Salzkörner

Donnerstag, 28. März 2013

Mit Christus Brücken bauen – Lebenswegen Raum geben

Gedanken zum Leitwort des Regensburger Katholikentags

 

"Mit Christus Brücken bauen" lautet das Leitwort des 99. Deutschen Katholikentags, der vom 28. Mai bis 1. Juni 2014 in Regensburg stattfinden wird.

 

Der kommende Katholikentag in Regensburg soll Brücken bauen mit Christus. Er nimmt damit eine räumliche Beziehung zu Gott ein und begreift die Verkündigung, die auf ihm ad intra und ad extra stattfinden soll, von einer spezifischen Art her, Raum zu gestalten. In gewisser Weise reiht er sich damit in den spatial turn ein. Das steht für drei diskursive Veränderungen: Es gibt eine Wechselwirkung von Raum und Zeit, mit der man Geschichte an Kristallisationskernen von Orten festmachen kann; man denke nur an den Fall der Berliner Mauer. Räume sind zweitens nicht einfach Container für menschliches Verhalten, sondern selbst soziale Produktionsfaktoren; man denke nur an die Reaktoren von Fukushima. Und drittens meint spatial turn die Aufmerksamkeit auf die dynamische Verstädterung des Planeten durch die Globalisierung; seit 2008 leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land, für 2030 geht die UNO von zwei Drittel der Menschheit aus.

Brücken in urbanen Raum

Wenn der Regensburger Katholikentag einer Art spatial turn folgt, dann hat das bestimmte Konsequenzen, die sich an dem Bild vom Brückenbau fassen lassen: Er benötigt Brücken in urbanen Räumen, die der Kirche zumuten, sich mit ihren eigenen Orten produktiv in der Gesellschaft auszuwirken, weil sie Wege in den großen Veränderungen des Lebens anbieten. Das ist für die Kirche alles andere als selbstverständlich, wie sich an traditionellen wie aktuellen Brückenproblemen zeigt. Ein Papst ist ja von Amts wegen Brückenbauer, der als pontifex maximus der vera religio die Wege ebnet. Benedikt XVI. nutzte das vor allem gegenüber den Piusbrüdern. Seine Bemühungen erinnern an die Rhone-Brücke in der alten Papststadt Avignon. Sie hört mitten im Fluss auf, weil die Piusbrüder lediglich einem anderen Gallikanismus huldigen. Sie wollen damit privilegiert werden, dass kein Konzil als katholisch gilt, wenn sie nicht zustimmen. Wie sehr mutwillig an Brücken angebrachte Sprengladungen die Kirche unter Druck setzen können, zeigten kürzlich die Denunziationen bestimmter intriganter Lebensschützer über katholische Krankenhäuser im Problemfeld der 'Pille danach'. Kardinal Meisner musste danach einen provisorischen hölzernen Steg zu vergewaltigten Frauen bauen, der von der Bischofskonferenz nun in stabilerer Form weitergebaut wird. Das ist auch nötig; denn mit Selbstgerechtigkeit lassen sich Brücken eben nur sprengen, aber nicht bauen.

Sieben Brückentypen

Eine Brücke gestaltet einen Zwischenraum mit den drei Dimensionen von erfahrenem, begriffenem und gelebtem Raum, wie Henri Lefebvre, eine Gründungsfigur des spatial turn, das genannt hat. Sie muss der schlichten Realität der Räume folgen, zwischen denen sie verbindet. Sie muss für die Lasten berechnet sein, die sie tragen soll. Und sie sollte schließlich tatsächlich von Menschen benutzt werden. In diesem Sinn empfehlen sich manche Brückenbauten für den Katholikentag und verbieten sich andere. Ich möchte sieben Brückenmodelle vorstellen.

Steinerne Brücke, Regensburg

Man kann etwas bauen wie die Steinerne Brücke in Regensburg. Wer eine solche Brücke errichtet, setzt auf Dauer und bietet auf lange Zeit den Leuten aus der Umgebung und aus der Ferne einen Zugang für ihre ökonomischen und privaten Angelegenheiten an. Sie ist ein Angebot an viele, nicht einfach eine Einladung an wenige. Eine Steinerne Brücke verlangt nach einem urbanen Leben, das mit menschlicher Pluralität und kultureller Verschiedenheit umgehen kann.

Golden-Gate-Bridge, San Francisco

Es lässt sich auch eine Golden-Gate-Bridge errichten, die Umwege abkürzt und Hindernisse aus dem Weg räumt. Eine solche Hängebrücke ist oft das erste, was Migranten von einer neuen Heimat sehen. Sie wäre ein Aushängeschild der Kirche, das deshalb aber auch stimmig sein muss für die Lebensstile der so unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus.

