Salzkörner

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Nachhaltigkeit

Eine neue Definition von Fortschritt

Seit dem steilen Aufstieg des Begriffs "nachhaltige Entwicklung" zur Leitformel für globale Zukunftspolitik beim Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro sind wir nicht entscheidend vorangekommen. Man kann zu Recht den Verdacht hegen, dass das auch mit der Unschärfe des Konzeptes zusammenhängt. Er ist ein Mainstream-Begriff, man hat in seinem Rahmen zwar die alte Polarisierung zwischen Ökonomie und Ökologie scheinbar überwunden, aber auf Kosten der Verbindlichkeit und Klarheit von Postulaten und Eingrenzungen. Heute, nach 20 Jahren Nachhaltigkeitspolitik, stehen wir weitgehend mit leeren Händen da. Steht Nachhaltigkeit für zwei verlorene Jahrzehnte der Umwelt- und Entwicklungspolitik?

Es wird Zeit, den Begriff gegen inflationäre Beliebigkeit sowie den Leerlauf bloßer Worte ohne Taten abzugrenzen. Wer Nachhaltigkeit als Summe aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Zielen definiert, verfällt dem maximalistischen Fehlschluss. Nachhaltigkeit meint jedoch nicht die Gesamtheit und angebliche "Gleichwertigkeit", sondern die Wechselwirkung zwischen diesen drei Bereichen. Sie zielt auf systemisches Denken und Querschnittspolitik angesichts der "Vergesellschaftung von Umweltprobleme" (Beck). Ohne eine solche Eingrenzung wird Nachhaltigkeit zum Etikett für alles, ohne konzeptionell verändernde Kraft für die Politik zu entfalten. Die Aktualität dieser Problematik zeigt ein konzeptioneller Blick auf die verschiedenen Nachhaltigkeitsstrategien auf Länder-, Bundes- und internationaler Ebene.

Das Nachhaltigkeitskonzept von Rio setzt in seiner Argumentationslogik nicht spezifisch ökologisch an. Stattdessen gründet es in der Erweiterung des Verständnisses von Gerechtigkeit auf weltweite und generationenübergreifende Dimensionen (globale und intergenerationelle Gerechtigkeit). Sie deckt globale Gerechtigkeitslücken auf, bündelt die zentralen Zukunftsfragen als Querschnittsthema, zeigt oft überraschende Zusammenhänge und "Musterähnlichkeiten" von Problemstellungen in unterschiedlichen Kontexten auf. Nachhaltigkeit verdeutlicht den Zeitfaktor sowie den Naturfaktor in allen gesellschaftspolitischen Fragen (Wulsdorf). Sie erschließt neue Analysen und Lösungsstrategien für das komplexe Zusammenspiel zwischen lokalen und globalen Phänomenen.

Zentrale Bewährungsprobe für globale und intergenerationelle Verantwortung ist heute CO2-Gerechtigkeit. Auf der Basis eines menschenrechtlichen Ansatzes ergibt sich, dass Armutsbekämpfung systematisch integriert und ethisch vorrangig behandelt werden muss. Für die führenden Industrienationen ergibt sich daraus, dass mindestens 80 % des CO2-Ausstoßes bis 2050 reduziert werden müssen. Mit der Deklaration der Energiewende hat Deutschland eine international beachtete Führungsrolle übernommen. Deren Einlösung kann nur gelingen, wenn sich in ihr alle gesellschaftlichen Kräfte bündeln. Sie in den Alltag zu übersetzen ist anspruchsvoll, aber möglich. Zunehmend werden jedoch ökologische Innovationen als wichtige Wachstumsmärkte erkannt.

Postfossiles Wohlstandsmodell

Nachhaltigkeit steht nicht nur für ein sozialtechnisches Programm der Ressourcenschonung, sondern darüber hinaus für eine ethisch-kulturelle Neuorientierung. Das neuzeitliche Fortschrittsparadigma des unbegrenzten Wachstums ist durch die Leitvorstellung von in die Stoffkreisläufe und Zeitrhythmen der Natur eingebundenen Entwicklungen abzulösen. Nachhaltigkeit ist eine neue Definition der Voraussetzungen, Grenzen und Ziele von Fortschritt. Nur ein ressourcenleichter Wohlstand ist gerechtigkeitsfähig. Als Maß- und Kontrollgröße hierfür kann der "Index of Sustainable Economic Welfare" dienen, der Wohlstand nicht am Bruttosozialprodukt misst, sondern an Kriterien eines umfassenden Konzeptes ökosozialer Entwicklung.

