, wenn die Luft neben dem Broterwerb ausreichte. Sie wirkten aus christlichen Impulsen heraus, weil es schon immer so war und auch aus dem wachsenden Verständnis für eine lebendige Demokratie. Aber viel hat sich geändert und einige Entwicklungssprünge der letzten Jahre sollen bis zur Echtzeit mit Zukunfsoptionen nachgezeichnet sein.

Aufbruch

1996 fanden sich nach intensiven Vorarbeiten der katholischen Frauenverbände mehr als ein Dutzend evangelischer und katholischer Verbände sowie weitere Einrichtungen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich zum Trägerkreis Ehrenamt zusammen. Die Ideen dieser Tage: einen gemeinsamen Ehrenamtsnachweis auf den Weg bringen und qualifizierte Zeugnisse für ehrenamtliche Arbeit zunehmend selbstverständlich machen. Beides wurde umgesetzt. Inzwischen gibt es vielerlei Ehrenamtsnachweise und das ursprüngliche Anliegen "Macht unsichtbare Arbeit sichtbar" konnte wie ein Weizenkorn z.B. in Ländernachweisen aufgehen. Bei den Zeugnissen liegt noch manches im Argen. Vielen Ausstellungsberechtigten in Kirchengemeinden und kirchlichen Verbänden ist ein qualifiziertes Zeugnis zu arbeitsaufwendig, obwohl die Erfahrungen aus der Erwerbsarbeit zeigen, dass solche Unterlagen mit differenzierten Nachweisen zu sozialen und kommunikativen Kompetenzen Bewerbungen positiv unterstützen. Hier gibt es inzwischen neue Ansätze, die ebenfalls wieder deutlich von kirchlichen Organisationen gefördert werden. Kompetenzbilanzen (siehe auch -> http://www.gib.nrw.de/service/downloads/ kompetenzbilanz_nrw.pdf) ermöglichen Ehrenamtlichen, eine Liste ihrer auch im Ehrenamt erworbenen Fähigkeiten zu erstellen.

Etappen

Der bis 2003 bestehende Trägerkreis wurde in seinen Aktivitäten begleitet von den Arbeiten der Enquetekommission Bürgerschaftlichen Engagement des Deutschen Bundestages. Ihr Ergebnisband von 2001 und das Internationale Jahr der Freiwilligen 2001 brachten das Thema bundesweit in Wallung. Erstmals wurde die Zahl der Engagierten und ihre Tätigkeitsfelder erforscht und eine Zahl von Menschen erfasst, die grundsätzlich bereit zur freiwilligen Arbeit wären. Ehrenamtsbörsen bildeten sich. Die Diskussion um die Begrifflichkeiten ehrenamtlich, freiwillig, bürgerschaftlich kam und kommt entsprechend der individuellen Motivationen der Einzelnen – Gott sei Dank – zu keinem Ende. Und die Politik stieg (unter rot grünen Vorzeichen) in die Diskussion ein. Das schwarz gelbe Konstrukt "Bürger für Bürger" sollte neu erfunden wurden. So entstand nach dem Internationalen Jahr der Freiwilligen das Bundesnetz bürgerschaftlichen Engagements BBE. Der Trägerkreis Ehrenamt löste sich auf, die meisten Mitglieder wirken seither im BBE mit.

Während das Zentralkomitee der deutschen Katholiken 2004 seine wertvollen Handlungsempfehlungen "Für eine Kultur des Ehrenamtes" verabschiedete, drehte sich die Diskussion vieler kirchlicher Verbände und der beiden Kirchen selbst intensiv um die Frage: Sollen wir in diesem Netzwerk BBE wirklich mitwirken? Was bringt es uns? Können wir uns ökumenisch verzahnen und die Interessen in einer bundesweiten Lobbyarbeit für die ehrenamtliche Arbeit wirkungsvoll einbringen? Wie organisieren wir uns dazu? Diese und andere Fragen haben wir in der katholischen Büchereiarbeit einfach und eindeutig geklärt: Der Borromäusverein als Fachverband ist Mitglied im Bundesnetzwerk. Dort geschieht die Interessenvertretung durch eine ehrenamtlich Tätige und durch einen Hauptamtler – auf Augenhöhe. Ihre Arbeit wird geerdet durch Verknüpfung zu den Aktivitäten in den Diözesen und den Sachgremien der Büchereiarbeit.