Pont-du-Gard, Département Gard

Auch an einen Pont-du-Gard lässt sich denken; er bringt von außen überlebensnotwendige Ressourcen in die Kirche. Wer diese Brücke baut, anerkennt, dass die Kirche eben nicht alles, was sie zu ihrer Existenz benötigt, aus sich selbst heraus zur Verfügung hat. Was hier fließt, benötigt immer ein Gefälle von außen nach innen. Und es lässt sich ohne Schaden für das Innen der Kirche nicht aufhalten.

Zugbrücke

Die Alternative dazu ist die Zugbrücke. Bei dieser Brücke hat das Innere der Kirche alles unter Kontrolle, was von außen kommt. Alle und alles, was befremdet, sprachlos macht, problematisch erscheint, lässt sich draußen halten, indem einfach die Brücke hochgezogen wird. Eine Zugbrücke suggeriert Macht; sie war der bevorzugte Brückenbau der neuzeitlichen Kirche. Die Piuspäpste haben sie besonders geschätzt, aber Johannes XXIII. hat sie permanent unten gelassen und ihre Ketten nicht mehr geölt. Johannes Paul II. hat dann ihren Mechanismus blockiert. Mal sehen, ob Papst Franziskus ihn endgültig ausbaut.

Donnersbergerbrücke, München

Ganz anders ist eine Donnersbergerbrücke, also die Spannbetonbrücke über die Gleise beim Münchener Hauptbahnhof. Auf dem Mittleren Ring gibt es Tag und Nacht viel Verkehr, da geht nichts mit hochziehen. Diese Brücke ist für Menschen wichtig, die sich alltäglich mit der Kirche befassen und ständig Güter hin und her transportieren. Sie wäre das richtige für das Verhältnis der Kirche zu den Frauen; denn Frauen bevölkern die Kirche und erledigen ihre Alltagsgeschäfte. Sie müssen tragfähigen Raum bekommen für das, was sie mit und in Kirche tun. Hier sollte man wie bei der Donnersbergerbrücke den notorischen Sanierungsbedarf einkalkulieren.

 

Europabrücke, Brenner

 

Auch eine Europabrücke wie jene am Brenner kommt in Frage, eine der elegantesten Brücken in den Alpen. Sie ist eine Mautbrücke und Maut ist ja nun nichts, was der Kirche fremd wäre. Wer die Kirchensteuer erhalten will, sollte eine Brücke vorhalten, von der die meisten sagen, dass sie davon einen großen Vorteil bei den Querungen über die Pässe ihres Lebens haben. Deshalb stellt sich hier das Problem mit der Mautkonzession; die Mittel müssen vorrangig für die Verkehrsteilnehmer verwendet werden. Da darf man keine Fehler machen.

Wildbrücke

Mein letzter Vorschlag ist eine Wildbrücke, auch Grünbrücke genannt. Sie wird für Wildtiere gebaut, deren Lebensraum von Autobahnen entscheidend eingeschränkt werden. Über sie findet heimlich und vorsichtig Wildwechsel statt. Auf einer Wildbrücke darf man keine Jagd zulassen. Hier ist Achtung nötig für das Sicherungsgefühl derer, die gesellschaftlich und kirchlich gefährdet sind und sich verstecken. Diese Brücke ist für Menschen, die heimlich in die Kirche hineinwollen und dann auch wieder unbeobachtet aus ihr heraus- wechseln. Solche Menschen gelten als wild, weil sie nicht in die Ordnungen der kirchlichen Normalität passen – wegen schräger Lebensentwürfe und Partnerschaften, die in der Kirche abgelehnt werden, weil sie nach einer gescheiterten Ehe wieder geheiratet haben, da sie einem Missbrauch in der Kirche zum Opfer fielen, aber nach wie vor viel von Jesus, den Sakramenten und Gott halten. Hier sind verschwiegene Angebote nötig, die Vertrauen schaffen und dann auch halten, was sie versprechen, obwohl scheinbar nur Autobahnen der Normalität das Feld beherrschen.

Brücken zu anderen und anderem

Das sind nur sieben von vielen weiteren möglichen Varianten. Bis auf die Zugbrücke halte ich alle genannten Brückenarten für fähig, mit Christus errichtet zu werden. Christus konfrontiert Christen, umkehren zu müssen, um zum Evangelium zu kommen. Sein Evangelium gehört allen Menschen, es ist ein Erbe der Menschheit. Die Kirche besitzt es nicht, sie ist nur die Treuhänderin. Sie muss es allen anbieten und alle zulassen, die es sich holen kommen. Deshalb benötigt die Kirche Brücken zu anderen und zu anderem, als sie selbst ist. Wer Brücken baut, gibt unweigerlich Kontrolle auf, aber erhält dafür Lebenswege für Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Angst, die so gut sind, dass sie nicht zu benutzen denen nicht in den Sinn kommt, denen sie offen stehen. Man kann natürlich auch in Regensburg über die Donau schwimmen oder sich ein Floß bauen. Aber wer würde das tun, wenn gute Brücken angeboten werden?

 

Autor: Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim Sander, Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg

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