Salzkörner

Freitag, 5. November 2010

Mobilität im Übergang Schule und Beruf

Jugendwohnen als Baustein zum Ausbildungserfolg
Der Ausbildungs- und Lehrstellenmarkt stellt hohe Anforderungen an die Mobilität junger Menschen. Jugendwohnheime bieten hier Hilfestellung und leisten einen wichtigen Beitrag zum Ausbildungserfolg.

Demografischer Wandel, mangelnder Fachkräftenachwuchs, mangelnde Ausbildungsreife und geforderte Ausbildungsmobilität sind nur einige der Schlagworte, die im Rahmen der immer wiederkehrenden Diskussion über die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland angeführt werden. Auf den ersten Blick mag man in das allgemeine Klagen und Lamentieren über die Probleme junger Menschen beim Start in die Ausbildung einstimmen. Auf den zweiten Blick fällt der Zusammenhang zum Jugendwohnen auf.

Historisch bewährt und neu gefordert

Schon zu Zeiten der Industrialisierung wurden Gesellenwohnheime als sinnvolles Unterstützungsangebot für die wandernden Gesellen angeboten. Damals folgte das Angebot an Plätzen in Jugendwohnheimen dem Bedarf an mehr Auszubildenden in den wirtschaftlich aufstrebenden Regionen. Die Gesellenheime haben sich im Laufe der Jahre immer stärker als ein Mobilitätsbeitrag im Rahmen der Ausbildung und des Berufsstarts erwiesen. So waren und sind Jugendwohnheime von ihren Standorten und inhaltlichen Anforderungen einem stetem Wandel unterworfen. Auch heute führen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie der demografische Wandel, und die damit verbundene Notwendigkeit junger Menschen, für einen Ausbildungsplatz in Deutschland und zunehmend auch in Europa mobil zu sein, zu einer Weiterentwicklung im Bereich des Jugendwohnens. Heutzutage nehmen über
50 % der Auszubildenden einen Ausbildungsplatz über 100 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt an. Die Hälfte dieser jungen Menschen hätte die Ausbildung ohne einen Platz in einem Jugendwohnheim nicht begonnen.

Mehr als Wohnen

Diese jungen Menschen sind allein durch den Wechsel vom Schul- ins Ausbildungsleben mit einer Vielzahl von neuen Herausforderungen konfrontiert. Hier bietet Jugendwohnen eine Möglichkeit, die Auszubildenden zu begleiten und zu unterstützen. Sie werden bei Problemen aufgrund der Entfernung zur Heimat, in der Ausbildung und bei der Verselbständigung nicht alleine gelassen. In den pädagogischen Mitarbeitern finden Sie Zuhörer, Unterstützer und Wegbegleiter. Das Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt "leben.lernen.chancen nutzen.", gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, konnte dieses erstmalig auch wissenschaftlich belegen. Über 30 % der Bewohner im Jugendwohnen gaben an, dass sie ohne das Jugendwohnen ihre Ausbildung nicht erfolgreich abgeschlossen hätten. Auch für die Ausbildungsbetriebe ist Jugendwohnen somit eine große Chance, denn es unterstützt und sichert den Ausbildungserfolg. So wird der Fachkräftenachwuchs gesichert und die Investition in die Ausbildung junger Menschen weist eine höhere Erfolgsquote auf.

Die Jugendwohnheime haben sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, als Beispiele sind hier die räumlichen Anforderungen und die notwendigen Qualifikationen der Mitarbeiter zu nennen. Früher war "Jugendwohnheim" das Synonym für Mehrbettzimmer, mäßige Begleitung, eher Verwahrung und immer gleichbleibende Angebote. Hier hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung, dass immer mehr Familien nur ein oder zwei Kinder haben und zuhause jeder sein Zimmer hat, hielt diese Entwicklung auch Einzug ins Jugendwohnen. Dieser Wandel hat auch Einfluss auf die pädagogische Arbeit, da die Bewohner mit anderen Voraussetzungen für ein gemeinsames Zusammenleben junger Menschen in die Jugendwohnheime kommen. Die Individualisierung in der Gesellschaft macht auch vor dem Jugendwohnen nicht halt, doch sind gerade die Gemeinschaftserlebnisse wichtig für die persönliche Weiterentwicklung, gerade mit Blick auf eine spätere Verselbständigung der Bewohner.

