Salzkörner

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Nachhaltiger Energieträger oder Ursache für Hunger?

Bioenergie in der Diskussion

Mit dem Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung in Deutschland und anderen Industrieländern gewinnt die Erzeugung biologischer Kraftstoffe an Bedeutung. Während man hierzulande zu Beginn der 1990er Jahre große Hoffnungen auf die zukünftige Nutzung von Biogas und von Bioethanol setzte, wird der vermehrte Einsatz von Biomasse als Energieträger heute in der Öffentlichkeit oft negativ bewertet. Der in vielen Programmen vorgesehene Ausbau wird kritisch hinterfragt.

Neben dem gelegentlich in Zweifel gezogenen ökologischen Nutzen erscheint der Anbau von Energiepflanzen insbesondere im Hinblick auf knapper werdende Nahrungsmittel kritisch. Die Debatte "Tank statt Teller" wird uns intensiv beschäftigen. Die Komplexität unserer Nahrungsmittelerzeugung sowie unser großer Bedarf an Energieträgern lassen keine einfachen Antworten erwarten.
Bioenergie kontra Nahrungsmittel
Nach aktuellen Studien werden in Deutschland jährlich etwa 53 Mio. Tonnen Biomasse geerntet. 90 % werden als Nahrung, Tierfutter oder im industriellen Bereich verwendet, weniger als 10 % stehen als Energieträger zur Verfügung. Durch eine effizientere Nutzung der Ressourcen und Weiterentwicklungen in der Landwirtschaft lässt sich dieser Anteil sicher noch steigern. Es steht aber außer Zweifel, dass eine drastische Zunahme von Energiepflanzen irgendwann nur noch zu Lasten der Nahrungsmittelproduktion gehen kann.
Der gemeinsame Aktionsplan verschiedener Bundesministerien geht davon aus, dass eine vorgesehene Verdopplung des Bioenergieanteils auch durch eine Steigerung des Imports von Biomasse gelingen wird. Die weltweit steigenden Preise von Grundnahrungsmitteln und die damit verbundene Hungerproblematik stehen aber in engem Zusammenhang mit der vermehrten Nachfrage nach Biomasse, auch wenn die genauen Mechanismen umstritten sind. Es wird vielfach darauf hingewiesen, dass Misswirtschaft und Verteilungsungerechtigkeiten oft der Grund für Hunger und Not seien, die es zu beheben gelte. Gleichwohl sollte jeder Einfluss verhindert werden, der die Situation verschärft. Das Ziel, den Hunger zu bekämpfen und die schlechte Ernährungssituation in vielen Ländern zu verbessern, darf nicht zugunsten anderer Ziele hinten angestellt werden. Die Zusammenhänge zwischen der Bioenergieerzeugung und der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln müssen intensiv beobachtet und falschen Anreizen entgegengewirkt werden.
Ökologische Aspekte
Neben der beschriebenen Flächenkonkurrenz gibt es auch aus ökologischer Perspektive Fehlentwicklungen bei der Biomassenutzung. Kritisch zu sehen ist hier insbesondere die Umwandlung von Wäldern – meist in tropischen Breitengraden – in Palmöl-Plantagen. Derartige Plantagen genügen den Nachhaltigkeitskriterien in der Regel nicht, da durch den Wegfall des Waldes deutlich mehr Kohlendioxyd freigesetzt wird, als durch die Erzeugung von Biomasse wieder gebunden und nutzbar gemacht werden kann. Zudem werden oft gravierende Auswirkungen auf Böden beobachtet, die – ihrer natürlichen Regeneration beraubt – für den Anbau nur kurzfristig nutzbar sind. Der massiv notwendige Einsatz künstlicher Dünger und externer Bewässerung trübt zudem den ökologischen Wert der gewonnen Biomasse.
Nicht weniger bedenklich ist die Beschränkung auf den Anbau zumeist weniger, energetisch besonders ertragreicher Pflanzen. Neben den klassischen Nebenwirkungen jeder Monokultur ist besonders der Rückgang an Biodiversität alarmierend. Bei der Förderung zum Ausbau der Bioenergie müssen derartige negative Folgen bedacht werden.
Traditionelle Nutzung von Biomasse
Trotz der bedenklichen Entwicklungen ist ein maßvoller Ausbau von Energie aus Biomasse verantwortbar und sinnvoll. Traditionell diente vor allem Holz Jahrtausende lang als Energieträger und Wärmespender. Die Nutzung der Biomasse ist keine neuzeitliche Erfindung, wenngleich durch komplexe Entwicklungen heute deutlich mehr Pflanzen für die Gewinnung von Biogas und Biosprit zur Verfügung stehen. Im Bereich der Mobilität und des Handels spielten Last- und Nutztiere viele Jahrhunderte lang die wesentliche Rolle, die gleichsam mit Biomasse gefüttert wurden. Die Konkurrenz zwischen Tank und Teller ist daher kein neues Phänomen, sondern wird vor allem wegen des enormen Energiebedarfs zum Problem. Kern des gesellschaftlichen Diskurses sollte daher weniger die Frage sein, ob es ethisch vertretbar ist, landwirtschaftliche Erzeugnisse für die Mobilität oder zur Stromerzeugung zu verbrennen, als die Frage, ob es verantwortbar ist, die auf der Erde über Jahrtausende entstandenen fossilen Energieressourcen in Form von Kohle, Öl und Gas in sehr kurzer Zeit fast vollständig zu verbrauchen – mit den hochbrisanten Folgen für das Klima und die Umwelt.
Chancen der Erzeugung von Biogas und Biosprit
Positiv ist, dass die Bioenergienutzung für einige Landwirte ein gutes Einkommen ermöglicht. Negative Anreize gilt es gleichwohl zu vermeiden, damit mittelfristig nicht nur der Anbau von Energiepflanzen attraktiv ist. Die Erfordernisse der Nachhaltigkeit müssen ohne Abstriche auch im Bereich der Bioenergie gelten.
In Anbetracht der komplexen Zusammenhänge kann man fragen, ob anstelle der Nutzung von Biomasse eine stärkere Konzentration auf andere regenerative Energiequellen wie Windenergie und Photovoltaik notwendig ist. Neben der Tatsache, dass auch hier kein bedingungsloser Ausbau sinnvoll ist, kommt der Biomasse eine besondere Bedeutung zu, da sie in gewissen Grenzen speicherbar ist – als Gas oder Brennstoff in flüssiger Form. Eine Umwandlung in Strom oder Wärme kann nach Bedarf erfolgen, während die Speicherung von Strom bisher technologisch aufwendig, ökologisch wenig sinnvoll und in größerem Maßstab teuer und kaum umsetzbar ist. Ohne eine Speicherung oder bedarfsorientierte Erzeugung des Stroms wird sich die gegenwärtige Versorgungssicherheit mit zunehmender Nutzung regenerativer Quellen nicht aufrechterhalten lassen. Auf die Erforschung und Entwicklung moderner und zukunftsfähiger Speichertechnologie muss daher großer Wert gelegt werden.

