Salzkörner

Donnerstag, 31. August 2017

Mut zum Neuanfang

Vergebung und Versöhnung im deutsch-polnischen Verhältnis

Es waren weder Politiker noch Wirtschaftsvertreter, welche 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Neuanfang im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen suchten. Im Nachhinein kann man Willy Brandt beipflichten, denn "das Gespräch der Kirchen und ihrer Gemeinden war dem Dialog der Politiker voraus". Damit bezieht sich Brandt auf die EKD-Ostdenkschrift und den Briefwechsel zwischen den Bischöfen Polens und Deutschlands, beide aus dem Jahr 1965.

Beide Dokumente fielen in eine Zeit, die nach wie vor noch gekennzeichnet war von den territorialen und staatlichen Verschiebungen. Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 wurde die Oder-Neiße-Linie als neue Westgrenze Polens definiert, jedoch mit Vorbehalt, da eine endgültige Entscheidung auf eine spätere Friedenskonferenz verschoben wurde. Die DDR erkannte im Görlitzer Abkommen zwischen sich und der VR Polen diese Linie als Grenze an, die BRD jedoch nicht. Polen war zu diesem Zeitpunkt nicht nur von der Verschiebung nach Westen betroffen, sondern gleichzeitig musste das Land die Vertreibung seiner Bevölkerung aus den ehemals polnischen Ostgebieten durch die Sowjetunion hinnehmen. Dementsprechend war das Verhältnis zwischen der BRD und Polen in dieser Zeit äußerst angespannt. Zusätzlich strapaziert wurde es durch die Grenzrevisionsforderungen der Heimatvertriebenen in der Bundesrepublik, welche sie in der Charta der Heimatvertriebenen 1950 in Stuttgart formulierten und mit Nachdruck wiederholten.

Auch die Situation der katholischen Kirche in Polen ließ zu diesem Zeitpunkt kaum Hoffnung aufkommen, da sie staatlichen Repressalien ausgesetzt war und sich vorsichtig mit Kritik gegenüber dem Regime verhalten musste. Die antideutsche Propaganda und die Erfahrungen des Kriegs, der Besatzung und Verfolgung ließen wenig Raum für Initiativen zur Versöhnung und Vergebung. Dennoch sahen einige polnische Publizisten eine Verständigung zwischen der BRD und Polen als notwendig an.

Erste Schritte

Eine Gruppe von acht evangelischen Wissenschaftlern und Laien um Carl Friedrich von Weizsäcker u. a. forderte im Tübinger Memorandum 1961 die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie. Denn nur so könne eine neue Gesprächsgrundlage mit Polen aufgenommen werden. Diese Forderung zog ein breites Medienecho nach sich, da zum ersten Mal eine fundamentale Kritik an der bisherigen Ostpolitik der Regierung geübt wurde. Insbesondere von Seiten der Vertriebenenverbände hagelte es scharfe Kritik; beharrten diese doch auf den Grenzen von 1937. Die Kirchenkanzlei der EKD distanzierte sich von dem Memorandum und unterstrich, dass es sich hierbei um private Äußerungen einiger evangelischer Laien handle. Eine ähnlich radikale Forderung formulierte der Bielefelder Arbeitskreis der kirchlichen Bruderschaften um Wolfgang Schweitzer in seinen 19 Thesen. Wenn Frieden zwischen Deutschland und Polen herrschen solle, sei der deutsche Anspruch auf die ehemaligen Ostgebiete nicht haltbar.

Die Ostdenkschrift der EKD

Zunächst griff die Ostdenkschrift das zerrüttete Verhältnis zwischen beiden Ländern 20 Jahre nach Kriegsende auf. Sie problematisierte die ungelösten Folgen der Vertreibung und deren mangelnde politische und historische Aufarbeitung. Dem gegenübergestellt wurden die fruchtbaren kulturellen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland in den letzten Jahrhunderten. Die Diskussion um das "Recht auf Heimat", das in anderen Dokumenten zu einem "heißen Eisen" wurde, ist nach der Ansicht der Denkschrift zwar verständlich, insofern damit auf die ursprüngliche Heimat verwiesen wird. Eine Inanspruchnahme darüber hinaus weist die Denkschrift jedoch von sich. Vielmehr widmet sich die Denkschrift der fehlenden Akzeptanz der Vertriebenen in der deutschen Bevölkerung und greift die Frage der Schuld auf. Ein Neuanfang kann nur gelingen, wenn Bestrebungen unterlassen werden, welche die Entscheidungen der Potsdamer Konferenz rückgängig machen, dies ist für den Gedanken nach Versöhnung zwischen beiden Staaten unumgänglich.

