Salzkörner

Montag, 5. November 2012

Mit Christus Brücken bauen

Gedanken zum Leitwort des Regensburger Katholikentags

"Mit Christus Brücken bauen" – so lautet das Leitwort des 99. Deutschen Katholikentags, der vom 28. Mai bis 1. Juni 2014 in Regensburg stattfinden wird. Das Brückenbauen soll im bildlich-übertragenen Sinne den Katholikentag prägen und für seine programmatische Ausgestaltung stehen.

Wer Regensburg kennt oder im Internet nach Fotos der Stadt sucht, stößt unmittelbar auf die wohl bekannteste Stadtansicht, den Blick über die Donau, im Vordergrund überspannt von der imposanten Steinernen Brücke, im Hintergrund die historische Stadt, überragt vom Dom. Dieses reale Bild  greift das Leitwort auf und verbindet so Stadt und Katholikentag. Für engagierte Christinnen und Christen versinnbildlicht dieses Leitwort gleichzeitig die je eigene Berufung: Unser Auftrag ist es, in der Nachfolge Jesu Christi, in seinem Geist, hier und heute, in der Welt und in der Kirche Brücken zu bauen.

Seit Jahrtausenden bauen Menschen Brücken. Mit Brücken lassen sich Abgründe, Flüsse und andere Hindernisse überwinden, lassen sich Wege verkürzen oder sicherer machen. Wo man bisher an Grenzen stieß, wo es nicht weiterging, führen Brücken weiter. Sie erschließen Neuland, ermöglichen Begegnung von Menschen, sie fördern den Austausch von Wissen und Waren. Wer über Brücken geht, sollte offen sein für Anderes und Neues. Neue Horizonte erschließen sich.

Aber ein Brückenbau birgt auch Risiken. Noch längst nicht jede Brücke ist fest, auch nicht, wenn sie aus Stein gebaut ist, noch hält sie eine stets sichere Verbindung zwischen ausgeglichenen Ufern. Jenseits einer Brücke begibt man sich ins mitunter ins Ungewisse, dort kann man auf Unbekanntes und Fremdes treffen. Brücken zu bauen, das ist nichts für Ängstliche und Verzagte. Wer Angst vor Anderem und Anderen, vor ihren Ansichten und ihren Fragen hat, der sollte sich von Brücken fernhalten.

Anwaltschaft

Welche Brücken wollen wir mit dem Katholikentag im Jahr 2014 in der Welt und in der Kirche schlagen, haben wir uns in der Katholikentagsleitung gefragt. Was wollen wir uns neu erschließen? Welche Beschränkungen wollen wir aufgeben, welche Hindernisse neu und mutig überwinden? Dies gilt es in den nächsten Monaten unter aktiver Mithilfe vieler hunderter Mitstreiter aus Räten, Verbänden, Gemeinschaften und Initiativen, aus den Werken und Hochschulen in vielen Details zu entfalten. Im Folgenden möchte ich auf einige Eckpunkte eingehen, die wir in der Leitung des Katholikentags schon beraten haben.

Von jeher wollen Katholikentage in unsere Kirche und in unsere Gesellschaft hinein Wirkung entfalten. Nachdem der Mannheimer Katholikentag in diesem Jahr von vielen besonders als Ort des innerkirchlichen Dialogs wahrgenommen wurde, wollen wir in Regensburg den gesellschaftlichen Themen wieder mehr Gehör verschaffen. Unser besonderes Augenmerk lenken wir daher zunächst auf die Begegnung mit anderen gesellschaftlichen Akteuren und Gruppen. Wir wollen Ausschau zu halten, wer heute und für die Zukunft unsere Kooperationspartner sind, mit wem wir Koalitionen eingehen können, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft mitzugestalten.

Denn wenn wir als Christinnen und Christen Brücken bauen, dann geschieht dies im Geiste Jesu Christi. Von diesem klaren Bekenntnis gibt das Leitwort Zeugnis. So wie Jesus Christus sich besonders den Armen, Kranken und Schwachen zugewandt hat, so wie er auf die Fremden zugegangen ist, so wollen auch wir heute Verantwortung für die Ausgegrenzten, die Zurückgelassenen, die Überforderten und Benachteiligten übernehmen. Das bedeutet konkret, für Ausgleich und Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung einzutreten. Wir wollen uns einsetzen und wo nötig auch streiten für menschenwürdigere Bedingungen bei uns und weltweit. Authentische Zeuginnen und Zeugen des christlichen Glaubens können beim Katholikentag in Regensburg hierfür Impulse geben, uns Perspektiven und praktische Wege aufzeigen.

