Salzkörner

Samstag, 12. September 2009

Mentoring-Programm für Studentinnen mit Behinderung

Erfahrungen des Hildegardis-Vereins
2008 startete der Hildegardis-Verein das bundesweit erste Mentoring-Projekt für Studentinnen mit Behinderung. Damit erweitert der Verein sein Förderangebot, dessen wichtigstes Instrument seit über 100 Jahren die Vergabe von zinslosen Studiendarlehen an Frauen ist.

Dem Hildegardis-Verein geht es darum, Potenziale und Kompetenzen von Studentinnen zu stärken und Frauen biogra-phiebegleitend auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Der Verein fördert ohne Altersbegrenzung, unabhängig von Qualifizierungsziel und Fachrichtung oder Hochschullaufbahn, also auch Zusatzstudiengänge und andere Ausbildungsabschlüsse.

Laut Statistik lebten 2006 19 % der Studierenden in Deutschland mit einer Behinderung. Bei den Behinderungsarten überwiegen (mit insgesamt 16 %) die chronischen Erkrankungen – eine "Behinderung", die man nicht unbedingt sieht, die aber das tägliche Leben nachhaltig bestimmt.

In einer Erhebung des Hildegardis-Vereins in 2007 formulierten Studentinnen mit Behinderung für sich folgenden Förderbedarf: individuelle Begleitung; Einblick bereits zu Studienzeiten in berufliche Netzwerke, da durch erhöhten Zeitbedarf im Studium weniger freie Valenzen für Nebenjobs bestehen; Unterstützung bei der "Emanzipation" von den in ihrer Lebenssituation oft so omnipräsenten Eltern.

Auf diesen Förderbedarf mit einem maßgeschneiderten Programm zu reagieren, gelang dem Hildegardis-Verein dank einer Drittmittelzuwendung von der Contergan-Stiftung für behinderte Menschen. Das Mentoring-Programm eröffnet Studentinnen mit Behinderung durch die Vermittlung einer Mentorin/eines Mentors individuelle Beratung, Zugang zu beruflichen Netzwerken und ermutigendem Austausch in einer Gruppe von Gleichgesinnten. Das Programm will besonders Frauen in einer Übergangsphase, beim Eintritt ins Studium und beim Übergang vom Studium in den Beruf, unterstützen.

Das Programm ist wie folgt angelegt: Die (ehrenamtlichen) Mentorinnen und Mentoren, mit denen die 20 ausgewählten Studentinnen (Mentees) jeweils ein "Tandem" bilden, sind berufserfahrene Akademikerinnen und Akademiker, die überwiegend selbst mit einer Behinderung leben. Kernstück der einjährigen Zusammenarbeit sind die monatlichen Kontakte der Tandems. Sie werden durch gemeinsame Veranstaltungen der gesamten Gruppe zum Auftakt, zur Halbzeit und zum Abschluss ergänzt.

Erfahrungen der ersten Mentoring-Gruppe, die 2009 begann, zeigen, dass die Art und Weise, wie die Tandemkontakte gestaltet werden, so unterschiedlich ist wie die beeindruckenden Biographien der Teilnehmenden selbst. Einige Mentees haben die Mentoren an ihrem Arbeitsplatz aufgesucht, andere Kontakte fanden bei der Mentee statt, je nach Kommunikationsbedarf erfolgten die Kontakte über Telefonate, Schreibgespräche, Chats oder persönliche Treffen. Übereinstimmend haben die Mentees auch den Austausch innerhalb der Mentee-Gruppe als hilfreich bewertet.

Zwei weitere Durchläufe mit je 20 Mentee-Plätzen beginnen im Januar 2010 und im Januar 2011. Das Projekt wird durch die Universität Kassel evaluiert.

Autor: Eva M. Welskop-Deffaa, stellvertretende Vorsitzende des Hildegardis-Vereins, Birgit Mock, Geschäftsführerin, Mitglieder des ZdK www.hildegardis-verein.de.

zurück zur Übersicht