Salzkörner

Freitag, 31. Oktober 2014

Neuer Antisemitismus in Deutschland?

Mit dem heutigen Judentum befassen

In Deutschland tun Medienschaffende und Lehrer heute viel gegen Antisemitismus, gegen pauschale feindselige Einstellung zu Juden und Judentum. Im Umfeld des Gasa-Krieges gab es diesen Sommer aber an vielen Orten "Anti-Israel"-Demonstrationen, die in antisemitische Veranstaltungen ausarteten.

Man kann bezüglich der israelischen Regierungspolitik unterschiedlicher Auffassung sein. Doch Plakat schwenken, auf denen die Schoah geleugnet wird oder der Staat Israel mit dem NS-Unrechtsstaat gleichgesetzt wird, ja Parolen schreien, wie "Juden ins Gas" oder "Hitler, Hitler", wie in Essen am Freitag, den 18. Juli 2014 auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof, ist sehr bedenklich. Auf Facebook wurde zuvor zur "Vernichtung" (so!) der Alten Synagoge aufgerufen und 18 Personen mussten in Sicherheitsgewahrsam genommen werden. Acht Polizisten standen damals mit Maschinenpistolen ums Haus und ein zweifacher Gitterzaun ließ dieses städtische Museum wie eine Festung erscheinen.

Hier führt eine völlig unkritische Solidarität mit den Menschen in Gasa und der Hamas-Bewegung zu radikal antisemitischen Äußerungen. Vor lauter Emotionen wird nicht zwischen einem städtischen Museum wie die Alten Synagoge Essen oder einer jüdischen Gemeinde in Deutschland und der Politik eines Staates im Nahen Osten unterschieden. Eine der Ursachen für dieses Verhalten mögen persönliche reale und eingeflößte Frustrationen wegen mangelnden beruflichen und privaten Fortkommens sein.

Sensibilisieren und informieren

Doch ist es bedauerlich festzustellen, dass deutsche Schulbildung über Jahre bei diesen Demonstranten weder demokratisches Verhalten noch die Fähigkeit zur Differenzierung zwischen Juden in Deutschland, Israelis und dortiger Regierungspolitik erzeugt haben. Im Gegenteil, es besteht bei nicht wenigen eine Gewaltbereitschaft gegen Sachen und Menschen. Hier muss der Staat Grenzen aufzeigen, da dieser sonst als schwach eingeschätzt wird und sich Übergriffe vermehren und verschlimmern werden. Dies gilt besonders für jene Personen mit Duldungsstatus: Es besteht keine Veranlassung solche, die sich gesetzeswidrig verhalten, einzubürgern. Da sich unter den Sympathisanten für die Hamas vor allem Muslime befinden, wäre es in diesen Milieus angezeigt, zu wirken. Muslime sollten erkennen, dass der Islam stark durch jüdische Einflüsse geprägt worden ist, dass der Koran jüdisch-religiöse Traditionen aufgenommen hat. Sie sollten die jüdische Geschichte etwa der Türkei oder Marokkos als Teil ihrer Herkunftsgeschichte und Kultur wahrnehmen. Es gab im Osmanischen Reich durchaus ein friedliches Nebeneinander von Muslimen, Juden und Christen. Dagegen heben sich die europaweiten Verfolgungen im "christlichen" Europa anlässlich des Ersten Kreuzzuges (1096) und des Schwarzen Todes (1348/49) wie auch die Inquisition in Kastilien und Portugal im 16. bis 18. Jahrhundert mit tausenden lebendig verbrannten Opfern, denen heimliches "Judaisieren" unterstellt wurde, negativ ab. Hier müssen Lehrer sensibilisiert werden, sich auf ihnen fremde Themen einzulassen. Fächer wie "Praktische Philosophie" in NRW oder "Ethik" in anderen Bundesländern sollten zum Thema Judentum und Islam Handreichungen herausgeben. Es könnte für Muslime spannend sein zu erfahren, wie eine nichtchristliche Minderheit - die Juden - über tausend Jahre in Westeuropa ihre religiöse Identität aufrechterhalten konnte und wie sie sich mit Fragen wie Integration gegenüber Assimilation auseinandergesetzt hat.

Entsorgung deutscher Vergangenheit?

