Salzkörner

Dienstag, 25. Februar 2014

Nächstenliebe verlangt Klarheit

Rechtsextremismus aus christlicher Überzeugung bekämpfen

Die katholische Jugendarbeit in Deutschland setzt sich, auch gemeinsam mit evangelischen Partnern, gegen Rechtsextremismus, insbesondere gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, eine.

Die Jugendpastoral in Deutschland schaut in diesen Monaten immer wieder auf die Situation von Flüchtlingen. Die Aktion Dreikönigssingen 2014 hatte das Thema "Flucht" in den Mittelpunkt gestellt und den Teilnehmenden Arbeitsmaterialien an die Hand gegeben, um sich mit der Situation von Flüchtlingskindern, die in Malawi gestrandet sind, auseinandersetzen zu können. Beim kommenden "Josefstag" am 19. März, dem jährlichen Aktionstag der Katholischen Jugendsozialarbeit, steht die Situation von jungen Flüchtlingen, die in den Einrichtungen unserer Jugendsozialarbeit gefördert werden, thematisch im Fokus. Auch zahlreiche Diözesan- und Mitgliedsverbände des BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend) nehmen sich des Themas an und protestieren dabei vor allem gegen die Flüchtlingspolitik der "Festungen" der Europäischen Union und Deutschlands und damit im Tenor mit Papst Franziskus dagegen "einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt (…)" und die damit verbundene Entwicklung einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" (Evangelii Gaudium, 54).

Fluch geschieht aus schwerwiegenden Gründen

Circa 45 Millionen Menschen sind heute weltweit auf der Flucht. Sie verlassen ihre Heimat, fliehen vor Krieg und Gewalt, vor ethnischen Auseinandersetzungen und Armut, vor Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst. Ein Mensch, der seine Heimat verlässt, tut das nicht aus Spaß. Es sind sehr ernsthafte Gründe, warum Menschen dazu getrieben werden – und sie erhoffen sich, entweder an einem neuen Ort oder in einem neuen Land Sicherheit und eine Zukunftschance zu haben, oder dass sie eines Tages wieder zurückkehren können. Die meisten Flüchtlinge sind dabei Binnenflüchtlinge. Sie bleiben im eigenen Land oder zumindest in der Nähe ihres Heimatlandes. Nur wenige nehmen den gefährlichen Weg auf sich, um in die reichen und wohlhabenden Länder zu gelangen. Häufig bezahlen Flüchtlinge die Reise in eine vermeintlich bessere Zukunft mit ihrem Leben. Die wenigsten, die es bis dahin schaffen, erfahren keine herzliche Aufnahme. Gerade in Europa und noch viel mehr in Deutschland als europäischem Binnenland schlagen ihnen überfordernder Bürokratismus oder offene Feindlichkeit entgegen.

Angst vor "Überfremdung" und "Sozialscharotzern"

Menschen auf der Flucht haben viel Leid und Gefahr hinter sich. Es ist ein Skandal, dass sie in einem sicheren Rechtsstaat wie Deutschland gedemütigt werden und Asylbewerberheime fremdenfeindlichen Aktionen ausgesetzt sind, denen Christinnen und Christen entschieden entgegentreten müssen. Doch nicht nur Flüchtlinge aus fernen Ländern sind dieser Fremdenfeindlichkeit bis hin zu rechtsextremistischer Gewalt ausgesetzt. Auch Menschen, die aufgrund der europäisch vereinbarten Reise- und Aufenthaltsfreiheit nach Deutschland kommen, um hier zu arbeiten und zu leben, werden angefeindet – offen oder verdeckt – weil europäische Freizügigkeit fälschlicherweise mit Missbrauch in Verbindung gebracht wird, begleitet von geschürten Ängsten vor "Überfremdung" und "Sozialschmarotzern".

Gegen Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus

Es ist unbestreitbar, dass es in Deutschland eine unterschwellige Fremdenfeindlichkeit gibt, einen Alltagsrassismus, der viele Bevölkerungsschichten erreicht. Christinnen und Christen müssen ein wirksames Zeichen dagegen setzen und für eine offene und tolerante Gesellschaft einstehen. Die deutsche Geschichte lehrt uns, dass wir gegen rassistische Tendenzen in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche angehen müssen. Dabei sind es nicht nur die Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, auch die jüngere und jüngste Geschichte hält genügend Beispiele bereit. Egal ob in Hoyerswerda, Berlin-Hellersdorf, Frankfurt oder im bayerischen Voralpenland, auch heute noch müssen Menschen in Deutschland wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität, ihrer sexuellen Orientierung Angst um ihr Leben, ihre körperliche Unversehrtheit haben.