Im Dialogprozess unserer Kirche ist das Jahr 2014 in besonderer Weise der Martyria – dem dritten der kirchlichen Grundvollzüge – gewidmet. Martyria bedeutet: Zeugnis geben von unserem Glauben in der Welt. In diesem Sinne wollen wir den Regensburger Katholikentag, der von unseren Bischöfen ausdrücklich als eine weitere Station in diesem Dialogprozess deklariert wurde, nutzen und gestalten.

Deutsche und europäische Einheit

Im Jahr 2014 werden wir auch der friedlichen Revolution in Deutschland und in den östlichen Nachbarländern gedenken. Die deutschen Wiedervereinigung und der Brückenschlag zwischen West- und Osteuropa vor dann 25 Jahren werden für uns Anlass sein, Zwischenbilanz zu ziehen, wie es um die deutsche Einheit und die Einheit Europas heute steht. Regensburg weiß sich mit dem ganzen ostbayerischen Raum seit je als Brückenpfeiler: zu den osteuropäischen Nachbarn wie zu den christlichen Kirchen des Ostens, die wichtige Partner im ökumenischen Gespräch sind. Auch das wird dem nächsten Katholikentag ein eigenes Gepräge geben.

Eine Welt

Gleichzeitig müssen wir auch über den Tellerrand Europas hinaus blicken. Denn das Jahr 2014 wird uns auch vor die Frage stellen, wie weit wir es auf dem Weg zur Erfüllung der Millenium-Entwicklungsziele gebracht haben. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, dem wir die Einladung nach Regensburg verdanken, ist bekannt für sein außerordentliches Interesse an den Lebensverhältnissen der Menschen in den Ländern des Südens. Die Auseinandersetzung mit den dort herrschenden sozialen und politischen Verhältnissen führte zur persönlichen Freundschaft mit Gustavo Gutierrez, einem Nestor der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Noch bevor Erzbischof Müller seine neue Aufgabe in der Weltkirche in Rom übernahm, hatten wir uns mit ihm darauf verständigt, diesem Thema in Regensburg besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Diesem Wort fühlen wir uns unverändert verpflichtet.

Dialogprozess

Innerkirchlich bleibt es im selben Maß wichtig, Brücken zu bauen. So soll dieser Katholikentag dazu beitragen, Gräben zu überwinden, die sich ebenso in unserer Kirche immer wieder auftun. Auch in Regensburg gab und gibt es solche. Die Katholikentagsleitung hat sich ausdrücklich vorgenommen, auch über diese Gräben Brücken zu spannen. Wir befinden uns derzeit im zweiten Jahr des innerkirchlichen Dialogprozesses, etliche heiße Eisen werden jetzt angepackt. Seit langem sind Katholikentage Orte, an denen offen und kontrovers gesprochen werden kann. Dies wird auch in Regensburg so sein und wir wollen dies im Geiste Jesu Christi tun – im unbedingten Respekt voreinander und vor Andersdenkenden.

Zweites Vatikanisches Konzil

Hierzu fühlen wir uns auch durch das Zweite Vatikanische Konzil ermutigt, an dessen feierlicher Eröffnung vor 50 Jahren wir in diesen Tagen denken. Wie schon in Mannheim, so wollen wir auch in Regensburg der Rezeption des Konzils breiten Raum geben. Das Konzil war und ist eine Brücke. Über diese Brücke ist unsere Kirche mutig gegangen, um den Menschen heute nahe zu sein und ihnen so die frohmachende Botschaft des Evangeliums verkünden zu können. Die fünfzigste Wiederkehr der Verabschiedung des Ökumenismus-Dekrets im Jahr 2014 mahnt nachdrücklich, dass dies nur in der größeren Gemeinschaft der ganzen Christenheit glaubwürdig erfolgen kann. Es muss nachgefragt werden, wie an den seither in Angriff genommenen Brücken weiterzubauen ist.

In Regensburg wollen wir Brücken bauen, ganz in der Tradition der Deutschen Katholikentage. Ich erlebe, dass sich Regensburg darauf freut, nach den Katholikentagen von 1849 – dem zweiten in der Reihe der Katholikentage – und 1904 nun 2014 zum dritten Mal Gastgeber zu sein. Mit Christus wollen wir Brücken bauen. Er selbst wusste sich gesendet, um Menschen zueinander zu führen, sie miteinander zu versöhnen und in seiner Mahlgemeinschaft eine neue Wirklichkeit zu setzen. Damit wurde er zugleich DER Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen. ER hat uns in seine Nachfolge gerufen und eben das bedeutet für uns: Mit Christus Brücken bauen.

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Elfriede Schießleder Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), Mitglied der Leitung des Katholikentags Regensburg, Mitglied des ZdK

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