Beispiel: Borromäusverein

Was treibt uns zu diesem Engagement an: Gesellschaftlich und kirchlich gibt es für das kulturelle Ehrenamt nur wenig Lobbyisten. Katholische Büchereiarbeit gibt es seit über 170 Jahren durch das ehrenamtliche Engagement. Es ist von seinen Anfängen bis zur Gegenwart Arbeit für Bildungsgerechtigkeit (lesen können), Zugangsgerechtigkeit (Medien wohnortnah ausleihen können) und Kultur (über sich hinauswachsen lernen). Büchereiarbeit ist Arbeit, die regelmäßig mit einer guten, immer zu verbessernden Ausbildung getan wird. So arbeiten wir intensiv in den Bereichen Bildung und Qualifizierung des BBE mit. Über 5.000 Büchereien in kirchlicher Trägerschaft sind ein elementarer Teil der deutschlandweit 11.500 Büchereien. Der Beitrag der Kirchen zur medialen Grundversorgung muss den Kirchen wie der Gesellschaft immer wieder präsentiert werden. Und dann noch: Büchereiarbeit kann Junge und Alte, Frauen und Männer, kirchlichengemeindlich Engagierte und religiös Interessierte miteinander verbinden. Es ist ein kommunikatives Tätigkeitsfeld mit vielen – gerne auch missionarisch zu verstehenden – Zugangsmöglichkeiten zum christlichen Glauben und den Kirchen.

Ziele

Lobbyarbeit für das Ehrenamt, so können wir nun nach mehr als zehn Jahren konkreter Arbeit sagen, ist einerseits mehr als selbstverständlich und andererseits immer wieder verstärkt notwendig: Nach innen und außen. Ehrenamtliche erleben es als Ermutigung, wenn ihr Tätigkeitsfeld wahrgenommen wird. Durch die öffentliche Wahrnehmbarkeit ihre Arbeit bei der zunehmenden Ökonomisierung von Engagement einen neuen Stellenwert. So sind die kirchlichen Aussagen zur Thematik sicher gute erste Schritte, diese Wahrnehmungen auch zu noch konkreteren Taten weiterzuentwickeln. Denn bei allem Ehrenamt: Die finanzielle Ausstattung dieser Arbeit und die hauptamtliche Begleitung und Förderung ist unverzichtbar. Und neben dieser internen Sicht erleben es Ehrenamtliche besonders ermutigend, wenn ihre Träger diesen Arbeitsbereich auch in ihrer gesellschaftspolitischen Dimension deutlich machen. Und dieses geschieht auch im Diskurs mit anderen nichtkirchlichen Aktionsfeldern. Denn die Themen wie Rahmenbedingungen (von Aufwandsentschädigung bis zur Versicherungen) und Selbstverständnis der erbrachten Leistung sind gemeinsam.

Fachtagung

Und damit sind wir in der Echtzeit 2008 angekommen. Ende Januar 2009 steht im Kölner Maternushaus die erste ökumenische Fachtagung für das ehrenamtliche Engagement an: "Um Gottes willen? Wir engagieren uns". Das kirchliche Ehrenamt präsentiert sich in seiner Vielfalt am Beispiel von 20 konkreten Projekten und mit Fachvorträgen. Und das kirchliche Ehrenamt diskutiert miteinander die Juckepunkte des ehrenamtlichen Alltags: Neben den bereits erwähnten Themen also auch über das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamt oder Mitwirkungsrechte bei inhaltlichen wie strukturellen Veränderungsprozessen: Eine feierliche Sachstandsbeschreibung mit Zukunftsoptionen.

Diese sind gerade angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen besonders wichtig. Einerseits wird niemand bestreiten, dass wir manche staatliche Fürsorge für Benachteiligte und Hilfsbedürftige anders organisieren müssen. Andererseits wollen wir nicht, dass ehrenamtliches Engagement reglementiert wird, sondern aus freiem Willen geschehen kann. Entsprechend sehen wir die Tendenzen zum Beispiel der Initiative Zivilengagement (IZE) des Familienministeriums kritisch, die eine Förderung ehrenamtlicher Arbeit sehr deutlich mit politisch gelenkten Forderungen verknüpft. Für uns stehen andere Hausaufgaben im Vordergrund: Ehrenamtliches Engagement muss Anerkennung finden in Ausbildung und Erwerbsarbeit. Und jeder soll sich ein Ehrenamt leisten können. Die Arbeit im konkreten Ehrenamt muss finanziell noch besser abgesichert durch Auslagenerstattung, Versicherungen, Weiterbildungen. Träger ehrenamtlicher Arbeit sollen klare Beschreibungen (Grenzen und Möglichkeiten) und Beauftragungen für die Engagierten bieten. Die Begleitung gilt den Menschen und ihren Aufgaben. So wird ehrenamtlich Arbeit noch attraktiver. Und so können wir die gemeinsamen Hoffnung eindeutig zum Ausdruck bringen: Es werden Ehrenamtliche sein, die eine menschennahe Kirche, einen demokratischen Staat in der lokalen Gesellschaft leben.

Autor: Leoni Heister, Leiterin der Katholischen öffentlichen Bücherei in Biebesheim (Bistum Mainz), arbeitet in Gremien des Borromäusvereins mit und ist Mitglied im Sprecherrat des BBE. Rolf Pitsch, Direktor des Borromäusverein e.V.

zurück zur Übersicht