Lernorte für soziale Kompetenz

Jugendwohnheime werden heute vermehrt zu Lernorten für soziale Kompetenzen und übernehmen eine wichtige Rolle der Überwindung gesellschaftlicher Trennlinien. Die vielfältigen regionalen, kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründe junger Menschen machen den Reiz eines Jugendwohnheimes aus. Dieses hängt auch mit der Mischung der Ausbildungsberufe (vom Steinmetz bis zur Bankkauffrau) zusammen.

Die veränderten Anforderungen in der Ausbildung haben ihren Einfluss ebenso im Jugendwohnen hinterlassen. Das Internet als Informations- und Lernmedium spielt eine immer größere Rolle, um nur ein Beispiel zu nennen. In vielen Jugendwohnheimen gibt es neben der reinen Bereitstellung eines Internetanschlusses mit Computern auch Schulungen im Bereich der Medienkompetenz. Den Bewohnern werden wichtige Hinweise für einen sicheren Umgang mit dem Internet vermittelt, der auch unter pädagogischer Begleitung eingeübt wird. Die heute so häufig geforderten sozialen Kompetenzen können die Bewohner im Alltag des Jugendwohnens verbessern und anwenden, darüber hinaus werden auch Seminare und weitergehende Angebote in diesem Bereich gemacht. Dies sind nur einzelne Beispiele für die vielfältigen Kompetenzangebote in Jugendwohnheimen. Die Teilnahme an den Kompetenzangeboten wird dokumentiert und kann so von den Bewohnern bei einer Bewerbung angefügt werden.

Pädagogische Begleitung

Eine Umfrage des Forschungsprojektes "leben.lernen.chancen nutzen." unter Pädagogen und Bewohnern in Jugendwohnheimen ergab, dass ein Ansprechpartner für Fragen und Schwierigkeiten im Alltag, die Unterstützung bei Fragen und Problemen in der Ausbildung und/oder der Schule wichtige Vorteile des Jugendwohnens sind. Darüber hinaus bewerten die Fachkräfte noch die Erlangung sozialer Kompetenzen und die Verselbständigung des jungen Menschen als sehr wichtig.

Die Pädagogik wird durch die baulichen Rahmenbedingungen unterstützt und kann bessere Erfolge erzielen, wenn das Gebäude an die speziellen Anforderungen des Jugendwohnens angepasst ist. Hierzu zählen nicht nur die Zimmer, sondern auch Gemeinschaftsräume, die zeitgemäß ausgestattet sein müssen. Eine Umfrage unter den Trägern und Leitern von Jugendwohnheimen durch das Forschungsprojekt hat ergeben, dass durchschnittlich jedes Jugendwohnheim einen Renovierungs- und Sanierungsbedarf von circa einer Million Euro hat. Dieser Betrag kann von den Jugendwohnheimen und deren Trägern nicht alleine aufgebracht werden. Hierzu sind bauinvestive Zuschüsse der öffentlichen Hand und der Wirtschaft notwendig.

Aus der Wahrnehmungsnische holen

Jugendwohnen ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ein Nischenprodukt, denn die Mehrheit der Auszubildenden wohnt nicht in einem Jugendwohnheim. Aber gerade diese Nische des Jugendwohnens ist von größter Bedeutung, da sie sowohl ermöglichend als auch wegbegleitend ist. Hierfür ist eine öffentliche Sensibilisierung und Unterstützung notwendig. Nur dann können die erfolgreichen Bemühungen der Jugendwohnheime, für ihre Arbeit zu werben und sich als verlässlicher Partner im Bereich der Ausbildung zu etablieren, nachhaltig in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Das Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt "leben.lernen.chancen nutzen." hat in den vergangenen 3 ½ Jahren Projektlaufzeit viele Interessante und wichtige Ergebnisse geliefert. Durch die wissenschaftliche Bestätigung konnten die Ergebnisse sehr gut in die öffentliche Diskussion eingebracht werden und mit verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Akteuren erörtert werden. Für die zukünftige Bearbeitung des Themenfeldes Jugendwohnen nach Ende des Forschungsprojektes im April 2011 ist neben den Trägern, zu denen viele kirchliche Organisationen zählen, auch eine breite gesellschaftliche Unterstützung notwendig. Eine verstärkte Zusammenarbeit untereinander ist notwendig, da Jugendwohnen im christlichen Kontext auch eine für die Gesellschaft wichtige Wertebildung beinhaltet.

Autor: Matthias von Schlichtkrull-Guse, Referent beim Verband der Kolpinghäuser www.kolpinghaeuser.de  

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