Christlicher Glaube und Rechtsextremismus sind unvereinbar

"Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven, nicht Freie, nicht Frau und Mann; denn ihr alle seid "Einer" in Jesus Christus" (Galater 3,28). Mit diesen Worten hat der Apostel Paulus die Kirche als eine Gemeinschaft beschrieben, in der die Unterschiede der Menschen wahrgenommen werden, aber keine Trennung bei der Wertschätzung oder bei der Teilhabe an der Gemeinde zur Folge haben. Diese christliche Botschaft und der gesellschaftliche Konsens über die Menschenrechte sind mit Rechtsextremismus unvereinbar. Wir Christen glauben an einen Gott, der jedem Menschen zu einer eigenen und unauslöschbaren Würde verhilft, ganz gleich ob dieser Mensch in Spanien, Rumänien, Syrien oder Deutschland geboren wurde. Es wird nicht unterschieden nach Aussehen und Art, nach Nationen und Kulturen. Allen Menschen kommt dieselbe Würde zu, weil sie alle Kinder des einen Vaters sind.

Kreativer Widerstand

Als katholische Kirche, als einzelner Christ und einzelne Christin, als Verbände und Organisationen und auch als Amtsträger müssen wir uns mutig gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aller Art engagieren und uns für eine offene, eine tolerante und lebenswerte Gesellschaft einsetzen. Dieser Einsatz kann durch Beteiligung an Gegendemonstrationen genauso geschehen, wie bei vielfältigen kreativen Aktionen, wie beispielsweise im Rahmen der "Meile der Demokratie", die sich bereits zum sechsten Mal in Magdeburg jährt, oder indem katholische Priester bei NPD-Veranstaltungen die Kirchenglocken läuten lassen und so die Kundgebungen stören – alles Beispiele für Zivilcourage für eine menschliche und demokratische Gesellschaft.

Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus

Diese Auffassung, dass das bewusste Entgegentreten gegen Rechtsextremismus und für unsere Demokratie eine Christen- und Christinnenpflicht ist, teilen die bislang drei Dutzend katholischen und evangelischen Organisationen und Verbände, die sich in der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAG K+R) zusammengeschlossen haben. Der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ), Pax Christi und das Bistum Magdeburg sind bislang die Organisationen aus den Reihen der katholischen Kirche, die sich bewusst entschieden haben Teil dieses ökumenischen Bündnisses zu werden. Die BAG Kirche und Rechtsextremismus wurde am 12. Februar 2010 in Dresden gegründet – im Vorfeld von Europas größtem Neonaziaufmarsch. Seitdem tritt das Bündnis der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in ihren vielfältigen Ausprägungen in- und außerhalb der Kirche konstruktiv entgegen. Die BAG Kirche und Rechtsextremismus unterstützt bei der Vernetzung und Beratung, vermittelt Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner vor Ort und setzt sich inhaltlich bei Veranstaltungen und in Publikationen aktiv für Demokratie und Menschenrechte ein. Ein besonderes Interesse ist es dabei, der Bagatellisierung von Rechtsextremismus und alltäglichem Rassismus entgegenzuwirken und rassistische Vorurteile und Einstellungen zu überwinden. Damit stehen wir in diesem Bündnis ein für eine Gesellschaft, die den Menschen, die fremd oder flüchtig sind, eine echte Heimat, ein Zuhause bietet.

Ein Zuhause geben

Wenn der kommende Josefstag unter dem Thema "flüchtig – Jugend braucht Perspektive" uns vor Augen führt, wie Jugendliche aufgrund politischer Verfolgung oder sozialer Not Deutschland erreichen, Jugendliche "flüchtig" sind vor Armut oder Gewalt, dann geht es auch um die konkrete Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe mit jungen Menschen, die nach Deutschland kommen, fremd sind, Fluchterlebnisse mit sich tragen. Der Josefstag möchte deutlich machen, dass diese jungen Menschen in den Einrichtungen der katholischen Jugendsozialarbeit einen Ort finden, wo sie sich zuhause und vor allem sicher und in ihrer ganzen Menschenwürde angenommen fühlen können. Und gemeinsam müssen wir uns als Christinnen und Christen dafür einsetzen, dass es viele dieser Orte gibt – wo Menschen, die zu uns kommen, auch wirklich ankommen können und sich zuhause fühlen.

 

 

 

 

 

Autor: Lisi Maier BDKJ-Bundesvorsitzende, Pfarrer Simon Rapp BDKJ-Bundespräses, Mitglieder des ZdK

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