Während die Denkschrift in der BRD ein recht negatives Medienecho nach sich zog und sich den Vorwurf gefallen lassen musste, sie habe einen Verrat an den Vertriebenen begangen, wurde sie in Polen positiv aufgenommen. Dennoch war es die Ostdenkschrift der EKD, welche als erstes offizielles Kirchendokument zum Nachdenken über die bisherige Ostpolitik angeregt hat.

Und die Katholiken?

Der Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder im Hirtenamt (1965) wurde den am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmenden deutschen Bischöfen in der letzten Sitzungsperiode des Konzils überreicht. Dieser Brief wurde zu großen Teilen vom Titularbischof Bolesław Kominek in deutscher Sprache verfasst. Mit diesem Brief wagten die polnischen Bischöfe einen ersten Schritt in Richtung Versöhnung mit Deutschland. Ihr übergeordnetes Ziel war jedoch, ihr Land von der sowjetischen Unterdrückung zu befreien und nach Europa zurückzukehren. Vor diesem Hintergrund luden sie die deutschen Bischöfe zur Milleniumsfeier der Taufe Polens 1966 ein. Die polnischen Bischöfe würdigten ferner die historischen Entwicklungen zwischen Polen und Deutschland, fügten aber gleichzeitig einen kritischen Kommentar über die jüngeren Entwicklungen an. Sie gedachten dabei der deutschen Vertriebenen und verwiesen darauf, dass die auf der Potsdamer Konferenz gefassten Beschlüsse nicht der polnischen Verantwortung unterlagen. Ob dies so eindeutig zu beurteilen ist, muss aber bezweifelt werden.

Der Brief der polnischen Bischöfe ist unabhängig von der EKD-Ostdenkschrift entstanden. Zum Abschluss des Briefes heißt es: "In diesem allerchristlichen und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung."

Die deutschen Bischöfe übergaben ihren Antwortbrief am 5. Dezember 1965, auch während der letzten Sitzungsperiode des Konzils. Verfasst wurde die deutsche Antwort auf Polnisch von dem Essener Bischof, Franz Hengsbach, dem Bischof von Meißen, Otto Spülbeck, und Weihbischof Gerhard Schaffran. Sie nahmen die ausgesprochene Einladung der polnischen Bischöfe entgegen und verdeutlichten, dass aus der Sicht der deutschen Bischöfe ein Neuanfang im Verhältnis beider Staaten unumgänglich sei. Die deutschen Bischöfe griffen in ihrem Schreiben den Begriff des "Rechts auf Heimat" auf, welcher nicht im polnischen Schreiben erwähnt wird. Obwohl die deutschen Bischöfe bekräftigten, dass sie damit keine Gedanken an Grenzrevisionen anstellen wollten, führte dies trotzdem auf polnischer Seite zu erheblichen Verstimmungen. Das Ziel, welches die deutschen Bischöfe anstrebten, war der Beginn eines brüderlichen Verhältnisses zwischen beiden Staaten und eines Dialoges. Ihr Brief schließt mit der Formulierung: "Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände."

Die Antwort der deutschen Bischöfe ist auf polnischer Seite als Enttäuschung aufgefasst worden, da sie das Thema Oder-Neiße-Linie aussparte. Von Seiten der polnischen Regierung ist der Briefwechsel stark kritisiert worden; die polnischen Bischöfe hätten ihre Kompetenzen überschritten. Diesen Vorwurf erhoben auch die Zeitungen Polens, die exilpolnischen Zeitungen jedoch würdigten den Briefwechsel nachdrücklich. Nicht nur bei den Begegnungen beider Kirchen anlässlich mehrerer Jubiläen hinsichtlich der Dokumente, auch auf politischer Ebene wirkten sie nach.

 

 

 

 

Autor: Cassandra Speer, B.A Ruhr-Universität Bochum

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