Was die Einstellung der Mehrheitsbevölkerung angeht, so kommen verschiedene Studien zu vergleichbaren Schlüssen, dass etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung judenfeindliche Stereotypen hegt. Stärker sind diese nach einer Langzeitstudie der Universität Bielefeld in Schichten mit wenig Bildung und bei älteren Menschen. Die Konfessionszugehörigkeit spielt kaum eine Rolle, allenfalls sind die "traditionellen" antijüdischen Vorurteile bei Katholiken etwas stärker präsent als bei evangelischen Christen. Bei gewissen Stereotypen finden sich aber im internationalen Vergleich für Deutschland hohe Werte. So sind 49% der Deutschen überzeugt "dass die Juden Vorteile aus der Opferrolle" zögen, in Polen meinen dies 72%, in Großbritannien aber nur 22%. Das man "zu Recht wegen Israel (!) Juden nicht möge", meinen in Polen 55% der Einwohner, aber nur 25% in Italien. In Ungarn vertreten 70% der Bevölkerung die Auffassung "die Juden hätten zu viel Einfluss", in Polen sind es 50%, in Deutschland hingegen nur 20%. Besonders unpopulär ist es, wenn Deutsche an den Massenmord an den europäischen Juden erinnert werden: 64,6% wehren sich dagegen, dass Deutschen diese Verbrechen vorgeworfen werden. 56% identifizieren sich mit der übertriebenen Formulierung, dass "Israel einen Vernichtungskrieg" gegen die Palästinenser führe. Bei dieser Formulierung kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die deutsche Geschichte gegen das Verhalten Israels gegenüber Palästinensern aufgerechnet werden soll, ein allzu durchsichtiger Versuch der "Entsorgung" der deutschen Vergangenheit.

Mit dem heutigen Judentum befassen

Als kleine Gruppe sind die Juden in Deutschland mit rund 100.000 organisierten Gemeindemitgliedern und noch ein paar zehntausend "unorganisierten" auf 84 Millionen Menschen der Gesamtbevölkerung im Alltag nicht präsent. Normalität und Sichtbarkeit, wie sie etwa in New York, London oder Paris bestehen, gibt es hier nicht. Umso mehr sollten sich die Lehrpläne nicht mit dem Judentum als bloßem Hintergrund für Jesus wie im christlichen Religionsunterricht begnügen, sondern auch heutiges Judentum in seiner Vielfalt vermitteln. Der Geschichtsunterricht sollte etwas über jüdisches Leben in Europa oder den USA nach 1945 sagen. Christliche Gottesdienste könnten vermehrt die Hebräische Bibel wie auch die jüdische Bibelauslegung zur Kenntnis nehmen. Inzwischen wird dies sogar von der Päpstlichen Bibelkommission befürwortet. Christen würden von der Kenntnis der jüdischen exegetischen Tradition nur profitieren und dabei durch aus ihr eigenes Profil wahren.

Es verwundert, wenn die Evangelische Kirche des Rheinlandes 1980 einen Synodalbeschluss zur "Begegnung" mit dem Judentum verkündet hat, im Lehrplan aber heutiges Judentum nicht auftaucht.

Ungehemmter und aggressiver

Insgesamt bleibt festzuhalten: der Antisemitismus ist nicht neu, hat sich aber diesen Sommer ungehemmter und aggressiver entladen als auch schon. Der israelbezogene Antisemitismus ist heute sichtbarer, vielleicht auch stärker als der "klassische" rechtsradikale. An die aggressionsgeladenen jungen muslimischen Männer, die etwa die Alte Synagoge in Essen bedrohten, wird man nur schwer herankommen. Doch neben dieser festgefahrenen Gruppe gibt es viele Menschen, die sich durch sachliche Argumente, offene Diskussionen, durch Aufklärung, Bildung und Wissen beeinflussen lassen und bereit sind, eigene Vorstellungen kritisch zu überdenken und Neues zu lernen. Es wäre verfehlt nichts zu tun, denn gerade ausländische Medien aus dem arabischen und türkischen Raum verfestigen antijüdische Vorurteile. Man darf diesen nicht das Feld überlassen.

Alte Klischees überwinden

Die Kirchen haben sich von den 1960er Jahren an vom theologischen Antijudaismus und vom Antisemitismus distanziert, einiges - nicht alles - ist an der Basis angekommen. Die katholischen Gruppen, die die Schoah leugnen - wie etwa die Piusbrüder - sind marginal, wie auch diejenigen die den Päpsten ihre Besuche von Synagogen vorwerfen (kreuz.net). Gegen die alten Klischees von der strengen Gesetzesreligion, die eigentlich religiöse keine Existenzberechtigung habe, wehren sich heute engagierte Theologen innerhalb der Kirche, während solche Ideen bis in die 1950er Jahre zum katholischen Mainstream gehörten.

Legitimer Teil der europäischen Tradition

Eine demokratische Kultur und Gesellschaft in Deutschland soll die jüdische Religion, Kultur und Geschichte als legitimen Teil der europäischen Tradition wahrnehmen. Zusammenhänge zwischen Judentum und Islam, aber auch die Vielfalt des heutigen Judentums oder die jüdische Auslegung der Hebräischen Bibel sind Dinge, die leider immer noch weithin unbekannt sind. Das Lernen von Vielfalt am Beispiel des Judentums trägt zur Integration einer Gesellschaft, zu einem friedlichen Nebeneinander bei und diese Chance sollte man nutzen.

 

 

 

 

 

Autor: Uri R. Kaufmann Leiter der Alte Synagoge Essen, Mitglied im Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK

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