Große Hoffnung wird zudem in die Entwicklung von Biokraftstoffen der sogenannten dritten Generation gesetzt. Hierbei sollen insbesondere aus der Nahrungs- und Futtermittelerzeugung anfallende Reste wie Stroh zu neuen Kraftstoffen veredelt werden, womit sich eine direkte Konkurrenz zwischen Lebensmittelerzeugung und Energienutzung vermeiden ließe. Gerade im Bereich der Mobilität werden in den nächsten Jahren Verbrennungsprozesse und Verstromungsmechanismen eine wesentliche Rolle spielen. Gegen einen schnellen und umfassenden Ausbau von Elektromobilität spricht, dass der hierfür notwendige nachhaltig erzeugte Strom mittelfristig nicht zur Verfügung steht. Weiterhin gelingt es trotz enormer Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen nicht, technologisch und ökonomisch sinnvolle Stromspeicher im Auto zu implementieren. Regenerativ erzeugte Biokraftstoffe können daher für eine nachhaltige Mobilität eine wichtige Funktion erfüllen.
Herausforderungen für eine verantwortliche Nutzung der Bioenergie
Letztlich müssen an den weiteren Ausbau der Biomassenutzung besondere Anforderungen gestellt werden. Der Maßstab Nachhaltigkeit ist auf den ganzen Prozess der Erzeugung anzuwenden – vom Acker bis zum Tank. Ein Raubbau an Land und Boden muss vermieden werden und die Biodiversität erhalten bleiben. Es darf keine Anreizsysteme für die Erzeugung von Biosprit geben, die zu massiven Umweltbelastungen führen. Die Bekämpfung von Hunger und Armut muss unabhängig von der Energieversorgung die Hauptanstrengung der Menschheit bleiben. Das Recht der Menschen auf Nahrung darf nicht in den Hintergrund treten. Unter diesem Blickwinkel gilt es aber auch die hohe Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Futtermittelherstellung zu hinterfragen, die für den nach wie vor hohen Fleischkonsum in Deutschland und anderen Ländern notwendig ist. Der Einsatz von Biosprit und Biogas führt nicht automatisch zu einem zukunftsfähigeren Lebensstil. Es liegt in unserer Verantwortung, so sparsam wie möglich mit der verfügbaren Energie umzugehen und die Energieeffizienz in allen Bereichen des Lebens zu verbessern.


 

Autor: Dr. Michael Lentze, Sprecher des ZdK für Umwelt und Technik

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