Nachhaltigkeit ist Ausdruck einer Wiederentdeckung der Ethik des Maßhaltens. Sie zielt nicht auf Wohlstandsverzicht, sondern auf intelligente, rohstoff- und umweltschonende Nutzungs- und Verteilungsstrukturen für möglichst viele Menschen einschließlich kommender Generationen. Langlebige und reparaturfreundliche Produkte, Qualität durch maßgeschneiderte Dienstleistungen, gemeinsame Nutzung von Gütern fördern Arbeitsplätze, schonen Ressourcen und sparen häufig auch Geld. Entsprechende politisch-rechtliche Rahmenbedingungen müssen diesen Übergang fördern. Das Modell der Ökosozialen Marktwirtschaft, für das sich die Kirchen in Deutschland bereits 1985 ausgesprochen haben, ist der notwendige ordnungspolitische Ausdruck des Konzepts Nachhaltigkeit.

Der dringendste ökologische Handlungsbedarf und die größten finanziellen Einsparpotentiale für ein neues postfossiles und postnukleares Wohlstandsmodell liegen im Bereich der Energie. Entscheidend ist hier die Verbindung von innovativer Technik, organisatorischer Optimierung sowie persönlichen Verhaltensänderungen und damit die Verknüpfung von drei Strategien: Suffizienz (Sparsamkeit), Effizienz (technische Optimierung) und Substitution (erneuerbare statt fossile Energie). Nur auf der Basis dieses Dreigestirns wird die Energiewende gelingen.

In Zeiten der politischen Überforderung durch die multiple Krise von Klima, Energie, Finanzen, globalem Hunger und politischen Umbrüchen brauchen wir nicht nur einen arabischen Frühling, sondern auch einen Frühling der deutschen, europäischen und globalen Zivilgesellschaft im Engagement für Nachhaltigkeit. Auch die Enzyklika "Caritas in Veritate" hofft auf den verantwortlichen Konsumenten und Bürger als Impulsgeber für Veränderungen

Schöpfungsglaube und Nachhaltigkeit

Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist "religionsproduktiv", indem er die ökologischen und sozioökonomischen Grenzerfahrungen der Moderne reflektiert und auch die Religionen kritisch nach ihrem Beitrag zur Problembewältigung befragt. Als älteste globale Institution auf unserem Planeten ist die katholische Kirche in besonderer Weise beauftragt, für globale und intergenerationelle Gerechtigkeit einzutreten. Voraussetzung dafür ist eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur im Horizont des Schöpfungsglaubens.

Wenn die Bedeutung des Glaubens in der Kontingenzbewältigung liegt (Luhmann), dann ist der spezifische Beitrag der Theologie zu einem vertieften Verständnis von Nachhaltigkeit deren Transformation von einer Utopie (im Sinne des Versprechens einer omnipotenten globalen ökosozialen und ökonomischen Problemlösung für alle Bereiche) zu einem Deutungsrahmen für die Verarbeitung der Kontingenzerfahrungen unserer Kultur im Zerbrechen des neuzeitlichen Fortschrittsglaubens. Ohne eine solche transzendente, religiös-spirituelle Dimension – ob christlich oder nicht christlich – droht Nachhaltigkeit zu einem grünen Mäntelchen für die Fortschrittsvorstellungen von gestern zu werden. Theologische Basis dieser Neuorientierung ist die Wiedergewinnung des Schöpfungsglaubens jenseits seiner Funktionalisierung als verlängerter Arm der ökologischen Moral und jenseits seiner Verflachung zum bloßen Mythos oder zur Ideologie von Intelligent-Design-Theorien.

Der Brückenschlag zwischen Schöpfungsverantwortung und Nachhaltigkeit ist auch für die Kirchen ein mühsamer Lernprozess: So wie der christliche Gedanke der Karitas Jahrhunderte lang nur tugendethisch verstanden und erst in der Verbindung mit dem Solidaritätsprinzip politikwirksam wurde, so braucht der Schöpfungsglaube eine Übersetzung in ordnungsethische Kategorien, um politikfähig und justiziabel zu werden und die konkreten Konsequenzen in den organisatorischen Strukturen und wirtschaftlichen Entscheidungen in Kirche und Gesellschaft deutlich zu machen. Deshalb trete ich dafür ein, Nachhaltigkeit heute als viertes Sozialprinzip in der christlichen Ethik zu verankern. Eine zukunftsfähige und freiheitliche Demokratie beruht nicht nur auf den Werten der Personalität, Solidarität und Subsidiarität, sondern ebenso auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist der kategorische Imperativ zeitgemäßer Schöpfungsverantwortung.

Zu diesem Thema veranstaltet das ZdK am 02.03.2012 eine Fachtagung im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn mit dem Titel "Kirche auf dem Weg der Nachhaltigkeit – 20 Jahre nach Rio". Weitere Informationen finden Sie hier.

 

 

Autor: Prof. Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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